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Offenes Konzept und Corona-Verordnungen: Wie geht das?

Zum Glück sind Fachkräfte spontan, flexibel und engagiert, schwärmt unsere Autorin – sonst wäre die Umsetzung der Hygiene-Regeln nie geglückt. Denn eine Lobby für unseren Berufsstand, so sagt sie, gibt es nicht. Wie in ihrer Kita trotz Corona-Verordnungen viele Freiheiten für die Kinder bleiben, erfahren Sie hier.

Text: Saskia Franz
Bild: ©smartboy10/GettyImages

Seit 17. März 2020 ist nichts mehr, wie es war. Wir Leitungen erleben im Kindergarten den Ausnahmezustand, es gibt bis heute gravierende Einschnitte in der pädagogischen Arbeit.

Ich erlebe die Corona-Zeit als eine Phase in meiner Leitungszeit, die die höchsten Ansprüche an mich stellt. Für mich gilt: Ruhe bewahren, Team führen, organisieren, koordinieren, einführen eines digitalen Arbeitsplatzes für alle und parallel dazu Kontakt zu Kindern und Eltern halten und diesen logistisch umsetzen. Von den Führungskräften und den Teams wird die höchste Flexibilität und großer zeitlicher Aufwand erwartet, um in kurzer Zeit neue Verordnungen und Regelungen umzusetzen. Nebenbei wird in der Öffentlichkeit darüber diskutiert, ob man Erzieherinnen nicht doch in Kurzarbeit schickt. Gerne wird auch das Bild von der Portfolios ausfüllenden und bastelnden Erzieherin gezeichnet.

Die schrittweise Öffnung der Kindertageseinrichtung erfolgte in Baden-Württemberg in vier Phasen. Jede Phase hatte ihre Eigenheit und ihre eigenen Herausforderungen. In allen Phasen haben wir darauf geachtet, den Kindern so viel Halt und Orientierung zu bieten wie möglich,und unsere Arbeit weiterhin durch Qualität auszuzeichnen. Bis in Phase drei, dem eingeschränkten Regelbetrieb, gelanguns das auch weitgehend.

In den Pfingstferien kündigte die Kultusministerin Eisenmann in einer Pressekonferenz an, dass die Einrichtungen Ende Juni zum Regelbetrieb übergehen. Leider wurde versäumt, bei den Eltern klar zu stellen, dass man hier von einer Rückkehr unter Pandemie-Bedingungen spricht, und dass in den meisten Einrichtungen daher nichts mehr so sein wird, wie es die Kinder gewohnt sind. Die Rückkehr der Kinder in ihr vertrautes Umfeld spielte für die politisch Verantwortlichen offensichtlich keine Rolle. Und auch Kolleginnen vergaßen bei der Umsetzung ihrer Hygienekonzepte, alles, was sie je über Bindungstheorien gelernt hatten.

Wo war die Beständigkeit für die Kinder geblieben? Wo zählten ihre Bedürfnisse? Für die Kinder änderte sich die gewohnte Struktur zu Hause und im Kindergarten. Diskutiert wurde stattdessen ausschließlich über Fiebermessen und das Einüben von Hygieneregeln.

Am 16. Juni wurde die schon lange erwartete Corona-Verordnung erlassen. Der Schreck war für uns als offene Einrichtung war groß: Die Verordnung legte geschlossene Gruppen fest. Zum offenen Konzept gab es keine Alternative. Der nächste Schreck: Phase vier soll sich auf ein komplettes Kindergartenjahr erstrecken.

Bei uns schrillten die Alarmglocken. Aus unserer Sicht widersprach die Verordnung dem, was wir über die Verbreitung des Virus gehört hatten: Zweiundzwanzig Kinder und mindestens drei Erwachsene in einem Raum. Das bedeutet eine hohe Aerosolbelastung für alle. Im Sommer noch einigermaßen lösbar, im Herbst unvorstellbar.

Zum anderen widersprach die Verordnung dem Bildungs-und Orientierungsplan. Der schreibt Selbstbildungsprozesse groß und sieht ein Arbeiten im offenen Konzept vor.

Für uns käme das das fast einem verlorenen Jahr für die Kinder in ihrer Entwicklung gleich. Auch hinsichtlich der Teamarbeit wäre es fatal. Ein Jahr bedeutet einen großen Bruch. Man muss gegen seine Überzeugung arbeiten und weiß nicht, ob man an aktuelle Qualitätsprozesse 2021 wieder anknüpfen kann.

Auch die Idee, jetzt Personen über einenkurzen Bildungsweg als Fachkräfte für frühe Bildung auszubilden, um Mitarbeiterengpässe zu überbrücken, halte ich für nicht zielführend. Dadurch bekommen wir vielleicht mehr Menschen in die Einrichtung, aber nicht mehr Qualität. Darüber hinaus die Mittel hierzu aus dem sogenannten Gute-Kita-Gesetz zu nehmen, ist für mich Verschwendung. In meinem Verständnis sollen diese Mittel verwendet werden, um die Qualität in den Kindertageseinrichtungen zu erhöhen. Ich empfinde diese Crashkursqualifikation als Abwertung unseres Berufsstandes. Hinzu kommt, dass in dem Konzept steht, dass die Kinderzahl pro Gruppe problemlos erhöht werden kann und es parallel dazu in Ordnung ist, wenn der Personalschlüssel um zwanzig Prozent den Mindestpersonalbedarf unterschreiten kann.

Für mich zeigt diese politische Entscheidung deutlich, wie wenig Lobby Erzieherinnen und Erzieher haben und wie wenig Wertschätzung das Kultusministerium den Erzieherinnen und Erzieher entgegenbringt. Und wer wundert sich jetzt noch, dass wir Personalmangel haben?

Mit den Orientierungshinweisen, die am 24. Juni veröffentlicht wurden, hatten wir das erste Mal wieder das Gefühl, durchatmen zu können, und dass sich jemand für die Bedürfnisse vor Ort engagiert. Zum einen wurde eine klarere Aussage zu der möglichen Kinderzahl sowie zu der Unterschreitung des Mindestpersonalschlüssels getroffen. Zum anderen wurde die geschlossene Arbeitsweise für zweigruppige Einrichtungen aufgehoben und für große Einrichtungen ein gruppenübergreifendes Arbeiten von zwei Gruppen ermöglicht. Wir bedanken uns ganz herzlich bei den vier Kirchen, dem Städte-und Gemeinde-Tag und dem Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg, dass sie sich vehement für unsere Belange eingesetzt haben.

Jetzt blieben uns noch zwei Arbeitstage, um kreative Lösungen für ein gruppenübergreifendes Konzept für je zwei Kindergruppen zu entwickeln. Zwei Tage, obwohl uns im Vorfeld mehrfach versichert wurde, dass auch der Bereich Kindertageseinrichtungen ausreichend Planungszeit bekommt.

Zum Glück sind Erzieherinnen und Erzieher spontan, belastbar und flexibel und so engagiert, auch Freizeit für die Umstellung aufzuwenden.

Laut KVJS haben wir eine Betriebserlaubnis für 3,5 Gruppen im Alter von zwei bis sechsJahren. Die Kinder sind es gewohnt, ihren Kindergartentag im offenen Konzept zu erleben. In unseren verschiedenen, klar strukturierten Funktionsbereichen entfalten sie ihre Stärken und probieren sich in unterschiedlichen Bereichen aus. Damit wir jetzt eine Trennung möglich machen können, die für alle Kinder und uns Sinn ergibt, mussten wir noch Funktionsbereiche umräumen und umgestalten, sodass durch unsere Trennung in Altbau und Neubau zwei adäquate Bildungsbereiche entstehen konnten, die allen Kindern erlauben, sich auszuprobieren.

m Altbau haben wir unterschiedliche Funktionsbereiche zu dem Bereich für 35 Zwei-bis Vierjährige zusammengefasst,und im Neubau freuen sich die 35 Vier-bis Sechsjährigen über neue Herausforderungen. Für uns eine logische Trennung, da wir im offenen Konzept noch Altersgruppen für die Gruppenzeit am Vormittag hatten. Team Altbau und Team Neubau wurde eingeteilt, und Dienstpläne wurden geschrieben. So konnten wir gewährleisten, dass wir unsere komplette Betreuungszeit den Eltern anbieten können und sich die beiden Bereiche nicht mischen, ohne den Kindern all ihre Freiheiten und Gewohnheiten zu nehmen.

Jetzt mussten nur noch die Kinder und Eltern mit unserem neuen Konzept vertraut gemacht werden. Da vor allem die Eltern seit Monaten unsere Einrichtung nicht mehr betreten durften, fiel es ihnen schwer, sich vorzustellen wie die neue Aufteilung aussieht und ob wirklich eine Mauer unsere beiden Bereiche trennte. In einem Video haben wir die Familien durch die Einrichtung geführt, ihnen die neuen Bereiche erklärt und gezeigt, was man wo spielen kann und was wir uns dabei gedacht haben. Das Video kam bei unseren Familien sehr gut an. Sie haben das Video am Wochenende gemeinsam mit ihren Kindern angesehen, und es nahm allen die Sorge, wie es wohl sein würde.

Wir haben das Beste aus der Situation gemacht. Das hat viel Energie und Kraft gekostet. Das ernüchternde Ergebnis, das wir daraus ziehen ist, dass die Lobbyfür unseren Berufsstand und für Qualität in der Frühpädagogik noch Lichtjahre von einer angemessenen Anerkennung entfernt ist.

Saskia Franz ist Krippenpädagogin, Fachkraft für Reggio-Pädagogik und leitet den Kindergarten St. Franziskus in Benningen in der Nähe von Stuttgart. Sie und ihr Team haben den zweiten Platz beim Kita-Preis 2020 belegt.

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