„Ich sehe nicht die Unterschiede, sondern das Gemeinsame“ – TPS im Gespräch

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Raul Paramo hat seinen hoch dotierten Job gekündigt und seine Heimat verlassen, um in Deutschland in einer Krippe zu arbeiten. Was ihn antreibt, warum er wenig übers Anderssein nachdenkt und warum Frauen in der Kita mehr Anerkennung verdienen, verrät er uns im Interview.

Text: Heide Grehl
Bild: ©lostinbids/GettyImages

Raul Paramo, 39, wurde in Madrid geboren, hat drei Kinder und arbeitet in Teilzeit in der Kita Rieselfeld in Freiburg.

Foto: Sina Schnebel

Sie sind ein Mann, Sie haben eigentlich was ganz anderes gelernt, und Sie stammen nicht aus Deutschland. Ein Exot in der Kita!

Nein. Ich sehe mich gar nicht so. Ich bin niemand, der sehr viel Wert auf die Unterschiede legt, sondern ich sehe die Gemeinsamkeiten. Beim Thema Gender etwa sehe ich, dass ich meinen Kolleginnen in vielen Aspekten ähnlich bin. Wo ich Unterschiede sehe, ist bei der beruflichen Qualifikation – etwa bei Kolleginnen, die Heilpädagoginnen sind oder die die Erzieherinnen-Ausbildung gemacht haben. Hier bemerke ich, dass wir bestimmte Situationen aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten, und das
finde ich sehr positiv. Das ist viel wichtiger als diese Gender-Unterschiede,
wie Mann und Frau Dinge vermeintlich sehen. Es geht um Inhalte. Und deshalb fühle ich mich so wohl in der Kita Rieselfeld in Freiburg. Obwohl wir von außen betrachtet unterschiedlich sind, also von der Herkunft, der Sprache, dem Geschlecht, sind wir uns von der Haltung, der Meinung, dem Blick auf die Kinder her sehr ähnlich. Das verbindet uns.

Wurden Sie denn im Team sofort gut aufgenommen?

Ja, absolut. Einige bei uns sind unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Alters. Die Unterschiede waren nie ein Thema!

Wie haben Kinder und Eltern auf Sie reagiert?

Berührungsängste habe ich auch dort nicht erlebt. Wir haben viele Eltern mit Migrationshintergrund, die sich an mich wenden und mit mir über Unterschiede, den Job, die fremde Sprache, eine andere Kultur als die gewohnte sprechen. Viele Familien aus arabischen Ländern etwa, in denen es Ähnlichkeiten zur spanischen Kultur gibt, suchen das Gespräch, fassen so Vertrauen. Ich denke, die Kinder profitieren davon, wenn sie Bindungspersonen sehen, die auch eine andere Sprache sprechen, und merken: Das ist etwas Gutes, es ist normal und nichts Fremdes. Ich spreche auch spanisch mit den Kindern, von denen ich weiß, dass sie es verstehen, oder wir singen mal spanische Lieder.

Woher stammen Sie und seit wann sind Sie in Deutschland?

Ich bin in Madrid geboren und habe dort meine ersten 20 Lebensjahre verbracht. Dort habe ich auch Soziologie studiert. Dann war ich in Berlin bei einem Erasmus-Jahr und habe Deutsch gelernt. Danach habe ich in verschiedenen Beratungs- und Marketingunternehmen gearbeitet, bis ich in Österreich gelandet bin, wo ich zwei Jahre in einer Internet-Firma gearbeitet habe, und danach noch sieben Jahre in Barcelona, ebenfalls im Internet-Bereich. Da war mir dann irgendwann klar: Ich will das nicht mehr machen, diese Büroarbeit, das Management. Ich will im pädagogischen Bereich arbeiten. Also hab ich in Barcelona Frühpädagogik studiert. Und als mein erster Sohn geboren wurde, war mir klar: Das ist das, was ich gerne mache – mit den ganz Kleinen arbeiten. Das Säuglings- und Kleinkindalter gefällt mir einfach unheimlich gut. Irgendwann haben meine Frau, die aus Deutschland kommt, und ich dann überlegt, wo wir mit den Kindern leben wollen,und sind auf die Idee gekommen, nach Freiburg zu gehen. Hier hab ich dann an der Pädagogischen Hochschule Kindheitspädagogik studiert und mehrere Praxissemester in Kitas und Krippen in Deutschland und Spanien gemacht. Mittlerweile bin ich auch Dozent an der PH für Krippenpädagogik. Und in der Kita Rieselfeld arbeite ich seit etwa vier Jahren. Dazwischen hab ich Elternzeit gemacht, bei meinem dritten Kind. Mittlerweile arbeite ich im Kindergartenbereich, vorher habe ich immer im Krippenbereich gearbeitet. Aber jetzt ist meine Tochter auch hier in der Krippe und es war für mich wichtig, dass ich nicht in der gleichen Gruppe bin, damit sie mich nicht im Dilemma Papa –Erzieher erleben muss.

Sie sagen, dass Sie auch in Spanien im Kita-Bereich gearbeitet haben. Gibt es große Unterschiede zu der pädagogischen Arbeit hier?

Ja, sehr große. In Katalonien etwa hat sich in den vergangenen Jahren – im Gegensatz zum Rest des Landes – eine Bewegung der Reform-Pädagogik etabliert, und sehr viele öffentliche Krippen wurden gegründet, die qualitativ hochwertig arbeiten. Dort ist der Blick aufs Kind, die Qualifizierung, die Dokumentation, die pädagogische Haltung viel etablierter, es wurde viel diskutiert, es bewegt sich alles auf einem ganz anderen Niveau – obwohl die Rahmenbedingungen viel schlechter sind als hier. Der Personalschlüssel etwa. Allerdings sind die Fachkräfte viel besser bezahlt und haben eine bessere Anerkennung. Was mich dort sehr geprägt hat: Die Qualität der Arbeit mit den Kindern ist so hoch, obwohl die Umstände viel schlechter sind. Interessant ist auch: Diese ganzen reformpädagogischen Ansätze sind in Deutschland viel mehr in der Öffentlichkeit präsent als in Spanien. Aber in der Praxis ist mein Eindruck, dass weniger Wert darauf gelegt wird und dass die Politik sich nur um Plätze und Fachkräfte kümmert – aber das war’s. Es gibt natürlich auch Ausnahmen, und das war der Grund, warum ich mich in Freiburg für die städtische Kita Rieselfeld entschieden habe. Das pädagogische Konzept Infans und die Professionalität im Team haben mich hier sehr überzeugt.

Hat die Erfahrung in Spanien Ihre Arbeit als Erzieher geprägt?

Ja, auf jeden Fall. Ein Unterschied ist, dass zum Beispiel beim Blick aufs Kind in Spanien sehr viel Wert auf die Gruppe und auf Pflegeprozesse gelegt wird. Die Pflege wird gar nicht als Arbeit verstanden, sondern als Bildungsprozess. Themen wie Schlafen, Hygiene, Sauberkeit und Essen werden als Selbstbildung gesehen und das wird entsprechend begleitet. Obwohl vielleicht das Geld für die Wickelkommode fehlt und eine Erzieherin in der Regel über zehn kleine Kinder betreut, wird genau reflektiert, wann, wo und wie gewickelt wird.

Was war der Auslöser, dass Sie gesagt haben: Ich will nicht mehr im Management einer Firma arbeiten, sondern mit Kindern?

Das ist eine lustige Geschichte. Als meine Frau schwanger wurde, hat sie mich gefragt, wie ich es finden würde, wenn wir eine Hausgeburt machen würden. Ich dachte: „Hausgeburt? Wie geht das denn? Das Kind einfach zu Hause kriegen, oder wie?“ Und sie sagte: „Genau, in Deutschland machen das viele, warum nicht?“ Da fing ich an, mir Gedanken zu machen: Was ist Geburt? Was heißt es, ein Kind auf die Welt zu bringen? Da hatte ich zum ersten Mal ein Bewusstsein dafür, was Kindheit bedeutet. Dass sie nicht erst nach der Geburt beginnt, sondern schon vorher. Ich habe mich dann, wie gesagt, mit Emmi Pikler befasst, mit Pflege und den ersten Lebensjahren, auch mit Waldorfpädagogik, Montessori-Pädagogik, Reggio. Das hatte dann alles einen Einfluss, weil mir gleich danach klar war: Ich will was mit Kindern machen. Ich habe ein Praktikum an einem Gymnasium in Spanien gemacht, um zu sehen, ob ich als Lehrer arbeiten will, und habe dann schnell gemerkt: Nein. Mich interessiert am meisten das Kleinkindalter. Das will ich auf jeden Fall machen.

Wie hat Ihr Umfeld reagiert, als Sie von Ihren Plänen erzählt haben? Bekamen Sie Unterstützung oder hat die Familie gesagt: Du hast einen guten Job, mach das nicht!

Eher Letzteres. Es war schwierig für mich, Eltern und Freunden zu sagen: Erstens kündige ich jetzt, mit 31 Jahren, meinen Job als Manager, wo ich gut verdiene und eine hohe Position habe. Eben alles, was man sich als Mann in dieser Gesellschaft wünscht. Und ich fange was Neues an. Ich hatte erstmal keinen Job, es war klar, fünf Jahre verdiene ich nichts, und dann war auch noch ein Kind unterwegs. Zweitens ziehe ich nach Deutschland um. Aber meine Frau hat mich von Anfang an unterstützt. Ohne sie hätte ich das alles nicht geschafft. Sie hat mir sehr viel Mut gegeben.

Auch Ihr Familienleben ist anders als das der meisten Familien in Deutschland …

Ich arbeite in Teilzeit, kümmere mich außerdem um die Kinder und meine Frau arbeitet Vollzeit. Es ist sicher in Deutschland – leider! – noch ungewöhnlich, dass der Mann weniger verdient und die Frau Hauptverdienerin ist und eine Führungsposition hat. In Spanien sind die Löhne allgemein geringer, was ich nicht gut finde, aber es führt oft dazu, dass Mann und Frau in einer Familie beide in Vollzeit arbeiten müssen. Da erkenne ich Unterschiede. Beide sind verpflichtet, sich um die Kinder zu kümmern oder mal zu Hause zu bleiben, wenn sie krank sind. Meine Frau verdient hier dreimal so viel wie ich – da ist es ja klar, wer zu Hause bleibt. Das ist hier eben ein Problem für viele Frauen in sozialen Berufen. Und es irritiert mich auch, dass in den Medien so viel über Männer gesprochen wird, wenn sie wie ich in der Kita arbeiten. Sie werden dann gelobt und alle finden toll, was sie tun. Dabei wird nicht erwähnt, dass die Frauen, die das schon jahrelang machen, eine wunderbare Arbeit leisten – und in vielen Fällen viel besser sind als die Männer, die einsteigen. Das ist schade. Die Männer werden rausgehoben, weil sie Männer sind. Und die superprofessionelle Arbeit der Frauen wird vergessen.

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