02.12.2021
TPS Redaktion, Eva Spalke
GettyImages // tommy

Testen, testen, testen: Neue Welle, neuer Kita-Alltag

Im Sommer dachten viele, es geht bergauf und wir hätten die Pandemie fast hinter uns. Heute stecken wir mitten in der vierten Welle und in Kitas werden immer häufiger positive Coronafälle gemeldet. Wie eine Testpflicht in der vierten Welle hilft und was der Verband Kita-Fachkräfte Baden-Württemberg zur Impfpflicht sagt, erzählt die Verbandsvorsitzende Anja Braekow.

Die Inzidenz steigt seit Wochen, auch in Kitas werden immer häufiger Coronafälle gemeldet. Welche Maßnahmen ergreifen die Kitas zur Vorbeugung?

Alles steht und fällt gerade mit den Trägern. Es gibt Träger, die sagen, es sei alles gar nicht mehr so schlimm. Dann hören wir von Trägern, die behaupten, dass Kinder nicht das Problem seien, weil sie sich nur in der Familie und in der Kita aufhielten – die Tanz-, Turn- und Schwimmkurse sowie die Kindergeburtstage rechnen sie wohl nicht mit ein. Dann gibt’s wiederum Träger, die relativ schnell Kindertests angeboten haben. Lange mussten das die Träger noch selbst zahlen. Mittlerweile hat der Städtetag in unserem Landkreis bestätigt, dass sie eine Finanzierung zusichern und das Sozialministerium Tests liefern kann. Die Träger, die verstanden haben, dass Kinder sehr wohl Überträger sein können, und die ihre Teams schützen möchten, haben Testmöglichkeiten gefunden.

Sie leiten selbst eine Kita und haben eine Teststrategie entwickelt. Wie gehen Sie hier vor?

Wir testen seit den Sommerferien verpflichtend zweimal die Woche. Ich habe auf einer Elternversammlung erklärt, dass ich ein regelmäßiges Testen sehr sinnvoll finde. Auch, um uns gegenseitig zu schützen. Eigentlich müssen sich die Fachkräfte, die vollständig geimpft sind, nicht mehr testen. Ich bin aus eigener Erfahrung aber sehr froh, dass sich bei uns alle testen. Anfang Oktober war eine vollständig geimpfte Kollegin positiv. Das konnten wir gleich am Montagmorgen feststellen, noch bevor die Kollegin in die Kita kam. Zu dem Zeitpunkt war sie nur ein bisschen heiser. Heiserkeit ist kein Symptom, und wenn alle Erzieherinnen, die mal heiser sind, zu Hause bleiben, können wir gleich zumachen. Bei der Kollegin war es ein Routinetest. Der erste Schnelltest war positiv, der zweite negativ. Ich habe sie dann aber zum PCR-Test geschickt. Im Laufe des Vormittags wurde sie auch ordentlich krank, ein paar Stunden nach unserem ersten Telefonat konnte ich sie am Telefon nicht mehr verstehen, sie hat gehustet und die Nase ging zu.

Es ist also wichtig, dass sich geimpfte Fachkräfte auch zweimal die Woche testen, obwohl es von der Politik nicht so vorgeschrieben ist?

Ganz viele Träger ruhen sich darauf aus, dass die Politik keine Testpflicht für Geimpfte vorschreibt. Das verstehe ich nicht. Im Moment haben wir ein Testangebot vom Sozialministerium, dass die Kommunen abrufen können. Es sind genug Tests da. Bei uns testet sich jeder, auch die Praktikant:innen. Wir können uns nie sicher genug sein, wir haben Babys, wir haben behinderte Kinder. Für mich gehören Tests deshalb unbedingt dazu. Wenn ich mich bei uns im Verband umhöre, ist das aber noch lange nicht Standard. Klar, die Ungeimpften müssen sich in der Warnstufe jeden Tag testen. Für Geimpfte gilt das laut offizieller Regelung nicht.

Wie sieht das Testen bei Ihnen in der Kita aus?

Ich habe mich schulen lassen und in unserem Hinterhof ein Testzentrum aufgebaut. Den Eltern habe ich über unsere App Zeitslots geschickt, in denen sie mit ihren Kindern zum Testen kommen konnten. Zwei Wochen habe ich dann mit den Eltern getestet und sie angeleitet. Wir haben uns für Nasentests entschieden, weil die meiner Meinung nach sicherer sind. Und gerade bei Kindern sitzt der ganze Rotz ja immer in der Nase. Unsere Eltern hatten am Anfang Ängste, ob die Kinder mitmachen, ob sie sich wehren. Aber genau das Gegenteil ist passiert. Dadurch, dass wir das Testzentrum aufgebaut haben, haben die Kinder gemerkt: „Oh, das ist ernst und wichtig.“ Ich habe mich zum Testen auch umgezogen, mit Kittel und Visier, aber so, dass die Kinder mich noch erkannt haben. Manchen Eltern haben beim Testen die Hände vor Aufregung gezittert, denen habe ich dann geholfen. Die größeren Kinder haben die Tests selbst gemacht. Wir haben ihnen einen Spiegel in die Hand gegeben und gesagt: „Wer holt den schönsten Nasenpopel raus?“ Auch unsere Babys wurden getestet. Nach den zwei Testwochen in der Kita habe ich das Testen dann an die Eltern übergeben. Jetzt testen alle zu Hause und bringen den Test mit, wir kontrollieren und werfen ihn dann gemeinsam weg. Der Test ist im Moment wie eine Eintrittskarte. Bisher hatten wir mit dieser Strategie gar keine Probleme. Ein einziges Kind hat sich am Anfang geweigert, da haben wir die Schoko-Bon-Karte gezogen. Inzwischen geht es bei dem Kind aber auch ohne. Ich habe mir das Ganze schwieriger vorgestellt, weil die Elternlobby so laut geschrien hat. Aber: Das Testen funktioniert und alle fühlen sich damit besser. Unsere Arbeit ist am Ende eine Arbeit in der Nähe und für eine gute Bindungsarbeit muss ich die Kinder nah an mich ranlassen. Auch wenn ich geimpft bin, finde ich es schwierig, wenn ich ein Kind auf meinem Schoß habe, das hustet und ich die Luft danach einatme. Ich fühle mich besser, wenn ich weiß: Das Kind wird zweimal die Woche getestet.

Wie kann ich die Eltern beim Testen mit ins Boot holen?

Es ist wichtig, miteinander zu kommunizieren. Das läuft in vielen Fällen gerade nicht gut. Eigentlich haben wir das gleiche Ziel, wir müssen uns nur zusammensetzen und über Strategien sprechen. Das kann jede Kita machen: in Online-Elterntreffen zum Beispiel. Leider passiert das noch zu wenig. Ich bin ein bisschen enttäuscht, wenn ich höre, dass die Tests in den Schubladen liegen bleiben. Wenn ich als Mutter die Möglichkeit habe, mich, mein Kind und die anderen abzusichern, dann nehme ich die Tests doch gerne wahr.

Was passiert, wenn jemand positiv getestet wird?

Bei der aktuellen Corona-Kita-Absonderungsregel muss sich bei einem positiven Schnelltest, egal ob Erzieherin oder Kind, die Person absondern und das Gesundheitsamt kontaktieren. Das schickt die Person dann zum PCR-Test. Während dieses ganzen Prozesses läuft der Kita-Betrieb erstmal normal weiter. Ist der PCR-Test dann auch positiv, müssen sich alle einmal freitesten. In den meisten Fällen passiert das über ein offizielles Testzentrum, ich habe aber auch schon gehört, dass manche Einrichtungen über Schnelltests freitesten. Im Fall der Kollegin haben wir es ein bisschen anders gemacht. Es war Montagfrüh und ich habe die Eltern gleich über die App kontaktiert und gesagt: Alle die Husten, Schnupfen oder andere Symptome haben, machen bitte einen Arzttermin und machen einen PCR-Test. Kurz darauf kam dann auch vom Gesundheitsamt Lörrach ein Schreiben, dass sie dieses Vorgehen empfehlen würden, also alle, die zum Zeitpunkt eines positiven Falles in der Kita irgendwie erkältet sind, sollen einen PCR-Test machen. Dieses Schreiben konnten die Eltern dann beim Kinderarzt vorlegen. Alle Familien, deren Kinder symptomfrei waren, konnten ihr Kinder weiterhin bringen. Ich hatte sie aber gebeten, davor zu einem Schnelltestzentrum zu gehen. Falls in Zukunft noch einmal ein Fall bei uns auftreten sollte, können wir die Tests selber durchführen, da sich bei uns jetzt insgesamt drei Fachkräfte für Testabnahmen geschult haben. Das ist ein spezielles Angebot unserer Kita, grundsätzlich bin ich aber auch der Meinung, dass Fachkräfte nicht für das Testen verantwortlich sein sollten. Im Moment geht es aber noch nicht, ohne dass wir alle Zugeständnisse machen.

Ab wann muss eine Einrichtung schließen?

In dem Moment, in dem eine Person in der Einrichtung positiv getestet wird, müssen wir Kohorten bilden. Dann wird einmal freigetestet. Nicht wie in der Schule, wo an fünf Folgetagen getestet werden muss. Wenn 20 Prozent einer Kohorte positiv ist, muss die Kohorte geschlossen werden – und je nachdem dann Stück für Stück die Einrichtung.

Laufend gibt es neue Bestimmungen und Änderungen. Wie könnte man den Informationsfluss in der Pandemie besser gestalten?

Oft kommen neue Informationen nicht schnell genug bei den Fachkräften an. Eigentlich sollten die Träger neue Änderungen umgehend an die Fachkräfte weiterleiten. Wenn man in seiner Einrichtung aber keine gute Informationspolitik hat, hilft nur Eigeninitiative. Seitdem wir den Verband gegründet haben, haben wir einen viel besseren Zugang zu Informationen. Als Mitglied in einem Verband kann man sich gut mit anderen vernetzen, und durch Vernetzung bekommt man mehr Informationen. Aber auch auf den Seiten der Kultusministerien und der Gesundheitsämter gibt es viele Infos zu aktuellen Bestimmungen.

Dort steht auch, bei welchen Krankheits- und Erkältungssymptomen man Kinder wieder nach Haus schicken muss …

Es gibt auf der Seite Landesgesundheitsamt eine Schaugrafik, auf der steht, wann ein Kind krank ist, und wann nicht. Diese Grafik widerspricht zum Teil anderen Grafiken, die im Umlauf sind. Es ist also alles sehr verwirrend. In meiner Kita haben wir eigene Krankheits-Kitahausregeln eingeführt. Das machen auch schon andere Kitas, entweder gemeinsam mit dem Träger, mit den Eltern oder mit dem Gesundheitsamt. Wir haben uns hingesetzt und gemeinsam besprochen: Ab wann ist ein Kind krank und ab wann werden wir es nicht mehr betreuen? Wir haben unsere Regeln auch auf die Geschwister ausgeweitet und beschlossen: Wenn wir ein Kind nach Hause schicken, muss das Geschwisterkind mit. Das gesunde Kind muss 48 Stunden zu Hause bleiben, danach kann es freigetestet wieder kommen. Generell denke ich, dass ein Kind, das die ganze Nacht durchgehustet hat, nicht in die Kita gehört. Wenn wir als Erwachsene erkältet sind, wollen wir uns auch nicht zur Arbeit schleppen. Und so geht es den Kindern auch. Ich habe in meiner Kita ein Krankentelefon eingerichtet, auf dem die Eltern anrufen und im Zweifelsfall nachfragen können, ob sie ihr Kind bringen dürfen. Leider gilt Schnupfen bei Kindern nach wie vor nicht als Corona Symptom. Von Berufskolleg:innen hören wir aber immer wieder, dass viele Kinder außer einer Rotznase und etwas Husten oder Heiserkeit nichts haben und dennoch positiv sind.

Das Thema Impfpflicht nimmt wieder an Fahrt auf, speziell sind die Berufsgruppen von Erzieher:innen und Lehrer:innen im Gespräch. Wie positioniert sich der Verband?

Wir haben das Thema Impfpflicht im Vorstand diskutiert. In unserer Berufsgruppe sind über 80 Prozent geimpft. Andere Verbände in Deutschland, wie zum Beispiel Bayern, haben sich klar für eine Impfpflicht ausgesprochen, wir aber nicht. Wir denken, dass es eine individuelle Entscheidung ist. Jeder muss für sich überlegen, ob er der Führsorgepflicht nachkommen will. Ich glaube nicht, dass es Aufgabe des Verbands ist, sich hier zu positionieren. Wir sind keine Ärzt:innen und keine Virolog:innen, sondern Kolleg:innen. Ich freue mich immer, wenn sich Kolleg:innen durch eine Impfung schützen, denn dann schützen sie mich auch. Aber wenn sie aus persönlichen Gründen nicht können oder möchten, muss ich das akzeptieren und wir müssen uns durch zusätzliche Tests schützen.

Für Fachkräfte sind es im Moment keine einfachen Zeiten. Was möchten Sie unseren Leser:innen noch mit auf den Weg geben?

Was mir und dem Verband am Herzen liegt: Wir haben so viele tolle pädagogische Fachkräfte in den Kitas mit riesigem Potenzial, das gerade vor sich hinschlummert, weil wir uns um so viel anderes kümmern müssen. Ich hoffe und appelliere an alle: Haltet durch! Und falls jemand Ideen hat, kommt in den Verband und macht mit. Wir merken, dass der Zusammenhalt Sicherheit gibt. Wir haben regelmäßige kollegiale Austauschrunden, und sind auch auf den sozialen Medien gut vernetzt. Ich würde es sehr schade finden, wenn die Berufsflucht so weitergeht, wie sie sich im Moment bereits abzeichnet. Gemeinsam können und wollen wir unseren Berufsalltag positiv verändern. Auch deshalb hat sich der Verband gegründet und steht im Austausch mit Politikern, Presse, Trägern, Fachschulen und vielen mehr.

Anja Braekow ist ausgebildete Erzieherin, Kindergartenfachwirtin und hat eine eigene Kita in Rheinfelden (Baden) gegründet. Sie ist 1. Vorsitzende des Verbands Kita-Fachkräfte Baden-Württemberg.

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