24.08.2021
Raingard Knauer, Benedikt Sturzenhecker, Rüdiger Hansen
GettyImages / Darren Robb

Mit Demokratie spielt man nicht

Politik geht uns alle an. Und genau deswegen sollen Kinder ihren Kita-Alltag demokratisch mitgestalten dürfen – jeden Tag aufs Neue. Denn eines ist klar: Nur so lernen sie fürs ganze Leben, was Demokratie ausmacht. Wie das konkret aussieht, lesen Sie hier.

Politische Bildung beginnt bereits im Kindesalter.“ Das steht zwar im 16. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung aus dem Jahr 2020, aber: Ist Politik wirklich schon ein Thema für Kita-Kinder? Was bedeutet politische Bildung eigentlich genau? Warum sollen Kindertageseinrichtungen Demokratiebildung fördern? Und wie können pädagogische Fachkräfte Kindern demokratische politische Bildungsprozesse eröffnen?

Politik ist für viele Menschen etwas, das andere machen und vorrangig in Parlamenten oder Parteien stattfindet. Auch Kita-Fachkräfte erzählen uns häufig, dass sie Politik vor allem dann wahrnehmen, wenn es um die Rahmenbedingungen ihrer Arbeit geht. Aber sie selbst meinen, darauf kaum Einfluss zu haben. Eine Fachkraft formulierte es so: „Politik wird von der Regierung gemacht. Ich gehe halt nur wählen.“ Fachkräfte halten Demokratie dementsprechend zwar für die beste Form der Politik und verstehen sich selbst als Demokratinnen und Demokraten, verbinden politische Bildung aber vor allem mit Schulunterricht oder bestimmten politischen Veranstaltungen. Kita-Kinder – so die verbreitete Auffassung – sind zu jung, um Politik zu verstehen oder sich mit ihr zu beschäftigen.

Es ist nie zu früh für etwas Politik im Leben

Politik meint im weitesten Sinne die Regeln, die Menschen in Gruppen über ihre Lebensführung treffen. Damit sind sowohl die Inhalte solcher Regeln gemeint als auch die Art und Weise, wie sie zustande kommen. In Deutschland bestimmen der Staat und die Kommunen solche Regeln demokratisch. Denn eine Demokratie hat den Anspruch, dass die Betroffenen über das, was sie in ihrer gemeinschaftlichen Lebensführung angeht, selbst entscheiden. Demokratie ist einerseits eine Regierungsform: Das Volk wählt Regierungen, die dann stellvertretend (repräsentativ) für das Volk die Regeln der gemeinschaftlichen Lebensführung beschließen. Andererseits ist Demokratie eine Lebensform: Sie ist eine Orientierung für die Regeln der gemeinschaftlichen Lebensführung im Alltag, in den Stadtteilen, Kommunen, Vereinen und auch in pädagogischen Einrichtungen. Demokratie ist eine Form der Politik, in der die betroffenen Menschen ihre Interessen und Konflikte (trotz ihrer Verschiedenheit) gleichberechtigt öffentlich einbringen können. Im Anschluss beraten sie zusammen darüber, überzeugen sich gegenseitig mit Argumenten und entscheiden schließlich über eine für alle gültige Lösung.

Demokratisches Handeln lernen die Betroffenen vor allem dadurch, dass sie sich an Diskussions- und Entscheidungsprozessen beteiligen. Etwa wenn Fachkräfte im Team gemeinsam fair entscheiden, wie die Urlaubsplanung geregelt werden soll. Oder wenn Kinder in der Kita mitbestimmen, was beim Sommerfest gespielt und angeboten werden soll. Sich demokratisches Handeln anzueignen, ist also ein Bildungsprozess, denn: Bildung bedeutet, dass Menschen sich aktiv und zusammen mit anderen die Welt aneignen und dabei auch ihre eigene Persönlichkeit entwickeln. Deshalb sprechen wir von Demokratiebildung, wenn Menschen aktiv mitentscheiden sowie mithandeln und sich so die Demokratie zu eigen machen. Das kann überall dort geschehen, wo Politik, also die Regeln der gemeinschaftlichen Lebensverhältnisse, demokratisch strukturiert ist.

Auch in der Kita werden Regeln für die gemeinschaftliche Lebensführung bestimmt. Einerseits geschieht das durch die Gesetze und Vorgaben der Regierungen (von Bund, Land und Kommune) sowie der Träger, andererseits aber auch ganz konkret durch pädagogische Fachkräfte, Kinder und Eltern. So erfahren Kinder in der Kita zum ersten Mal hautnah Politik. In einer demokratischen Gesellschaft sollten sie die Bildungserfahrung machen, dass Regeln demokratisch getroffen werden und sie selbstberechtigt daran teilnehmen können. Denn wer nicht selbst demokratisch mitentscheiden kann, eignet sich Demokratie auch nicht an.

Jeder Tag ist voller Möglichkeiten

Demokratie lernt man am besten dadurch, dass man sie im eigenen Alltag erfahren, also daran teilnehmen kann. Partizipation ist eine wichtige Grundlage demokratischer Bildung. Gerade Kita-Kinder sind darauf angewiesen, dass wir sie demokratisch an der Regelung alltäglicher Dinge in der Einrichtung beteiligen. Der 16. Kinder- und Jugendbericht betont: „Politische Bildung lebt von echten Partizipationserfahrungen.“ Damit stellt sich die Frage: Was sind echte Partizipationserfahrungen? Und wie können wir Kindern diese bereits in der Kita eröffnen? 

Echte Partizipation zeichnet sich vor allem durch zwei wesentliche Dinge aus. Zum einen muss es um reale und für die Kinder relevante Themen und Regeln gehen, zum anderen muss die Beteiligung daran demokratisch gestaltet sein.

Bedeutsame Themen, an denen sich Kinder beteiligen können, ergeben sich häufig aus dem Kita-Alltag. Täglich entstehen Herausforderungen und Probleme bei der Regelung des Zusammenlebens, die es zu besprechen und zu lösen gilt: Was gibt es zu essen? Was können wir spielen? Wie lösen wir Konflikte? Demokratiebildung wird unterstützt, wenn solche Themen nicht von den Erwachsenen für die Kinder gelöst, sondern als gemeinsame Aufgabe verstanden und miteinander vereinbart werden. Demokratische Partizipation ist eben kein punktuelles Projekt, in dem die Kinder einmal Demokratie spielen dürfen, wenn die Erwachsenen es ihnen gerade gewähren: Sie muss stattdessen ein durchgängiges Struktur- und Handlungsprinzip in der Kita sein.

Wenn Fachkräfte Partizipation demokratisch gestalten wollen, müssen sie die Machtverhältnisse in der Kita reflektieren und die Kinder in Regelungen, die sie betreffen, sowie in Planungen und Entscheidungen einbinden. Eine solche Pädagogik, die auf dem Recht der Beteiligung beruht, hat der polnische Arzt, Schriftsteller und Pädagoge Janusz Korczak bereits vor hundert Jahren beschrieben und gelebt. Lange vor der Verabschiedung der UN-Kinderrechtskonvention von 1989 hat er die Forderung aufgestellt, Pädagogik müsse auf den Rechten von Kindern sowie auf demokratischen Verfahren beruhen. In seinem Buch „Wie man ein Kind lieben soll“ schreibt er schon 1919: „Das Kind hat ein Recht darauf, dass seine Angelegenheit ernsthaft behandelt und gebührend bedacht wird. Bis jetzt hing alles vom guten Willen und von der guten oder schlechten Laune des Erziehers ab. Dieser Despotismus muss ein Ende haben.“

Wir verstehen Partizipation daher als demokratisch und beschreiben in unseren Büchern „Partizipation in Kindertageseinrichtungen“ und „Mitentscheiden und Mithandeln in der Kita“, wie Fachkräfte demokratische Rechte und Verfahren in Kindertagesstätten einführen können. Das sollte auf eine Weise geschehen, die den unterschiedlichen Kindern gerecht wird und ihre Einzigartigkeit berücksichtigt. Es muss gesichert werden, dass sich alle Kinder auf ihre Art und Weise beteiligen können. So wird man zum Beispiel Kindern, die (noch) nicht gut (deutsch) sprechen können, nicht ausschließlich verbale Beteiligungsformen anbieten, sondern den Dialog mit Bildern, Erprobungen oder Ortsterminen gestalten.

„Politische Bildung ist mehr als Partizipation“

Partizipation ist also die Grundlage demokratischer politischer Bildung. Der 16. Kinder- und Jugendbericht stellt aber auch fest: „Politische Bildung ist mehr als Partizipation.“ Er fordert, dass Partizipation reflektiert und eingebettet werden muss und zwar in Lernmöglichkeiten. Nur so bilden sich politische Urteils- und Handlungsfähigkeit aus. Was heißt das für die Kita?

Partizipation wird dann zur politischen Bildung, wenn Kinder sich ihrer demokratischen Rechte und der Verfahren auf einer abstrakteren Ebene bewusst werden. Dazu ist es wichtig, dass sie demokratische Partizipation nicht nur situativ erleben, sondern auch verstehen, dass Demokratie etwas Grundsätzliches ist und wie man sie generell herstellt. Erst, wenn man gemeinsam Beteiligungserfahrungen reflektiert, können Kinder die Kernidee von Demokratie erkennen: nämlich dass verschiedene Betroffene gleichberechtigt die Regeln ihrer Lebensführung diskutieren und bestimmen. Dazu müssen wir zusammen mit den Kindern über Partizipation sowie die vielen damit verbundenen Fragen sprechen und nachdenken:

  • Wenn ich beim Frühstück selbst entscheiden darf, was und wie viel ich esse, gilt das auch für das Mittagessen?
  • Gilt das immer, egal welche Fachkraft gerade anwesend ist?
  • Haben alle das Recht mitzubestimmen, auch die Kinder, die noch gar nicht gut sprechen können?
  • Was bedeutet es, wenn die Mehrheit „siegt“ und die Minderheit „verliert“?
  • Was kann man machen, wenn immer dieselben verlieren oder gewinnen?
  • Gelten die gemeinsamen Regeln auch für die Erwachsenen oder nur für die Kinder?
  • Gelten die Regeln nur in dieser Kita oder auch zu Hause oder vielleicht in der ganzen Welt? 

In gemeinsamen Gesprächen über solche Fragen eröffnen sich den Kindern nach und nach verschiedene Dimensionen von Demokratie: Da gibt es Verfahren, wie man gemeinsam aus unterschiedlichen Interessen allgemein verbindliche Regelungen herstellen kann (formale Dimension). Dabei muss man allerdings Prinzipien wie die Gleichheit aller Beteiligten, den Schutz von Minderheiten sowie die Geltung von geklärten Rechten und andere beachten (substanzielle Dimension). Die Kinder können zudem Begriffe darüber entwickeln, was es bedeutet, Rechte und die Freiheit zur Selbstbestimmung über die eigenen Belange zu haben, dass die anderen aber die gleichen Rechte haben und Demokratie bedeutet, gemeinsam gerechte Lösungen zu finden. Das eröffnet ihnen Schritt für Schritt auch die Möglichkeit, undemokratische Machtverhältnisse zu kritisieren, eigene Rechte einzuklagen und sich aktiv einzubringen. Auf dieser Basis lernen Kinder, demokratische Prinzipien auf andere Handlungsbereiche wie Familie, Schule, den Sportverein oder die ganze Gesellschaft zu übertragen.

Dabei sind demokratische Prozesse immer auch mit Gefühlen verbunden. Mit positiven, wie dem guten Gefühl, ernst genommen zu werden, der Zufriedenheit, für die Gemeinschaft wichtig zu sein, oder der Freude über den gemeinsamen Erfolg. Aber auch mit negativen Gefühlen, wie dem Ärger über mühselige oder langweilige Sitzungen oder der Enttäuschung, bei einer Abstimmung zu unterliegen oder nicht gewählt zu werden. Wenn man die demokratischen Handlungsweisen und die damit verbundenen Anstrengungen und Gefühle bespricht, können Kinder ein Verständnis für gemeinschaftliche Belange entwickeln und Freude daran haben, die kleine Gesellschaft der Kita mitzugestalten. So wird demokratische Partizipation zu einer politischen Bildung durch und für die Demokratie.

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