27.04.2020
Silke Lebisch © Richard Drury/GettyImages
Redaktion

Notbetreuung: Eine besondere Herausforderung – In der Krise zeigt sich das Professionsverständnis

Max vermisst Cem. Marlene will am Sonntag nicht in die Kita. Die Notbetreuung ist für Kinder und Fachkräfte eine besondere Herausforderung. Auf was es jetzt ankommt, auf wen sie bauen kann und was ein großes Glück ist, erklärt Silke Lebisch, Leiterin eines offenen Kinderhauses.

Max vermisst Cem. Marlene will am Sonntag nicht in die Kita. Die Notbetreuung ist für Kinder und Fachkräfte eine besondere Herausforderung. Auf was es jetzt ankommt, auf wen sie bauen kann und was ein großes Glück ist, erklärt Silke Lebisch, Leiterin eines offenen Kinderhauses.

Text: Silke Lebisch
Bild: © Richard Drury/GettyImages

Täglich erhalten wir neue Informationen zum Virus und seiner Ausbreitung. Die Zahl der Infizierten steigt stetig, die Anzahl der Verstorbenen leider auch. All das macht uns Angst! Können wir unserer Welt, wie wir sie kannten, noch sicher sein? Und wenn wir Erwachsene ihrer nicht sicher sind, wie erleben dann Kinder ihre Umwelt? Ihre Welt hat sich in den letzten Wochen so drastisch verändert, dass wir noch nicht wirklich erfassen können, welch langfristigen Auswirkungen das auf sie haben wird.

Kinder, deren Eltern in den sogenannten systemrelevanten Berufen arbeiten und deshalb in der Notbetreuung sind, erleben einen völlig veränderten Alltag. Bisher trafen sie in der Kita ihre Freunde. Jetzt vermisst der fünfjährige Max seinen Spielkameraden Cem, der der beste Burgenbauer ist. Die Kinder hatten abwechslungsreiche Spielgelegenheiten, unternahmen Ausflüge und entwickelten Projekte. Jetzt treffen plötzlich Kinder aufeinander, die unter anderen Bedingungen niemals etwas miteinander zu tun gehabt hätten. Sie müssen sich miteinander arrangieren und wenn sie nicht alleine gelassen werden und Begleitung durch die Fachkräfte erfahren, gelingt ihnen das auch.

In dieser Situation benötigen die Kinder die absolute Aufmerksamkeit der Fachkraft, die sie in ihrem Spielvorhaben unterstützt, die sich in diese ungewöhnliche Situation einfühlen kann und keine Angstvor Nähe hat, wenn die Jungen und Mädchen diese suchen. Eine Mitarbeiterin, die angstgesteuert agiert, körperliche und emotionale Distanz zu den Kindern hält, weil sie Angst vor einer möglichen Ansteckung hat, ist da eher fehl am Platze.

Doch wieviel Professionalität kann in dieser Situation verlangt werden? Und ist es da nicht menschlich, dass wir doch auch unterschiedlich agieren? Hier zeigt sich, wie groß das Professionsverständnis der Fachkraft ist und welche notwendigen Entwicklungsschritte noch zu absolvieren sind.

Ich bin sehr erleichtert, dass ich auf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zurückgreifen kann, die sich in die Situation der Eltern einfühlen können und ihren Dienst so flexibel gestalten, dass das Wohl des Kindes für sie stets im Vordergrund steht. Wochenend-Bereitschaftsdienst, Arbeitszeiten, die weit über die eigentlichen Öffnungszeiten hinausgehen, stellen für die Mitarbeiter im Haus keine Herausforderung dar. Sie möchten die Familien unterstützen, die jetzt im Fokus unserer Gesellschaft stehen, denn diese Familien haben eine schwierige Ausgangslage.

Es erfordert auf beiden Seiten – Fachkräfte und Eltern – einen vertrauensvollen sowie offenen Umgang und ein gegenseitiges Verständnis, damit dieser Prozess – im Mittelpunkt das Kind – gut gelingen kann. Im Alltag der sogenannten Notbetreuung stehen die individuellen Bedürfnisse der zu betreuenden Kinder im Fokus. An dem Bring-und Abholritual haben wir, trotz der Einschränkungen nichts verändert. Gerade in dieser sensiblen Situation, dem Übergang von Eltern zur Fachkraft brauchen alle Beteiligten noch mehr Zeit als üblich, Vertrauen, Sicherheit und zugewandte Worte.

Ein bemerkenswerter Aspekt in dieser Krise ist die Garantie der Länder, dass die Finanzierung der Kindertagesstätten gesichert ist. Gleichzeitig erhalten Eltern die Gelder für die ausgefallene Betreuung wieder zurück. Und das alles ohne Kurzarbeit! Welch ein riesengroßes Glück für uns als Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, dessen Selbstverständlichkeit wir annehmen, ohne uns weitere Gedanken darüber zu machen. Die einzige Frage, die sich mir stellt: Wo kommen denn plötzlich diese Gelder her, die diesem Bildungsbereich jahrelang verwehrt wurden?

Silke Lebisch ist Erzieherin, Fachkraft für Offene Arbeit und Sozialpädagogin mit dem Schwerpunkt frühe Kindheit.

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