Das Ich in der Welt – Philosophieren in der Kita

Wer bin ich? Das ist keine leichte Frage. Kinder stehen vor der Aufgabe, ein Konzept von sich selbst zu entwickeln eine unabdingbare Entwicklungsaufgabe. Lesen Sie, wie das gemeinsame Philosophieren Kinder dabei unterstützen kann.

Text: Esthern Merget, Gernot Aich, Evamaria Engel, Karsten Richert; Foto:Thinkstock

Die Frage nach dem Ich, nach der eigenen Identität, nach dem Sein in der Welt, ist schon sehr alt und wird doch durch jedes Kind noch einmal neu entdeckt. Das Kind steht vor der Aufgabe, ein Selbstkonzept zu entwickeln, also herauszufinden, wer es ist, was es kann, wie es sich fühlt und wie seine Sicht auf die Welt ist. Das herauszufinden ist eine der wichtigsten Entwicklungsaufgaben der ersten Lebensjahre. Die positive Selbstkonzeptentwicklung ist fundamental für eine erfolgreiche Lebensbewältigung. Diese leistet kein Kind allein. Die Entwicklung eines Selbstkonzeptes vollzieht sich vor allem in der Abgrenzung zu anderen und deren Reaktionen. Die Frage nach dem Selbst ist eine psychologische, aber auch eine philosophische Frage und beschäftigt Wissenschaftler schon seit der Antike. Doch wie entwickeln Kinder ein Selbstkonzept? Kann das durch Philosophieren in der Kita unterstützt werden?

Was ist das Selbstkonzept?

Das Wissen darüber, wer wir sind, was uns ausmacht, wie wir uns in bestimmten Situationen verhalten, wird bestimmt durch unser Selbstkonzept. Es ist das Bild, das jeder von sich selbst hat, mit all den Ge- fühlen und Gedanken, die wir über uns haben. Das Selbstkonzept ist über die gesamte Lebensspanne hinweg ein dynamisches Konstrukt, das sich immer wieder aus neuen Erfahrungen weiterentwickelt. Zentral ist jedoch die Entwicklung in der Kindheit, denn hier manifestiert sich das Selbstkonzept. Laut der Psychologin Dagmar Bergwanger und anderen ist die Entwicklung eines Selbstkonzeptes sogar eine der wichtigsten Entwicklungsaufgaben ür das Kind. Diese Entwicklungsaufgabe stellt eine große Herausforderung dar, denn das Wissen über sich selbst entsteht durch Auseinandersetzung – dann, wenn Kinder sich mit den Personen und den Dingen in ihrer Umwelt auseinandersetzen sowie durch die Abgrenzung zu dieser. Das Kind erlebt sich und seine Umgebung und erährt zum Beispiel durch die Reaktion der Bezugsperson oder Spielkameraden und Spielkameradinnen auf sein Handeln, ob es etwas gut gemacht hat oder nicht. Auch die eigenen Erfahrungen, etwas zu schaŽffen, Freude an etwas zu haben, etwas noch lernen zu müssen, werden in die eigene Sicht auf sich selbst aufgenommen. Da dies auf verschiedenen Ebenen (kognitiv und emotional) sowie in unterschiedlichen Situationen passiert, kann das Selbstkonzept in mehrere Dimensionen unterteilt werden.

 Drei Bereiche des Selbstkonzeptes

  • das Fähigkeitsselbstkonzept: „Das kann ich gut, das mache ich gern.“
  • das soziale Selbstkonzept: „Ich komme gut mit anderen Kindern aus.“
  • das körperliche Selbstkonzept: „Ich fühle mich gut und bin nicht oft krank.“

Nicht immer werden diese Dimensionen  als positiv wahrgenommen (zum Beispiel: „Ich kann nicht viel und habe kaum Freunde.“).

Ein Konzept von mir – Bedeutung für das Kind

Neben den Voraussetzungen, die Kinder von Geburt an mitbringen, wie den Genen und dem Temperament, sind es die Rückmeldungen der Umwelt, die die Selbstkonzeptentwicklung der Kinder prägen, so der Psychologe Klaus Fröhlich-GildhoŽ. Erährt ein Kind von seinen Bezugspersonen Unterstützung, in seinem Bestreben Neues auszuprobieren, selbst wenn nicht alles sofort klappt, wird es sich künftig auch eher wieder Neues zutrauen. Im Gegensatz dazu kann ein Kind, das negative oder gar keine Rückmeldungen auf sein Handeln bekommt, von sich selbst denken, vieles nicht schaffŽen zu können, und wird es gar nicht erst probieren. Umso positiver die eigene Selbstsicht ist, desto stärker können die Kinder mit weiteren Herausforderungen im Lebensverlauf, beispielsweise mit Krisen, umgehen. Das Selbstkonzept bietet zudem eine Orientierung im Leben. Es hilt Kindern, sich selbst einordnen zu können und Handlungsentscheidungen in einer komplexer werdenden Welt zu treŽffen. Ob ein Kind sich gern neue Freunde sucht, sich im Kindergarten neuen Herausforderungen stellt oder später in der Schule an seine eigenen Leistungen glaubt, wird in engem Zusammenhang mit dem Selbstkonzept gesehen – so die Psychologen Jens Möller und Ulrich Trautwein. Daher ist es wichtig, dass – neben den Eltern als primäre Bezugspersonen – auch die pädagogischen Fachkräfte in Kitas eine positive Selbstkonzeptentwicklung fördern. Das kann unter anderem dadurch gelingen, dass man Kindern durch das Philosophieren Möglichkeiten bietet, die eigene Sicht auf die Welt auszudrücken, darzustellen, zu diskutieren und letztlich so sich selbst besser zu verstehen.

Philosophieren und das Konzept von sich selbst

Beim Philosophieren mit Kindern geht es darum, mit den Kindern gemeinsam über ihre Fragen zu sich selbst und zur Welt sowie über ihre Ansichten und Gedanken zu sprechen. Kinder sind dabei von Natur aus neugierig und stellen Fragen. Die Leiterin des österreichischen Instituts für Kinder- und Jugendphilosophie, Daniela Camhy, und andere formulieren dies sehr treŽffend: „Bekanntlich stellen Kinder mehr Fragen, als zehn Weise beantworten könnten.“ Oft reagieren die Erwachsenen jedoch auf die Fragen der Kinder falsch, da sie denken, eine rationale Antwort geben zu müssen. Sie fühlen sich unter Druck gesetzt, weil siedie Antwort nicht wissen, und häufg werden die Fragen abgewehrt – so der Philosoph Hans-Ludwig Freese. Dabei geht es nicht darum, dass der Erwachsene immer alle Antworten
kennt, sondern dass das Kind seine Neugier beibehält und lernt, selbst Antworten auf Fragen zu nennen. Das heißt, dass die Kinder die Möglichkeit haben, ihre eigene  Sichtweise der Dinge in den Diskurs mit einzubringen, und dass dann auf Augenhöhe besprochen wird, wie sie die Welt sehen. Da es um sehr individuelle Gedanken der Kinder geht, ist die Gestaltung eines Rahmens von entscheidender Bedeutung. So sollten gemeinsame Gesprächsregeln eingehalten werden. Die pädagogische Fachkraft achtet darauf, dass jeder zu Wort kommen kann und dass ein Kind zu Ende erzählen darf, selbst wenn es für andere Kinder mühsam ist, so lange zuzuhören. Kein Kind darf wegen seiner sprachlichen Fähigkeiten von den anderen Kindern aufgezogen oder übergangen werden, da dies negative Erfahrungen im Hinblick auf das Selbstkonzept wären. Je öfter die Kinder üben, Gedanken und Ziele zu formulieren, desto besser werden sie darin und desto mehr werden sie auch von den anderen Kindern anerkannt und als interessant wahrgenommen, was das soziale Selbstkonzept stärkt.

Dazugehören, so wie ich bin!

Interaktion und Bindung tragen wesentlich dazu bei, dass Kinder ein positives Selbstkonzept aufbauen können – so der Psychoanalytiker Daniel Stern. Das Philosophieren mit Kindern spricht beide Elemente an. Dadurch, dass die Kinder bestärkt werden, untereinander und mit der pädagogischen Fachkrat in einen Dialog zu kommen, ndet eine ständige Interaktion statt, und dadurch, dass die pädagogische Fachkrat das Kind und dessen Gedanken neu erleben kann, kann sie auf eine neue Beziehungsebene mit dem Kind gelangen. Zudem wird die Beziehung dadurch bestärkt, dass die pädagogische Fachkrat dem Kind zuhört, nachfragt und es mit seinem inneren Erleben ernst nimmt. Im Kern geht es darum, sich mit sich selbst und den Fragen über die Welt zu beschätigen und die eigene Sicht auf seine Umgebung zu entschlüsseln.

Ich kann begründen,  warum ich das denke.

Dabei lernen die Kinder nicht nur sich selbst besser zu verstehen, sondern auch, dass andere Kinder anders denken als sie selbst. Zudem müssen sie Verantwortung ür die eigene Meinung übernehmen, denn es reicht nicht, nur die eigene Meinung zu äußern, sondern, wie die Philosophin und Politikerin Barbar Brüning betont, diese Meinung auch für die anderen zu begründen – sich also intensiv damit auseinanderzusetzen, was denke ich dazu und warum denke ich das. Welche Gedanken oder auch Erfahrungen habe ich schon gemacht, die mich zu dieser Begründung führen? Was haben andere Kinder erlebt, was sind deren Meinungen und Begründungen? Aus diesem Grund sind die Gesprächsregeln und der wertschätzende Rahmen von zentraler Bedeutung.

Eine Kita wagt ein Projekt

In einem Kooperationsprojekt der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd und der Akademie ür
innovative Bildung Heilbronn-Franken gGmbH (aim) hat eine Einrichtung sich der Herausforderung gestellt und das Projekt „Philosophieren mit Kindern“ zur Selbstkonzeptörderung begonnen. Philosophiert wurde zwei bis drei Mal im Monat im Morgenkreis mit den Kindern, wobei ganz unterschiedliche ¡emen behandelt wurden. Teilweise waren es ¡emen, die die Kinder mitbrachten, und teilweise wurden Anregungen von den pädagogischen Fachkräten gegeben. Aus dem Thema „Wer bin ich und was bin ich?“ und den Überlegungen der Kinder, dass sie ja eigentlich ziemlich viel sind, nämlich Kinder, vielleicht ein Bruder oder eine Tochter, ergab sich das ¡ema der Namen. Die Kinder erklärten nicht nur, dass sie doch die „Marie“ seien, sondern es kamen auch Fragen auf wie: „Warum heiße ich so und warum heißt du anders? Was bedeuten die Namen und wer hat uns die Namen gegeben?“ Die Kinder bemerkten, dass Namen wichtig sind, um sich voneinander zu unterscheiden, und dass ein Name wichtig ist, um zu wissen, wer man ist. Ein Kind erkannte auch: „Meine Eltern haben mich so genannt.“ Ganz klar, hier ist also auch die Frage zu klären, was der Name (den Eltern) bedeutet. So fand das philosophische Fragen und Rätseln nicht nur im Rahmen der Gruppe statt, sondern wurde auch weiter verfolgt, bis nach Hause, wo die Kinder ihre Eltern nach der Bedeutung für ihren Namen fragten. Voller Stolz erzählten dann die Kinder in der Einrichtung von ihren Nachforschungen und freuten sich, zu berichten, dass sie „die Schöne“ hießen oder nach der „Weisheit“ benannt wurden. Mit der Aussage eines Kindes „Ich heiße so, weil ich eben bin“ ergab sich die weitere Frage, was die einzelnen Kinder ausmacht und was sie gut können. Dabei zeigte sich, dass die Kinder ganz unterschiedliche Sachen gut können. Ein Kind kann ganz schnell rennen, ein anderes schön malen und wieder ein anderes kann ganz lange auf einem Bein hüpfen. Ganz viel wurde gesammelt und viel Stolz breitete sich aus. Die Kinder erinnerten sich dann nicht nur an ihr eigenes Können, sondern sie wussten noch sehr gut, was der jeweils andere gut kann. Dies zeigte sich im Morgenkreis, als immer ein Kind den eigenen Namen sagen sollte und was es gut kann, sich dann zu dem Nachbarkind wenden sollte, es im Morgenkreis begrüßen sollte und erzählen, was dieses Kind denn gut kann. Doch nicht nur das Wissen, um das, was man gut kann, tauchte auf, sondern auch das, was man noch lernen will, wurde besprochen, wie zum Beispiel das Lesen, Rechnen oder Schreiben in der Schule.

Schenken, beschenkt – verschenkt

Als die Weihnachtszeit vorbei war und viele Kinder sich selbst mit ihren Erzählungen zu erhaltenen Geschenken übertreffŽen wollten, (obwohl gar nicht alle Kinder der Einrichtung Weihnachten feierten) wurde das ¡ema „Schenken und Geschenke“ auch in das Philosophieren aufgenommen. Neben all den Anlässen zum Schenken, die aufgezählt wurden, wie Geburtstage, Muttertag, Vatertag …, war noch immer nicht klar, warum wir eigentlich jemandem etwas schenken, wie es sich anühlt, etwas geschenkt zu bekommen oder jemand anderem etwas zu schenken. Die Antwort, warum wir jemandem etwas schenken, erkannte ein Kind, liegt darin, dass man diesen Menschen mag und ihm eine Freude machen will. Ein anderes Kind begründete die Freude am Beschenktwerden damit: „Ich freue mich, wenn ich etwas geschenkt bekomme, weil nun etwas da ist, was vorher nicht da war.“ Und wie ist es nun, jemand anderem etwas zu schenken, wie ühlt sich das an? Nach einigem Nachdenken formulierte ein Kind dies so: „Aber wenn ich meiner Freundin was schenke, sehe ich, dass sich meine Freundin freut. Da wird mir ganz kribbelig, und ich freue mich selbst. Schenken ist eigentlich viel schöner, als Geschenke bekommen.“ Das Philosophieren spricht die Kinder auf den unterschiedlichen Selbstkonzeptebenen an. Nachdenken und Erzählen über das eigene Empfnden, Denken und Können fördert das Fähigkeits- und das körperliche Selbstkonzept. Und auch das soziale Selbstkonzept der Kinder wird gestärkt, da die Kinder sich gegenseitig besser kennenlernen und erfahren, was die anderen Kinder denken, ühlen und können. Die Beispiele aus dieser Kita zeigen, Kinder können philosophieren und die pädagogische Fachkrat, die von diesen Beispielen berichtete, erzählt selbst, wie viel Spaß das Philosophieren mit den Kindern macht und wie erstaunlich manchmal die Antworten der Kinder sind. Da liegt es auf der Hand, diesen Artikel auch mit den Worten eines Kindes zu schließen. Denn wie ühlt es sich an, wenn man jemand anderem eine Freude macht oder nach all dem Lob über das, was man kann, glücklich ist? Ganz klar: „Da freut sich mein Herz und lacht.“

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