Manage deine Krise selbst

Manage deine Krise selbst!

Kinder sollen stark gemacht werden, um so den Widrigkeiten des Lebens zu trotzen. Das klingt zunächst einmal gut. Doch kann das funktionieren? Unsere Autoren zeigen, wovor Resilienzkonzepte die Augen verschließen.

Text: Anja Kerle, Sandro Bliemetsrieder, Bild: Juanmonino/ gettyImages

Die gesellschaftlichen Verhältnisse, innerhalb denen sich kindliches Aufwachsen abspielt, werden immer komplexer, und deshalb richtet sich ein Kanon verschiedenster Anfragen an die frühpädagogischen Fachkräfte. Im Gegensatz dazu scheinen bildungszentrierte und resilienzorientierte Antworten, die den Fachkräften geboten werden, verkürzt. Es droht die Gefahr, der Komplexität kindlichen Aufwachsens, wie beispielsweise in Armuts- und Benachteiligungsverhältnissen, nicht ausreichend gerecht zu werden.

In der Frühpädagogik scheint es mit einem Konzept für die Bildung von Anfang an eine universelle Antwort zu geben. Mit der Idee der Chancengleichheit wird die Vorstellung transportiert, dass Benachteiligungen durch ein Mehr an Bildung abgebaut werden könnten.

Richtet sich der ressourcenorientierte Blick auf das individuelle Kind, werden Benachteiligungen am einzelnen Kind sichtbar und scheinen dadurch pädagogisch bearbeitbar. Die Gefahr ist jedoch, dass wir Ungleichheiten von ihrem eigentlichen gesellschaftlichen Kern entkoppeln und die ungleiche Ausstattung mit Chancen und Ressourcen nicht mehr als überindividuelles und gesellschaftliches Phänomen thematisieren.

Aus einer ressourcenorientierten Perspektive wird leicht übersehen, dass Organisationen und Institutionen (wie zum Beispiel das Bildungssystem) nicht nur Chancengleichheit herstellen, sondern – wie Pierre Bourdieu bereits 1971 feststellte – selbst hochgradig an der Reproduktion von Ungleichheiten beteiligt sind.

Die Bearbeitung sozialer Ungleichheiten wird im Sprechen über das Konzept einer Bildung von Anfang an nicht im Kontext herrschender gesellschaftlicher Strukturen diskutiert, sondern droht in den Verantwortungsbereich des jeweiligen Kindes und der zuständigen frühpädagogischen Fachkraft verschoben zu werden. Die jeweilige pädagogische Fachkraft wird damit aufgefordert, Armut und soziale Benachteiligungen zu bearbeiten.

Zusätzlich zu diesem sehr komplexen Anspruch werden umfassende Professionalisierungsanforderungen an die Fachkräfte herangetragen. Neu entwickelte Programmatiken fordern die Fachkräfte zu Haltungsänderungen auf, die Anwendung neuer Verfahren und Techniken (beispielsweise Beobachtungsverfahren) verspricht Qualitätsverbesserungen und stellt bisherige pädagogische Praxis vollständig in Frage.

Diese Anforderungen an Fachkräfte sind Teil eines umfassenden, bildungspolitisch initiierten Transformationsprozesses im frühpädagogischen Feld, welchen Kerstin Jergus und Christiane Thompson 2017 erforschten. Neben den bildungspolitischen Imperativen richten sich zudem verschiedene Anforderungen durch die selbst zunehmend verunsicherten und unter Druck stehenden Erziehungsberechtigten an das frühpädagogische Feld.

Gutes Leben in widrigen Umständen

Eine Antwort auf diese Dynamiken wird im vielversprechenden Konzept der Resilienzförderung zur Armutsbearbeitung und Armutsprävention vermutet. Resilienzkonzepte zielen darauf, kindliche Schutzfaktoren wie zum Beispiel Kreativität, sicheres Bindungsverhalten und Selbstwirksamkeitsgefühl zu stärken. Verhandelt wird ein gutes Leben trotz widriger Verhältnisse. Dabei wird suggeriert, dass es Möglichkeiten gäbe, über das gelingende Aufwachsen des Kindes vollständig zu verfügen. Es wird davon ausgegangen, dass Fachkräfte das gelingende Ganze vor allem durch vereindeutigende und ereigenschaftslogische Zuschreibungen (wie Geschlecht und intellektuelle Fähigkeiten) und vereindeutigende Weltverhältnisse (wie zum Beispiel die Anzahl der Bezugspersonen) fassen könnten.

Diese Verkürzung kann aufgrund der Komplexität aktueller Lebensbedingungen der Kinder magnetisierend wirken, weil das Konzept der Resilienz eine Handlungsmacht von Kindern und Fachkräften suggeriert und pädagogische Machbarkeitsvorstellungen transportiert. Dabei wird auch unterstellt, das Konzept der Resilienz erweise sich für alle Kinder und alle Lebensspannen gleichermaßen als hilfreich.

Dies geht häufig mit einer individualisierenden Bewältigungseuphorie einher. Der Philosoph Emmanuel Lévinas beschreibt in seinen Werken die Begegnung mit einem Menschen als eine Begegnung mit dem verletzlichen Anderen, der mich durch sein Antlitz anspricht und von mir durch bloßes Anblicken eine verantwortbare Antwort fordert. Die Anrufungen eines Kindes aus prekären Lebensverhältnissenkönnte in diesem Sinne metaphorisch lauten:

„Sorge dich um meine Verletzbarkeit in meinen Umständen!“ Auf diese Anrufung hin kann ich nicht anders, als mich in einer bestimmten Weise antwortend zu verhalten und Verantwortung zu übernehmen. Diese implizite Selbstverständlichkeit ist überfordernd, da wir als Gegenüber individuell zur Übernahme von Verantwortung für soziale Lebensverhältnisse angesprochen werden. Kommt noch ein weiteres Kind hinzu, stellen sich darüber hinaus neue Gerechtigkeitsfragen.

In dieser Überforderung bei gleichzeitigem alltäglichem Handlungsdruck kann das Bedürfnis entstehen, Verantwortung auf standardisierte Verfahren und vereindeutigende Konzepte zu übertragen. Diese Ansätze suggerieren einerseits die individuelle Handlungsfähigkeit der Fachkraft und wirken für diese entlastend. Andererseits wird Lévinas folgend den Fachkräften durch das Resilienzkonzept nur eine scheinbare Verantwortungsübernahme ermöglicht, aber es wird keine echte Verantwortung übernommen, weil das Kind in seiner Verletzlichkeit nicht mehr ausreichend erkannt und anerkannt wird.

Die Apelle des Kindes können nicht mehr gehört werdenund laufen ins Leere. Der Resilienzdiskurs sieht in einer Ansprache an ein resilient konstruiertes Selbst, wie es Ulrich Bröckling 2017 nennt, eine andere Antwort vor. Die Anrufung der Fachkraft, welche sich im Sinne des Resilienz-Diskurses an das Kind wendet, könnte sein: „Manage deine Krise“ oder „Optimiere dich und deine Bildungsbiographie selbst“. Das Kind wird angerufen, tendenziell selbst Verantwortung für die Bewältigung seiner Lebenssituation zu übernehmen und seine eigene Entwicklung und Bildungsbiographie zu managen.

Armut ist kein individuelles Problem

Durch das Resilienzkonzept wird ein Aneinander-Vorbeirufen organisiert und es vollzieht sich eine doppelte Individualisierung struktureller Benachteiligung: Auf der einen Seite wird das Kind selbst zur Bewältigung der Armut aufgerufen und seine Kontexte außerhalb der frühkindlichen Bildungsinstitution drohen nicht ausreichend adressiert zu werden.

Auf der anderen Seite wird im Konzept der Resilienzförderung die Fachkraft-Kind-Beziehung zentral gesetzt. Die Ebene der Institutionen und Organisationen (zum Beispiel der Strukturen innerhalb der Kindertagesstätte) wird dabei zu wenig berücksichtigt. Die Verantwortung für die Armutsbearbeitung wird im Anspruch, das Kind resilienter zu machen, strukturell an die Fachkräfte delegiert.

Die Resilienzwerdung wird dabei vom Ende her gedacht, der Weg dahin bleibt diffus stecken. So schreibt Margarethe Zander (2019), dass Resilienz von außen weder erzeugt noch erzwungen werden könne, sondern vom jeweiligen Kind selbst gefunden werden müsse. Resilienz wird damit zu einem Platzhalter. Die Gefahr ist zudem, dass es zu einer Trennung von resilienten und nicht resilienten Kindern kommen kann und sich darin historische und aktuelle sozialpädagogische Verwerfungsdiskurse von „erziehungsfähigen“ und „nicht erziehungsfähigen“ Kindern fortschreiben.

Es droht dann, dass als „nicht erziehungsfähig“ geltende Kinder ihrem eigenen Schicksal überlassen werden und in Schon- und Sonderbereichen separiert werden.

Wie Resilienz in Politik mündet

Was kann der Resilienzdiskurs dennoch leisten, wenn er in einer kritisch-reflexiven Weise geführt wird? Durch den Resilienzdiskurs können überindividuelle Gefährdungen aufgezeigt werden, wodurch eine Kritik an gesellschaftlichen Faktoren möglich ist, die kindliches Aufwachsen beeinträchtigen und Spielräume einschränken. Diese Gefährdungen sind nie umfänglich darstellbar und beziehen sich auf bestimmte Zeiträume und gesellschaftliche Orte, an denen sie hergestellt werden.

Mit diesem Wissen mündet Resilienz als Kritik gesellschaftlicher Risikofaktoren im besten Falle in politische Forderungen zum Abbau sozialer Benachteiligung und nicht nur in Professionalisierungskonzepten. Wir sehen es dabei insbesondere als Aufgabe einer kritischen Wissenschaft, gesellschaftliche Verwerfungen zu thematisieren. Dabei wäre es notwendig, neben dem wissenschaftlichen Wissen weitere Wissensarten zu berücksichtigen: Das Erfahrungswissen der Fachkräfte und die lebensweltlichen Erfahrungen der Kinder und ihrer Bezugspersonen müssen mit dem wissenschaftlichen Wissen in ein wechselseitiges Verhältnis gesetzt und nach Triftigkeit und Rechtfertigbarkeit befragt werden.

Was zu tun wäre

Den Fachkräften sollte Wissen um soziale Ungleichheiten und ihrer Ursachen zur Verfügung stehen. Wichtig ist hierbei, Armut nicht als individuelles Phänomen zu betrachten, sondern auch die überindividuellen Risiken benennen zu können. Innerhalb der frühpädagogischen Organisationen bedarf es Strukturen und Maßnahmen, welche versuchen, Ungleichheiten verantwortlich entgegenzuwirken und allen Akteursgruppen offen stehen. Es sollte nicht darum gehen, nur formale Bildung anzubieten, sondern es sollte versucht werden, die Verwirklichungschancen, Spielräume und den Freiheitsgrad von Kindern sowie deren Bezugspersonen zu erhöhen.

Wichtig ist, dass armutserfahrenen Personen sowie allen Akteursgruppen Räume eröffnet werden, innerhalb derer sie für sich selbst sprechen und ihre Erfahrungen, Bedürfnisse, Wünsche und Hoffnungen durch ihre Erzählungen äußern können. Alle Akteursgruppen müssen im Diskurs innerhalb der Einrichtung beteiligt werden.

Dabei kann mit Amartya Sens Capability Approach gefragt werden, wie Institutionen und Organisationen freiheitsvermehrend für alle von ihnen Adressierten sein können. Vermehrt das Resilienzkonzept die Freiheiten aller Kinder, indem alle Kinder gefragt werden, was sie brauchen, wer sie sein wollen, was sie können, tun und lassen wollen, ohne die Verantwortung für das gute Aufwachsen und gute Leben der Kinder nur vereindeutigend auf die Fachkräfte, die Handlungskonzepte und auf die Kinder selbst zu übertragen?

Zu klären ist außerdem, welcher Verantwortungshorizont auf die Institutionen und Organisationen zukommt und inwiefern das Gemeinwohlinteresse durch und auch in der Organisation in den Blick genommen wird. Der Politikwissenschaftler Rainer Forst schlägt (2015) vor, dass Institutionen und Organisationen das, was sie tun, aus guten Gründen gegenüber allen Adressierten rechtfertigen müssen.

Und die Adressierten (Kinder, Bezugspersonen) müssen diese Rechtfertigungsgründe ihrerseits prinzipiell zurückweisen können. Würde diesem Anspruch in frühpädagogischen Feldern in Bezug auf Resilienz nachgegangen, würden die Anrufungen von Kind („Bitte kümmere dich um mich!“) und Fachkraft („Werde resilient!“) nicht mehr aneinander vorbeigehen. Die Anrufung „Manage deine Krise“ wäre dann vor dem Hintergrund der Verletzbarkeit der Kinder nicht mehr rechtfertigbar.

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