ePrivacy and GPDR Cookie Consent by Cookie Consent Für alle Fälle: wir. Aber wer genau ist denn alles "wir"? | Klett Kita

Für alle Fälle: wir.

Manche Wörter haben es in sich. In Zeiten von Corona ist „wir“ in aller Munde: Wir bleiben zuhause. Wir stehen zusammen. Doch wer ist damit gemeint? Und warum schläft die Sprache manchmal? Der Psychologe Matthias Leder nimmt das Wort unter die Lupe und stößt auf Überraschendes.

Interview: Matthias Leder
Bild: © cosmaa/GettyImages

Lange Zeit dachte ich, alle Dinge hätten einen Namen. Aber die Dinge haben keine Namen. Menschen haben einen Namen, und einige wenige Tiere, die uns persönlich wichtig genug sind, sie als Individuen zu benennen, haben einen Namen. Auch Orte können einen Namen haben. Aber die Bachstelze, die vor mir über den Weg hüpft und so nett mit ihrer Schwanzfeder wippt, hat keinen Namen. Sie ist eine Bachstelze, aber sie heißt nicht „Bachstelze“, und das ist ein großer Unterschied. Dass ich von einer Bachstelze spreche und nicht einfach nur von einem Vogel, weist darauf hin, dass ich in der Lage bin, einige der heimischen Vogelarten zu unterscheiden. Der Ornithologe würde mich vielleicht darauf aufmerksam machen, dass es sich um eine Unterart der Bachstelzen handelt, vielleicht um die grauflügelige Wiesenbachstelze, falls es so etwas gibt. Aber ich frage ihn gar nicht erst danach, denn so genau will ich es nicht wissen. „Bachstelze“reicht mir als Bezeichnung für diese kleinen hüpfenden und mit der Schwanzfeder wippenden Vögel völlig aus. Denn:

Welche Wörter wir verwenden, hängt von unseren Interessen ab. Ja, welche Wörter es überhaupt gibt und welche in unserer Sprache lebendig sind, hängt davon ab, welche Unterscheidungen wir zu treffen und einander mitzuteilen für sinnvoll und nötig erachten. Hin und wieder stößt man jedoch auf Fälle, in denen die Sprache geschlafen zu haben scheint. Dann lässt sie Unterscheidungen vermissen, die doch dringend erforderlich wären. Ein solcher Fall begegnet uns im kleinen Wörtchen „wir“. „Wir“hat drei frappierendunterschiedliche Bedeutungen.

So sage ich (1) zu meiner besten Freundin: „Wie schön, dass wir Freunde sind und uns so gut verstehen.“. „Wir“ steht also für „du + ich“.

Auf die Frage meines Kollegen nach dem Termin der nächsten Besprechung informiere ich ihn (2) „Wir treffen uns heute um 14 Uhr im Besprechungsraum.“. „Wir“ steht in diesem Zusammenhang für „du + ich + unsere anderen Kollegen“.

Dieses „wir“ meint also keine Zweierkonstellation, sondern eine Gruppe, die aus mindestens drei Personen besteht und zu der sowohl Sprecher als auch Adressat gehören.

In einer dritten Bedeutung tritt das Wort „wir“ auf, wenn ich meiner Schwester erzähle, wie wir bei uns zuhause Weihnachten gefeiert haben (3). „Wir hatten in diesem Jahr einen zu großen Weihnachtsbaum, er passte kaum ins Wohnzimmer.“. Dann erzähle ich ihr von meiner Familie und mir, aber sie ist in dieses „wir“ nicht eingeschlossen. Es bedeutet also: „Ich und die anderen und nicht du“.

Gelegentlich kann dieses ausschließende dritte „wir“ über den informativen Charakter hinaus eine bissige Note annehmen. Etwa wenn ich meinen neuen Kollegen ermahne, weil er am Feierabend die Heizung in seinem Büro wieder nicht heruntergedreht hat (3b): „Wir achten hier aufs Energiesparen!“. Dann schwingt mit, was von ihm erwartet wird, wenn er zu einer Gemeinschaft gehören möchte, die durch „wir“ im zweiten Sinne ausgedrückt wird.

Wie kann ein und dasselbe kleine Wörtchen für alle dreieinhalb Fälle ausreichen? Warum sind uns nicht unterschiedliche Wörter eingefallen, jenachdem ob wir sagen wollen: „ich und du“, „ich und du und einige andere“ oder „ich und einige andere und nicht du“? Rätselhaft!

Die Sprache, die wir gebrauchen, um uns über das zu verständigen, was uns wichtig ist, liefert uns interessante Aufschlüsse über uns selbst und unsere Art, die Welt zu betrachtenund Zusammenhänge herzustellen oder aber zu übersehen.

Matthias Leder ist promovierter Psychologe, Gesprächspsychotherapeut und Integrativer Lerntherapeut. Er ist tätig in der Kinder-und Jugendhilfe.

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