Ich bin wichtig – ich schaue auf mich

Selbstfürsorge: oft vernachlässigt, aber nicht zu unterschätzen. Doch Sie sind wichtig. Damit es möglichst überhaupt nicht so weit kommt, dass Tagesmütter und -väter krank werden und darum die Betreuung nicht stattfinden kann, sollten sie (auch) auf sich selbst, ihr eigenes Wohlbefinden, ihre Gesundheit achten. Die Autorin zeigt hier, wie das im anstrengenden Berufsalltag gehen kann.

Text: Barbara Leitner
Bild: ©Oliver Rossi/GettyImages

„Wie geht es dir?“ Die Antwort auf diese Frage ist für Tagespflegepersonen
alles andere als banal. Klar: Die Frage differenziert zu beantworten unterstützt die sprachliche Bildung der Kinder. Tageseltern spiegeln den Kindern deren verschiedene emotionale Zustände über den Tag, was wichtig ist. Zugleich helfen Gefühle den Tagespflegepersonen, ihre eigenen Krafträuber und Kraftquellen im Alltag zu identifizieren. Von dieser Fähigkeit hängt wesentlich die Wirksamkeit ihrer Arbeit mit den Kindern und auch allen anderen Beteiligten ab.

Auf die eigenen Gefühle achten

Das verlangt zunächst, eine Selbstwahrnehmung zu entwickeln und den eigenen Empfindungen und Gefühlen Raum zu geben. „Dafür habe ich keine Zeit“, werden mir viele Tageseltern entgegenhalten. Tatsächlich braucht es ein bewusstes Stopp und eine Innenschau, um zu spüren: „Ich bin traurig, wenn zwei Kinder Quatsch machen, wenn ich mit allen singen will.“ Oder „Ich habe Angst, wenn die Kinder auf der Straße loslaufen, ohne auf mich zu warten.“ Oder „Ich ärgere mich, wenn die Eltern erst 15 Minuten nach der vereinbarten Zeit ihr Kind abholen und das als normal betrachten.“

Die Generation der heute Erziehenden erlebte in der eigenen Kindheit vermutlich selten Erwachsene als Gegenüber, die ihre Gefühle ernst nahmen und ihnen Raum gaben. Deshalb muss das Spüren oft erst gelernt werden. „Wie geht es mir gerade?“ Sich einen Augenblick Zeit zu nehmen, diese Frage zu beantworten, gibt Tageseltern die Chance, wahrzunehmen, wohin sich der Zeiger auf ihrem inneren Wohlfühlbarometer gerade bewegt. Steht er auf Ausgeglichenheit?

Oder bewegt er sich Richtung Minus? Damit fallen Entscheidungen, wie stressig oder ruhig der Tag weiter verläuft. Gefühle gehören zum unsichtbaren, unbewussten Eisberg unserer Kommunikation. Sie beeinflussen maßgeblich Haltungen und Handlungen in der pädagogischen Arbeit, denn sie weisen auf erfüllte und unerfüllte Bedürfnisse hin. Alte, reaktive, grobe Muster werden in der Regel aktiv, wenn Bedürfnisse nicht erfüllt sind und die Fürsorge für sich selbst verloren geht. Das ist einer guten pädagogischen Qualität abträglich. Denn Kindertagespflegepersonen werden die Bedürfnisse der Kinder nicht gut sehen können, wenn in ihnen bereits die Alarmglocken läuten.

Jedem wird es einleuchten, dass man mit Kindern freundlicher umgeht, wenn man entspannt und frohgemut ist. Deshalb ist es wichtig und notwendig, dass Tageseltern – bei aller Fürsorge für die von ihnen begleiteten Kinder – auch dem eigenen Befinden im Alltag ausreichend Beachtung schenken sollten. Selbstfürsorge ist keinesfalls egoistische Nabelschau, sondern Voraussetzung dafür, emotional frei und mit einem Bewusstsein für die eigenen und die Bedürfnisse anderer Menschen handeln zu können.

Dem Atemfluss folgen

Hilfreich ist es gerade in solch herausfordernden Berufen wie dem von Kindertagespflegepersonen, eigenen Rituale zu entwickeln, mit denen es möglich ist, immer wieder auf sich selbst zu schauen. Das kann zum Beispiel sein, auf den eigenen Atem zu achten und den Atemfluss wahrzunehmen, ein leider oft noch unterschätztes Ritual zur Innenschau. Auch wenn Tageseltern Kinder im Spiel beaufsichtigen, ist es durchaus möglich, gleichzeitig bewusst zu schauen, wo und wie die frische Luft in den Körper einströmt, und zuzulassen, dass sich Ausatmen und Entspannen miteinander verbinden.

Nur wenige Minuten bewusst auf den eigenen Atem zu achten hilft, aus dem sich ewig drehenden Gedankenkarussell auszusteigen und im gegenwärtigen Moment anzukommen. Gerade weil so viele verschiedene Anforderungen von Tageseltern parallel zu bewältigen sind, ist es sehr ratsam, sich solche Sequenzen des Nichtstuns zu gönnen. „Hilfe, die Kinder haben alles Spielzeug im Raum verteilt. Mir ist es noch nicht gelungen, die Kartoffeln zu schälen. Und jetzt weint ein Kind. Das ist ganz schön viel. Ich merke, wie ich angespannt werde. Mit ist es aber wichtig, in Ruhe zu bleiben.“ Zunächst geht es einfach darum wahrzunehmen „So ist es gerade!“ und nichts ändern zu wollen.

Dadurch lernen Körper und Geist, einzelne Situationen und auch das ganze Leben wie es ist zu akzeptieren und entspannter da zu sein. Gerade in besonders stressigen Momenten empfiehlt sich solch eine bewusste Entschleunigung über die Beobachtung des Atems. Viele kennen die Aufforderung: „Zähl mal bis zehn“. Dadurch ist es möglich, Abstand herzustellen und eine realistischere Perspektive auf die Situation einzunehmen. In der Regel ist nicht das Leben bedroht, wie uns unsere Amygdala im Hirn weismachen will. In Sekundenschnelle versetzt sie unseren Körper auch bei Ärger in Alarmzustand und macht uns unfähig, den Überblick zu wahren.

Ich habe in meinem Arbeitszimmer eine Uhr mit Vogelstimmen. Jede Stunde erklingt ein Ruf, der mich auffordert, kurz nur auf mich zu achten. Durch die regelmäßigen Atem-Übungen gelingt es mir inzwischen, auch im Stress gelassener zu sein. Und es ist durchaus hilfreich, auch kleine Kinder bei Unruhe einzuladen: „Lass uns erstmal zusammen kräftig ausatmen, ehe es weitergeht. Phhhh.“

Lieblingsstrategien zur Entlastung finden

Dazu kommt eine ganze Palette von Strategien, in denen Tageseltern das Zusammensein mit den Kindern nutzen können, sich innerlich wieder zu balancieren, zum Beispiel:

  • mit den Kindern singen und musizieren,
  • die sinnlichen Reize beim Kneten oder Spielen mit den verschiedensten Materialien genießen,
  • sich an der frischen Luft mit den Kindern bewegen und dabei den Körper spüren,
  • einen Moment lang einen Baum, einen Vogel, eine Wolkenformation betrachten und dadurch wieder mit der eigenen Lebendigkeit in Kontakt kommen

Gerade wenn der energetische Level fällt, braucht es Freundlichkeit für sich selbst. Allerdings ist sie in diesen Momenten häufig auch am schwersten zu entwickeln. Meist braucht man dann ein wertschätzendes Wort von jemand anders, um wieder auf die Haben-Seite des Lebens zu schauen. Das ist ein Dilemma für viele Tageseltern, die allein und in der häuslichen Umgebung die Kinder in ihrer Entwicklung begleiten. Sie sind häufig zwischen dem Bringen und dem Abholen der Kinder auf sich allein gestellt.

Damit fehlt ihnen auch in der Not ein freundlicher Mensch an der Seite, der sagt: „Ach, geh mal raus, atme mal durch.“ Oder „Siehst du, die Sonne scheint draußen, auch wenn es sich hier im Raum gerade nach Gewitter anfühlt.“ Etliche Tagesmütter und -väter entscheiden deshalb: „Ich will nicht immer allein arbeiten!“

Sie treffen sich mit anderen Tageseltern, um gemeinsam zum Spielplatz zu gehen oder ein Förderangebot für die Kinder wahrzunehmen. Damit erweitern sie nicht nur den für die Kinder ebenfalls wichtigen Horizont. Sie erfüllen sich auch ihr eigenes Bedürfnis nach Austausch und oft auch Verständnis: Da ist jemand, der sie versteht, der mit ihnen gemeinsam auf das Verhalten eines Kindes schaut und eine neue Perspektive eröffnet. Auch das kann entlastend wirken und damit wieder einer entspannten Beziehung zu den Kindern und ihren Eltern dienen.

Sich selbst gut zu kennen und für sich zu sorgen verstehe ich als eine verantwortungsvolle und mutige Position. Das ist nichts für Feiglinge. Sie beinhaltet auch, sich aktiv für als notwendig erkannte Veränderungen einzusetzen. Dazu gehört beispielsweise auch, jenen Eltern, die die Betreuungszeit überdehnen, klar mitzuteilen: „Das geht auf Kosten meiner Substanz! Ich habe dann weniger Kraft für Ihr Kind, doch diese Kraft ist wichtig. Können Sie das sehen? Wie wollen Sie hier für einen Ausgleich sorgen?“.

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