Stark wie ein Baum

Sie müssen Entscheidungen nicht alleine treffen. Verbünden Sie sich mit Ihrem Träger, sodass Sie ihn in riskanten Situationen als Sicherheit, Stärke und Mittragenden im Rücken haben. Wie das gelingen kann, lesen Sie in diesem Artikel.

Text: Kerstin Kreikenbohm, Bild:© gettyimages/David Jakle

„Als Leiterin stehe ich immer mit einem Bein im Gefängnis!“ – Ein Gefühl, das sicher viele Kita-Leitungen kennen. Die Gratwanderung zwischen Erlaubtem und per Gesetz Verbotenem ist mitunter ein Drahtseilakt. Viele Verordnungen, wie die Lebensmittelhygiene, wurden verschärft. Noch vor Jahren reichte ein verantwortungsvoller Umgang mit dem Nudelsalat und den von Eltern liebevoll garnierten Törtchen für Kita-Feste.

Heute müssen diese zunächst auf Temperatur und Zustand geprüft, dokumentiert und dann artgerecht aufbewahrt werden. Dafür gibt es Prüfinstrumente, Checklisten, Vordrucke und ein Hygienekonzept im Haus. Das schürt Ängste und eine Unsicherheit bei vielen Verantwortlichen. Am Ende entscheidet oft das Standing der Leitung darüber, ob es überhaupt noch Büfetts bei Festen gibt oder nicht.

Ein Risiko kommt selten allein

Auch beim Betrieb der Holzwerkstatt, des Bewegungsraumes oder Spielplatzes muss permanent abgewogen werden: „Ist das schon fahrlässig oder einfach nur eine 1A-Bildungssituation?“ Zugegeben – man mag nicht hingucken, wenn Dreijährige, die knapp über die Werkbank schauen können, den Fuchsschwanz schwingen und damit an einem Brett sägen. Auch der Hammer des Freundes, der immer wieder knapp am Daumen vorbei den Nagel trifft, macht nicht ruhiger.

Wie schön, wenn die Werkstatt dann von einer nervenstarken Fachkraft betreut wird, die Ruhe ausstrahlt und viel Vertrauen in das Handeln der Kinder hat. Die kleinen Handwerker können so wertvolle Erfahrungen mit dem Material, den Werkzeugen und ihrem eigenen Tun sammeln und genau die Kompetenz erwerben, die sie für den Umgang mit Fuchsschwanz und Hammer benötigen. Das berechtigt sie in manchen Kitas dann sogar zum selbstständigen Arbeiten in der Werkstatt – wie in der Kita Aschhausen durch einen Werkstattpass oder ein -diplom.

Gibt es in der Kita regelmäßige Waldtage, ergeben sich wunderschöne Forschungs-und Entdeckungsfelder für die Kinder: So, wie es Astrid Lindgrens Ronja Räubertochter in ihrem Mattiswald erging, die sich frei und unbegrenzt mit allen Sinnen ins Abenteuer stürzte. „Lovis“, sagte er (Mattis d. V.) zu seiner Frau, „unser Kind muss lernen, wie es ist, im Mattiswald zu leben. Lass Ronja hinaus!“

Und damit hatte Ronja die Erlaubnis, frei herumzustreunen, wie sie wollte. Vorher aber ließ Mattis sie dies und jenes wissen. „Hüte dich vor den Wilddruden und den Graugnomen und den Borkaräubern“, sagte er. „Woher soll ich wissen, wer die Wilddruden und die Graugnomen und die Borkaräuber sind?“, fragte Ronja. „Das merkst du schon“, antwortete Mattis. „Na,dann“, sagte Ronja. „Und dann hütest du dich davor, dich im Wald zu verirren“, sagte Mattis.

„Was tu ich, wenn ich mich im Wald verirre?“, fragte Ronja. „Suchst dir den richtigen Pfad“, antwortete Mattis.“Na, dann“, sagte Ronja. „Und dann hütest du dich davor, in den Fluss zu plumpsen“, sagte Mattis. „Und was tu ich, wenn ich in den Fluss plumpse?“, fragte Ronja. „Schwimmst“, sagte Mattis. „Na, dann“, sagte Ronja. „Und dann hütest du dich davor, in den Höllenschlund zu fallen“, sagte Mattis. „Dann falle ich eben nicht in den Höllenschlund. Sonst noch was?“

„O ja“, sagte Mattis. „Aber das merkst du schon selber so allmählich. Geh jetzt!“ Ronjas Eltern überwanden ihre eigene Angst – wohl wissend, dass Ronja ihre Erfahrungen selbst, in ihrem eigenen Tempo, Schritt für Schritt, mit Pausen und Wiederholungen, ihren Interessen und Forscherfragen folgend, machen muss.

Das wissen auch die pädagogischen Fachkräfte in Kitas und sie entwickeln auf dieser Grundlage ihre Konzepte. Diese beinhalten unterschiedlich große Freiräume für Kinder in der Kita. Das Ausmaß an Möglichkeiten des Erlebens von Selbstwirksamkeit, der Förderung der Selbstständigkeit und Selbstorganisation sowie das partizipatorisch geprägte Streben nach Prozessqualität sind abhängig von vielen Faktoren – einer davon ist der Träger.

Er verantwortet schließlich die Konzeption und das Qualitätsmanagementsystem und muss diese im Ernstfall nach innen und außen vertreten. Der Träger – das klingt so sachlich, fast schon neutral. Dabei leitet sich das Wort aus der Grundform tragen ab und das ist wichtig! Laut Duden ist ein Träger „jemand, der Lasten trägt“, er „ein tragendes Bauteil“ darstellt, der „etwas stützt, der die treibende Kraft von etwas ist“ und letztendlich „für etwas verantwortlich ist“.

Für die Kita, vor allem die Leitung und das Team, ist der Träger also von hoher Bedeutung. Es gibt in Deutschland eine riesige Trägerlandschaft und unzählige Modelle der Organisationsformen von Trägern. Unabhängig davon, wie sie organisiert sind, müssen die Träger ihre Kitas alle nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten effektiv führen. Sie müssen auf demografische Umbrüche reagieren, die Qualifikation und Ausstattung des Personals sicherstellen und den Anforderungen der Gesellschaft an die Qualität der Kita nachkommen.

Kitas müssen auch in konzeptioneller Hinsicht getragen werden. Folgende Fragen sollten beantwortet werden:

  • Weiß der Träger um das Profil und die Ziele der Arbeit des Hauses?
  • Stärkt er dem Team den Rücken, wenn es mutige Wege geht?
  • Trägt er risikobehaftete Entscheidungen?
  • Ist der Träger präsent und bekannt?

Die Trägervertreter benötigen außerdem vertiefte Kenntnisse über ihre Aufgaben durch die Bildungs- und Erziehungscurricula. Immer wieder neue landespolitische Vorgaben erweitern das Aufgabenspektrum der Träger stetig, wie etwa Sprachförderung. Sie müssen pädagogische, politische und regionale Entwicklungen aktiv verfolgen und zeitnah reagieren, so Silvia Rückert in ihrer Publikation „Herausforderung Kindergarten – Kindergartenträger und ihre Einrichtung. Trägeraufgaben und Trägerstrukturen im Wandel“. Mit der Verwaltung von Finanzen und dem Personal allein ist es also nicht getan. Dafür steht ja auch meist ein administrativer Apparat zur Seite.

Den Träger ins Boot holen

Wenn man sich die Fülle an Trägeraufgaben ansieht, wird deutlich, dass es zu spät ist, den Träger erst bei risikobehafteten Entscheidungen ins Boot zu holen. Er sollte dann schon längst drinsitzen und mit dem Team in eine Richtung steuern! Dies kann gelingen, wenn folgende vier Faktoren gewährleistet sind:

1. Vertrauen

Beide Seiten wissen, was sie aneinander haben. Sie können sich auf einer Basis von Loyalität, Verschwiegenheit und Akzeptanz gegenseitig vertrauen.

2. Kommunikation

Leitung und Trägervertreter kommunizieren regelmäßig verlässlich miteinander. „Gibt es Meinungsverschiedenheiten oder Kritik, sollte der künftige Umgang damit verbindlich festgelegt werden“, so Ina Schütt in „Leitung sein“ (Kindergarten heute/Leiten kompakt).

3. Kompetenz

Beide Seiten haben ihre fachlichen Kompetenzen und damit auch Grenzen, die gegenseitig nicht überschritten werden sollten. Engagierte Kita-Leitungen sind durchaus gefährdet, im Eifer um die Sache zu eifrig zu sein. Auf jeden Fall sollte die Fachlichkeit der Leitung, als Schatz, bei wichtigen Entscheidungen zugrunde gelegt werden. Dies gilt natürlich gleichermaßen für die Vertreterinnen und Vertreter der Träger.

4. Aufgabenverteilung

Eine Aufgabenmatrix hilft, die Aufgaben und Zuständigkeiten, die von der Leitung, der Geschäftsführung, von Ausschüssen, von der Verwaltung und von anderen Ansprechpartnern wahrgenommen werden müssen, zu regeln. Wer für was verantwortlich ist, wer wem zuarbeitet, wer informiert werden muss und wie Wege und Fristen geregelt sind. Vieles davon regelt auch schon die Dienstordnung, aber im Detail ist es doch ratsam, die komplexen Zusammenhänge schriftlich übersichtlich darzustellen.

Träger sollte das Hausprofil kennen

Welche Möglichkeiten nutzt das Team, um mit Trägervertretern über fachliche Inhalte ins Gespräch zu kommen und sein Profil wirksam in Szene zu setzen? Es ist (noch) nicht üblich, sich in Non-Profit-Organisationen hervorzutun und laut zu rufen: „Schaut her! Das machen wir und es ist gut!“ Aber genau dieses Selbstbewusstsei nbrauchen wir, um an den richtigen Stellen gehört zu werden, Verbesserungen zu bewirken und letztlich auch den Träger in die Pflicht zu nehmen.

Sie haben Vertrauen in die Fähigkeiten der Kinder und möchten ihnen das Zutrauen schenken, dass sie Dinge alleine schaffen oder ruhig ausprobieren können? Dann, wenn sie mit Werkstattpass alleine in der Werkstatt arbeiten oder im Wald auf Bäume klettern. Oder wenn Sie ihre Türen öffnen und Kinder sich selbstständig im Haus bewegen dürfen. Dann muss das genauso in der Konzeption stehen, die dann vom Träger autorisiert wird. Bestimmte „gefühlt verbotene“ Gefahrenquellen und Versicherungstotschlagargumente entsprechen häufig gar nicht den Geboten von Unfallverbänden und dem TÜV.

Ganz im Gegenteil. In dem Film“Risiko und Prävention – ein Widerspruch?“, ein Projekt der Unfallkasse Nordund der DAK, treffen deren Träger die Aussage: Jedes Kind hat ein Recht auf seine Beule. Sie stehen damit auf für das pädagogische Ziel, Kinder zu befähigen, mit den Risiken des Lebens umzugehen. Ein Film, der Mut macht und viele Ängste nimmt. Nur, wenn das Team zu den Risiken, die sich aus konzeptionellen Entscheidungen ergeben, wirklich stehen kann, wird das Profil, das es nach innen und außen lebt, wirksam. Nach innen hat es eine Wirkung auf die Kinder und nach außen auf die Eltern und den Träger. Ein deutliches Profil steht für Fachlichkeit und diese stärkt das Vertrauen anderer in Ihr Tun.

Stärkt der Träger mutige Wege?

Transparenz und Kommunikation sind hier die Schlüsselworte. Die Kita ist in der Bringschuld – doch der Träger muss auch die Zeit und das Interesse aufbringen, sich aktiv mit den Hintergründen der Themen zu befassen. Pauschales Vertrauen reicht oftmals nicht. Die Leitung benötigt Zuspruch, wertschätzende Gesten und eine öffentliche Koalition.

Eine Koalition mit dem Träger, der den Rücken stärkt, bringt das Team nicht so schnell ins Wanken. Es kann seinen Weg sicher verfolgen. Im Verlauf ist es wichtig, sich gegenseitig auf dem Laufenden zu halten. Nur so können beide Seiten kompetent agieren und eine gemeinsame Linie finden.

Doch was passiert bei riskanten Entscheidungen? Wie bereits gesagt – Träger kommt von tragen. Ein wichtiger Faktor für den Träger ist hier aber auch die fachliche Kompetenz: Trägervertreter können nur dann zu tragbaren Entscheidungen kommen, wenn sie ausreichend informiert und involviert sind. Eine Aufgabe für beide Seiten! Der Träger muss aktiv in den Alltag der Kita mit eingebunden werden, um einen Überblick zu haben.

Ist der Träger präsent und bekannt?

Als Träger präsent zu sein und echtes Interesse zu zeigen hilft, aufeinander zuzugehen und die Herausforderungen rund um die Kita-Arbeit zu meistern. „Die Anforderungen an die frühkindliche Erziehung, Bildung und Betreuung haben sich im letzten Jahrzehnt in rasantem Tempo verändert“, so Rückert in ihrer bereits genannten Publikation. Dies trifft Träger und Kita-Leitungen gleichermaßen.

Ich hoffe, dass die Forderungen und Aufgabenzuschreibungen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft nicht dazu führen, dass es eine rückwärtige Entwicklung in Bezug auf mutige Entscheidungen gibt. Eine, die Kindern eben nicht mehr Freiräume in der Kita ermöglicht. Gerade in diesen herausfordernden Zeiten müssen Träger und Leitungen zusammenhalten und die Rahmenbedingungen schaffen, die den Kindern einen guten Start in die Gesellschaft ermöglichen, indem sie in der Kita selbstwirksame Erfahrungen sammeln können.

Ich wünsche jedem Kind das Spielen und Lernen in einem 1A-Mattiswald!

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