14.01.2021
Alexandra Gercek und Maurice Andree
GettyImages/Lisa-Blue

Unterricht in Corona-Zeiten: ein Blick zurück

Die Corona-Krise hat vieles durcheinandergewirbelt – auch die Erzieher-Ausbildung an den Fachschulen. Hier berichten zwei Lehrkräfte, wie sie den veränderten Unterricht im Frühjahr erlebt haben und was sie daraus für die Zukunft mitnehmen.

Jetzt, da wir endlich Zeit haben, die vergangenen Monate der Corona-Krise Revue passieren zu lassen, ergeben sich unterschiedliche Fragen, die für die Gestaltung von zukünftigem Unterricht und das Professionsverständnis von Lehrerinnen und Lehrern wichtig sind.

Spätestens nach der Bekanntgabe der bundesweiten Schulschließungen Mitte März mussten wir uns mit verschiedenen Herausforderungen auseinandersetzen. Eine davon war, von heute auf morgen digitalen Unterricht zu gestalten und durchzuführen, anstatt unsere Schülerinnen und Schüler vor Ort zu begleiten. Das war zu Beginn sehr schwierig. Denn der Lehrerberuf lebt von der sozialen Interaktion im Klassenraum. Unterricht von zu Hause kann das nicht komplett ersetzen. Die neue, veränderte Situation stellt uns auch weiterhin vor eine Aufgabe: Denn guter Unterricht braucht das kooperative Arbeiten und Lernen. Und das ist in Corona-Zeiten nur durch innovative Lernarrangements und Onlinetools möglich.

Diese Erkenntnis verlangte von uns als Lehrkräfte ein stetiges Auseinandersetzen, Fortbilden und ein noch schnelleres Einlassen auf die Digitalisierung des Unterrichts als je zuvor. Aber wir können zum jetzigen Zeitpunkt sagen, dass sich die Offenheit, das Ausprobieren und die Innovation ausgezahlt haben. Denn diese Entwicklung befähigt uns auch zukünftig, unseren Unterricht digital durch Tools wie das Padlet zu gestalten und zu unterstützen. Ein Padlet ist ein virtuelles Regal, in dem in unserem Fall Texte aus verschiedenen Fachzeitschriften zu verschiedenen Teilaspekten der Corona-Krise bereitgestellt wurden. Ohne die Krise hätten wir diese digitale Bereicherung nicht erfahren.
 

Wie das Vertrauen wachsen konnte

Wir haben viel über Blended Learning gelernt, also Lehr-Lernarrangements, die aus einer Kombination von selbstregulierten und angeleiteten Lerneinheiten bestehen. Das Lernen mittels digitaler Medien und die Präsenzlehre werden dabei kombiniert. Beispielsweise erarbeiten Schülerinnen und Schüler im Unterricht in Theorieblöcken die Grundlagen, wenden diese daraufhin in der Praxis an und reflektieren das Gelernte anschließend individuell über digitale Lernplattformen. Eine wertvolle Erkenntnis war für alle Beteiligten auch, dass wir Krisen gemeinsam im Team gewinnbringend bewältigen können. Wir haben von Anfang an offen mit der Klasse kommuniziert, wo es noch Regelungslücken gibt, vor welchem Problem wir gerade stehen und welche Optionen wir erwägen. Diese hohe Transparenz half dabei, ein gemeinsames Problemlösebestreben zu etablieren und das Vertrauen zwischen Lehrer und Klasse weiter zu stärken.

In der Corona-Zeit verschwammen Woche und Wochenende ineinander. Damit der Unterricht gelingen konnte, war ein erhöhter Regelungs- und Absprachebedarf innerhalb des Kollegiums sowie mit den Studierenden nötig. Das führte zu vielen Telefonaten und Videokonferenzen bis in den Abend und in die Wochenenden hinein. Zusätzlich musste die normale Unterrichtsvorbereitung weiterlaufen, und es mussten neue didaktische Konzepte für das Lernen auf Distanz entwickelt werden. Die lange Zeit allein vor den Bildschirmen und der fehlende informelle Austausch waren belastend. Die fehlende tägliche Zeit- und Arbeitsstruktur wirkte sich besonders ermüdend aus, da es kein klares Arbeitsende gab.

Im Nachhinein führt das zu der Frage, woher wir überhaupt unsere Energie genommen haben? Das können wir beide jedoch schnell beantworten. Die Zusammenarbeit mit unseren Schülerinnen und Schülern hat uns motiviert und uns Kraft gegeben. Denn sehr gute fachliche Diskussionen über Videokonferenzen, aktive und engagierte Mitarbeit sowie die Mitgestaltung von digitalem Unterricht, das gemeinsame Meistern der Krisensituation, positives Feedback, aber auch Nachsicht und konstruktive Kritik haben diese Zeit geprägt und bereichert.

Warum Eigenverantwortung so wichtig ist

Die Beziehung zwischen Lernenden und Lehrenden, die ausschlaggebend für das Lernen ist, hat unter den Unterrichtsbedingungen der vergangenen Monate nicht gelitten. Stattdessen hat sie sich in den meisten Fällen weiter gefestigt, da das gegenseitige Unterstützen und Vertrauen gestärkt wurde. Ein Aspekt davon war, dass wir unseren Schülerinnen und Schülern mehr Selbstständigkeit und Eigenverantwortlichkeit übertragen haben. Wir als Lehrer aber auch die Schüler mussten ein Stück weit loslassen, und das war nur durch das Vertrauen in die Fähigkeiten und Fertigkeiten beiderseits möglich. Es war schön zu beobachten, dass Lernende, die im Präsenzunterricht bislang eher still und zurückhaltend waren, sich beweisen und in ihrer Persönlichkeit weiterentwickeln konnten. Dies lag auch daran, dass sie noch mehr für ihren Lernprozess verantwortlich waren und so über sich hinausgewachsen sind.

Natürlich gab es durch die neue Form des Unterrichts auch Schwierigkeiten. Denn gerade soziale Distanzierung führt auch dazu, dass nicht alle Schülerinnen und Schüler erreicht werden können. Der Präsenzunterricht erleichtert es durch seine informellen Gespräche und Beobachtungen dagegen entscheidend, alle Schülerinnen und Schüler im Blick zu behalten. Auch gaben viele Lernende an, dass das Distanzlernen als eher demotivierend empfunden wurde, da man nur alleine vor den Bildschirmen sitzt und der fachliche und persönliche Austausch sowie die klasseninternen Hilfestellungen und die damit einhergehende Motivation fehlen. Bei vielen Lernenden ergaben sich durch noch ausbaufähige Medienkompetenz zusätzliche Hürden. Beispielsweise waren sie im Umgang mit Lern- oder Videokonferenztools noch nicht so versiert. Zudem fehlten teilweise Laptops, Tablets und Webcams oder die Internetverbindungen machten Probleme. Das bedeutet, dass das Distanzlernen unter anderem nur erfolgreich zu bewältigen ist, wenn die technischen Ressourcen dafür gegeben sind.

Deshalb nehmen wir für die Zukunft mit, dass es umso wichtiger ist, weiter zu versuchen, alle Schülerinnen und Schüler im Blick zu behalten, indem wir Lernumgebungen konzipieren, die dazu einladen, alle gleichermaßen zu beteiligen. Wichtig ist für uns, ihnen das Gefühl zu geben, dass wir sie stetig auf ihrem Lernweg unterstützen und begleiten, indem wir erreichbar sind, ihnen auf Augenhöhe gegenübertreten und sie mit ihren Sorgen und Ängsten ernstnehmen. Dadurch wird die Beziehung gestärkt und die Lernenden lassen uns an ihrem Lernprozess intensiver teilhaben. Dies wiederum führt zum angestrebten Lernerfolg. Digitaler Unterricht ist in unseren Augen vor allem dann sinnvoll, wenn dieser als Blended Learning konzipiert wird und den Präsenzunterricht so sinnvoll ergänzt, erweitert oder zum Teil ersetzt.

Alexandra Gercek und Maurice Andree arbeiten als Lehrkräfte an der Fachschule für Sozialpädagogik des Alice-Salomon-Berufskollegs in Bochum und bilden dort Erzieherinnen und Erzieher aus.

 

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