21.02.2020
Angelika von der Beek
Diplom-Pädagogin

Raumgestaltung im Offenen Konzept – Die Bedeutung des Raumes

Es gibt eine einfache Antwort auf die Frage nach der Bedeutung des Raumes und der Raumgestaltung in der Offenen Arbeit: Sie ist immens. Die Kinder entscheiden selbst, in welchem Raum sie sein wollen, mit wem und mit welchen Materialien sie sich beschäftigen. Angelika von der Beek beschreibt die Bedeutung der Raumgestaltung im Offenen Konzept und wie sich gegebene Räume umfunktionieren lassen.

Text: Angelika von der Beek, Diplom-Pädagogin, Fachberaterin, Autorin, freiberufliche Fortbildnerin
Bild: ©Rawpixel/GettyImages

Raumgestaltung im Offenen Konzept

In den Geschichten über die Offene Arbeit, aufgeschrieben von Mechthild Dörfler, heißt es: „Bei der Entwicklung zum Offenen Kindergarten waren zwei Stränge miteinander verwoben. Erstens die Raumveränderung. Denn mehr Bewegung braucht mehr Platz, Türen wurden geöffnet und Räume verändert. Zweitens der Inhalt, die Pädagogik.“ Die Sache mit den „geöffneten Türen“ hat zwei Seiten. Die positive Seite: Sie ist Ausdruck eines „Kulturwechsels“ – weg von Gruppen mit geschlossenen Türen und voneinander isolierten ErzieherInnen, hin zu einem „Haus für Kinder“, in dem sich die Kinder frei bewegen können und die ErzieherInnen sich für alle Kinder verantwortlich fühlen. Die negative Seite: Bei geöffneten Türen kann auch leicht Durchzug entstehen ... Genau deshalb muss das Bild von der Verwobenheit der beiden „Stränge“ Räume und Personen ernst genommen werden. Es bedeutet, dass sich die Auffassung von Kindheit veränderte und deshalb nicht folgenlos blieb, weil sich dieses Bewusstsein in einer Art von Raumgestaltung niederschlug, die das „neue Bild vom Kind“ bestätigte und auf diese Weise die Raumgestaltung mit der Pädagogik verschmolz.

Die geniale Idee der Funktionsräume

Dabei war die zentrale Veränderungsidee so genial wie einfach. Aus den traditionell in jedem Kindergartenvorhandenen Ecken für Basteln, Bauen und Rollenspiel wurden ganze Räume mit genau diesen Funktionen. Dabei ist das Wort „Funktionsraum“ nicht schön, aber nach meinem Eindruck das passendste, was wir bisher haben. Funktionsräume erleichtern es, eine erzieherzentrierte Angebotspädagogik zu überwinden. Aber sie verhindern sie nicht. Offensichtlich kann man auch in Funktionsräumen erzieherzentrierte Angebotspädagogik machen. Und das anscheinend umso leichter, je weniger der Raum und die Materialien die Kinder zur Selbsttätigkeit animieren.

Von der Psychomotorik zum Bewegungsraum

Abgesehen davon, dass hervorragende Ideen eigentlich immer einfach sind, war es natürlich alles andere als leicht, die Idee der Funktionsräume auch umzusetzen. Dies war vor allem deswegen so, weil im Mittelpunkt der Offenen Arbeit die Psychomotorik steht. Die treffende Formulierung „vom Sitz- zum Bewegungskindergarten“ bedeutete zunächst einmal, dass in jedem Kindergarten nicht nur draußen, sondern auch drinnen ein Platz für Bewegung gefunden werden musste. Oft fehlte ein Turnraum. Daher funktionierte man die Halle, einen breitnr Flur oder einen Gruppenraum in einen Bewegungsraum um. Oder es war ein Turnraum vorhanden, aber keiner fühlte sich dafür zuständig. Stattdessen nutzten alle Gruppen ihn nach Wochenplan. Es war und ist nicht leicht, einen Bewegungsraum zu improvisieren, indem Räume umgenutzt werden.

Und es war und ist ebenso schwierig, für einen vorhandenen Turnraum jemanden zu finden, der sich als Fachperson des Raumes annimmt. Eine Person, die in ihm präsent ist, sodass die Kinder während ihres Aufenthalts in der Kita jederzeit den Raum aufsuchen können. Eines der wichtigsten Ziele der Offenen Arbeit ist es, den Kindern die vier Freiheiten des Freispiels zu gewähren. Zu wählen wo, wann, mit wem und was sie spielen.

Es hört sich möglicherweise einfach an, dieses Ziel zu realisieren. Aber anhand des Bewegungsraumes lässt sich verdeutlichen, dass dies, wenn überhaupt, nur räumlich umgesetzt werden kann. Sonst bleibt es für die Kinder bedeutungslos. Im Falle des Bewegungsraumes kommt noch hinzu, dass der Raum von den Kindern nur dann nach ihren Bedürfnissen genutzt werden kann, wenn zumindest ein Teammitglied seine Rolle als „Fachperson für Bewegung“ definiert. Das Beispiel des Bewegungsraumes zeigt, dass die Bedeutung eines Raumes in der Offenen Arbeit mit der Verantwortung steht und fällt, die die ErzieherInnen für diesen Raum übernehmen.

Gleichwertigkeit von Innen- und Außenräumen

Angesichts der traditionellen Verbindung von Bauten und Gärten für Kinder, muss ein weiteres wichtiges Prinzip der Raumgestaltung in der Offenen Arbeit eigentlich nicht weiter ausgeführt werden: das der Gleichwertigkeit von Innen- und Außenräumen. Allerdings wird erst im Zuge der Offenen Arbeit drinnen nach einem Raum gesucht, in dem die Kinder ähnliche Möglichkeiten wie draußen haben, vor allem zur Bewegung. Andererseits gibt es immer mehr Kitas, die kein Außengelände haben. Seit den Anfängen der Offenen Arbeit war die Wertschätzung eines möglichst naturnahen Außengeländes hoch. Und damit auch der Wunsch, den Kindern im Außengelände alles das anzubieten, was sie drinnen vorfinden und noch mehr. Deshalb erstreckt sich das Fachpersonenprinzip auch auf das Außengelände und führt im besten Fall dazu, dass der Außenraum nicht nur überwacht, sondern auch gestaltet wird.

Zentrale Funktionsräume für die Offene Arbeit

Die Offene Arbeit braucht folgende Funktionsräume: ein Kinderrestaurant als Raum für die Mahlzeiten, der die anderen Räume von den Tischen und Stühlen entlastet und ihnen Werkstattcharakter ermöglicht; darüber hinaus einen Bewegungsraum, ein Atelier, einen Bauraum und einen Rollenspielraum. Diese Räume sollten jederzeit zugänglich sein und von jeweils einer Fachperson vertreten werden. Bau- und Rollenspielbereiche lassen sich zur Not integrieren und Angebote zum Rollenspiel in Fluren, Hallen etc. improvisieren. Jeder dieser Funktionsräume braucht „Räume im Raum“.

Räumliche Strukturen in großen Kitas

Viele Eltern befürchten, dass offene Strukturen zu Unübersichtlichkeit und Durcheinander führen. Damit sich diese Ängste nicht bestätigen und die Räume ihre Funktion erfüllen, sollten Sie Strukturen schaffen, die zu übersichtlichen Einheiten führen. Konkret heißt das, zwei oder drei Gruppen zusammenzufassen. Vier Gruppen möglicherweise in zwei mal zwei und sechs Gruppen auf jeden Fall in zwei mal drei Gruppen unterteilen. In großen Kitas sollte keine „Rationalisierungen“ dadurch stattfi nden, dass es alle Räume nur ein Mal gibt. Vielmehr müssen Einrichtungen eine „Reduzierung von Komplexität“ dadurch erreichen, dass es alles, je nach Kita-Größe und Architektur, zwei oder dreimal gibt. Bei der Umwandlung & Gestaltung der Funktionsräume in der Offenen Arbeit sollte man unbedingt mit den architektonischen und innenarchitektonischen Gegebenheiten arbeiten. Nicht gegen sie.

Fazit: Funktionsräume und Fachpersonen gehören zusammen

Die Bedeutung des Raumes und der Raumgestaltung im Offenen Konzept ist deswegen so groß, weil sie konsequenterweise zum Fachpersonenprinzip führt. Nur das Fachpersonenprinzip ermöglicht nämlich das Aufspüren des eigenen Interesses an einem Bildungsbereich, den Mut zur eigenen Fachlichkeit und eine gewisse Entlastung durch die Spezialisierung. Und: Die gegenseitige Anerkennung als Fachfrauen und -männer schließt einen Konkurrenzkampf nahezu aus.

Trennung der Räume für Kinder unter und über drei Jahren

Umstritten ist in der Offenen Arbeit, ob es eine räumliche Trennung von Kindern unter und über drei Jahren geben soll. Das Hamburger Raumgestaltungskonzept plädiert für diese Reduzierung von Komplexität durch Schaffung von eigenen Räumen für Krippenkinder. Diese sollten über ein „Nest“ hinausgehen, da sie entwicklungsgerecht, differenziert und sorgfältig ausgestattet sind und die Kinder sich animiert fühlen zu bleiben, bis sie sich sicher fühlen, ihre „Basisstation“ zu verlassen. In der Krippe werden die Kinder in Gruppenräumen, mit „Räumen im Raum“ für Malen, Bauen und Rollenspiel, betreut. Mit einem starken Akzent auf Bewegungsmöglichkeiten, die ihr Gruppen und/oder ein unmittelbar zugänglicher Nebenraum bietet. Bei Neu- und Anbauten sollte man unbedingt darauf achten, dass eine möglichst enge Verbindung zwischen den Räumen der Krippe und des Elementarbereichs besteht. So kann der Übergang organisch verlaufen.

Trennung der Räume für Kindergarten und Hortkinder

Kaum umstritten ist das Prinzip der Trennung der Räume für Kindergarten und Hortkinder, da ihre Bedürfnisse und Fähigkeiten allzu offensichtlich verschieden sind und die Hortkinder dieses – im Gegensatz zu den Krippenkindern – artikulieren können. Oft gibt es pragmatische Gründe, warum Hortkinder dann doch die Räume der Drei- bis Sechsjährigen mitbenutzen müssen. In der Regel haben sie wenigstens einen eigenen Raum – und wenn es der Schularbeitenraum ist. An diesem Beispiel lässt sich deutlich zeigen, dass der multifunktionellen Nutzung von Räumen dann enge Grenzen gesteckt sind, wenn die Gestaltung der Räume dafür sorgen soll, dass die Kinder selbsttätig sein können. Vieles von dem, was für Dreijährige passend und interessant ist, ist es nicht für Sieben- oder Zehnjährige. Genauso umgekehrt: Was Hortkindern gefällt, ist langweilig oder auch überfordernd für Vierjährige. Offene Arbeit sollte also nicht als Vorwand für die Einsparung von Räumen und Material dienen.

Ihnen hat dieser Artikel über die Raumgestaltung im Offenen Konzept gefallen? Weitere Tipps, Wissenswertes und Ideen finden Sie in unserer Konzeptreihe „Das offene Konzept in der Kita.“. Jetzt hier bestellen!

Eltern als Kunden – gehen Sie auf ihre Bedürfnisse ein
Wie Sie neuen Eltern den Einstieg erleichtern
Klare Absprachen regeln die Arbeit