02.06.2021
Susanne Kühn, Amna Akeela
shapecharge // GettyImages

„Ich bin keine Trödeltante“ – warum es wichtig ist, feinfühlig zu sprechen

Wenn wir im Stress sind, kann es ganz schnell gehen: Mit einer unbedachten Äußerung etikettieren wir Kinder, entmutigen sie oder grenzen sie aus. Unsere Autorinnen beschreiben, welche Folgen das hat. Vor allem aber zeigen sie, wie es gelingt, auch in der Corona-Zeit feinfühlig und vorurteilsbewusst zu sprechen.

„Gleich gibt es Mittagessen. Geht schon mal Hände waschen!“, sagt Britta. Im Baubereich schaut die fünfjährige Lea kurz auf, nickt mit dem Kopf und baut weiter an ihrem Haus. Nach einigen Minuten ist Lea immer noch nicht im Waschraum angekommen und Britta fragt: „Bist du heute die Trödeltante? Komm jetzt bitte schnell. Du bist doch sonst immer mein Sonnenschein.“ Lea steht mit einem letzten besorgten Blick auf ihr Bauwerk auf und geht langsam zum Händewaschen. „Bin keine Trödeltante. Sonnenschein auch nicht,“ zischt sie Britta im Vorbeigehen zu.

Bevor wir unsere Gedanken mit Ihnen teilen, möchten wir Sie, liebe Leser:in, zum Nachdenken einladen: Wie schätzen Sie diese Situation ein? Und wie wird diese in Ihrem Team betrachtet? Haben Sie über ähnliche Situationen schon diskutiert? Wie haben Sie sich darüber ausgetauscht? Und wie oft nehmen Sie sich persönlich und im Team Zeit, ihre Kommunikation mit Kindern zu reflektieren oder sich kollegiales Feedback zu geben?

In den Medien können wir derzeit viele Leitartikel, Posts und Streitgespräche zur sogenannten Identitätspolitik verfolgen. Die Wahrnehmung der Interessen und die Verbesserung der gesellschaftlichen Position von Menschen, die anhand von Kategorien wie Klasse, Geschlecht, Herkunft oder sexueller Orientierung zu einer Gruppe zusammengefasst werden, werden intensiv diskutiert. Darauf reagieren Menschen sehr unterschiedlich. Einige sind der Meinung, dass etwa die Forderungen zur diskriminierungssensiblen Sprache sehr weit hergeholt sind. Andere fragen sich erschrocken, was sie noch sagen und was sie lieber vermeiden sollten. Wieder andere sind einfach nur irritiert. Oder verunsichert. Oder genervt.

Und dann werden wir als Fachkräfte an vielen Stellen dazu aufgefordert, unser eigenes Sprachverhalten zu reflektieren. Wir sollen uns Gedanken darüber machen, wo wir Kinder mit unseren Worten und Aussagen ausgrenzen oder entmutigen. Wir sind der Meinung: Ja, dass wir uns dieser schwierigen Selbstreflexion stellen, ist grundlegend für eine inklusive und partizipative Kitapraxis. An erster Stelle stehen dabei die Kinderrechte. Kinder haben das Recht auf körperliches und seelisches Wohlergehen, auf umfassende Teilhabe und Zugang zu Bildung, auf Schutz vor Diskriminierung und auf Fürsorge. Und unsere Aufgabe als ihre erwachsenen Begleiter:innen ist es, ihnen wertschätzend und achtsam zu begegnen.

Die Reckahner Reflexionen

Es gibt Vorschläge für Selbstverpflichtungen pädagogischer Fachkräfte, zum Beispiel von dem Soziologen und Pädagogen Jörg Maywald. Denn Kinder brauchen vertrauensvolle Beziehungen, um sich gut entwickeln zu können. Dabei geht es auch um Respekt vor den Gefühlen der Kinder und um den Verzicht auf verbal und nonverbal abwertendes Verhalten. In den Reckahner Reflexionen, in denen ethische Leitlinien für pädagogische Beziehungen formuliert wurden, gilt als unzulässig, „dass Lehrpersonen und pädagogische Fachkräfte Kinder und Jugendliche diskriminierend, respektlos, demütigend, übergriffig oder unhöflich behandeln“, „Produkte und Leistungen von Kindern und Jugendlichen entwertend und entmutigend kommentieren“ und „auf das Verhalten von Kindern und Jugendlichen herabsetzend, überwältigend oder ausgrenzend reagieren“.

Aus rechtlicher und ethischer Sicht sind Zuschreibungen wie Trödeltante oder Sonnenschein demnach kritisch zu betrachten.

Was Etikettierungen bewirken

Auf das „mein Sonnenschein“ freute sich Lea morgens. Sie bekam von Britta besondere Aufmerksamkeit, Bestätigung, ein Alleinstellungsmerkmal. Es irritierte sie, wenn Britta es mal nicht sagte oder ein anderes Kind damit bezeichnete. Lea bemühte sich so mit Britta zu kooperieren, dass sie das strahlende, hilfsbereite, unkomplizierte Kind war, das Britta gern in ihr sah. In der langen Zeit zu Hause während des Lockdowns konnte Lea sich in ihr eigenes Spiel vertiefen und entdeckt diese Möglichkeit nun auch in der Kita. Zu Hause war sie sicher, dass ihr Bauwerk auch nach dem Essen noch steht. Hier in der Kita ist das anders. Was hört und was lernt Lea, wenn Britta sie nun Trödeltante nennt und betont, sie sei sonst immer ihr Sonnenschein gewesen? Lea entnimmt daraus wahrscheinlich den Appell zu kooperieren, um Brittas Zuwendung zu behalten.

Erwachsene sind mächtig

In der vorurteilsbewussten Pädagogik wird unter anderem das ungleiche Machtverhältnis zwischen Kindern und uns Erwachsenen, das wir auch in unserem Beispiel erkennen, in den Blick genommen. Wir sind Bindungspersonen und Vorbilder, gleichzeitig auch Entscheider:innen über die Lernumgebung der Kinder in der Kita und ihnen außerdem sprachlich und körperlich überlegen. Kinder sind sich dessen bewusst und erleben dies täglich. Etikettierungen wie in unserer Szene haben einen Aufforderungscharakter für Kinder, sich in einer bestimmten Art und Weise zu verhalten. Für die Aufmerksamkeit und Anerkennung der Erwachsenen stellen Kinder von sich aus aktuelle Bedürfnisse zurück. Durch das Unausgesprochene solcher Zuschreibungen entsteht ein gewisser Druck, auch wenn es liebevoll gemeint war.

Wie wir achtsam miteinander sprechen

In Kitas ergeben sich momentan öfter Kleingruppen- oder sogar Eins-zu-eins-Settings, in denen Kinder und pädagogische Fachkräfte miteinander ins Gespräch kommen. Nutzen wir diese Chance, das eigene Sprachverhalten und seine Wirkung auf die Kinder zu beobachten! Denn: „Unsere Sprache“, sagt der US-amerikanische Bürgerrechtler César Chávez „ist die Reflexion von uns selbst. Eine Sprache ist ein genaues Abbild des Charakters und der Entwicklung ihrer Sprecher.“

Reflexionsfragen – wie sprechen wir mit Kindern?

In den Methoden- und Qualitätshandbüchern des Instituts für den Situationsansatz wird die Interaktion aus verschiedenen Blickwinkeln hinterfragt:

Aus welcher Perspektive nehmen die Kinder auf, was wir sagen?

1.      Wie fühlt sich das Kind möglicherweise? Welche Gedanken könnte es haben?

2.      Sind wir aufmerksam für die individuelle Situation jedes Kindes in der Corona-Situation?

3.      Bestätigen wir jedes Kind darin, dass es richtig ist, wie es ist?

4.      Bieten wir jedem Kind sachlich korrekte und respektvolle Formulierungen an, um sich selbst und andere zu beschreiben?

Aus welcher Perspektive und mit welcher Biografie sprechen wir zu den Kindern?

1.      In welchen Situationen verwenden wir Erwachsenensätze oder Etikettierungen?

2.      Was möchten wir damit in unserem pädagogischen Handeln bewirken?

3.      Bei welchen Formulierungen haben wir uns selbst als Kinder hilflos, entmutigt oder verängstigt gefühlt?

4.      Welche Sätze von Erwachsenen waren damals tröstlich und bestärkend für uns?

So können wir die Kinder und ebenso uns selbst in der Interaktion beobachten. Und vielleicht erlauben wir uns auch, einander kollegiales Feedback zu geben und gemeinsam Handlungsalternativen im Sprachverhalten zu entwickeln.

Einen weiterführenden Gedanken haben Grete Helle und Tom Rune Fløgstad treffend formuliert: „Es wird immer gesagt, dass wir Kita-Mitarbeiter den wichtigsten Job der Welt haben. Es ist jedoch auch wichtig, darüber nachzudenken, dass wir einen der ̦gefährlichsten Jobs der Welt haben, denn wir beeinflussen die Zukunft einer Reihe von Kindern. Spiegelung, Nachahmung und Kopieren sind ein wesentlicher Bestandteil der kindlichen Entwicklung. Wenn uns das Kind nachahmt, weiß es unbewusst, dass dieses Verhalten vollkommen akzeptabel ist. Es ahmt einen Erwachsenen nach, dem es vertraut. Dies beinhaltet ein minimales Risiko, eine falsche Handlung nachzuahmen. Das Spiegeln und Nachahmen anderer ist also die Abkürzung zur Sozialisierung.“

Zu den Autorinnen

Susanne Kühn ist freiberufliche Fortbildungsreferentin und Coach. Ihre Schwerpunkte sind Sprache, Mehrsprachigkeit, Zusammenarbeit mit Familien und Kommunikation. Sie lebt in Schleswig-Holstein. www.susanne-kuehn.de

Amna Janne Akeela ist Diplom-Pädagogin und war viele Jahre Kita-Leiterin in Hamburg. Jetzt arbeitet sie als Fachberaterin in den Bundesprogrammen „Sprach-Kitas“ und „Kita-Einstieg“, als freie Fortbildungsreferentin sowie als Prozessbegleiterin für „Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung©“. www.amna-akeela.de

Quellen und weiterführende Links

Larsson, Karolina (2021): Sprachliche Vorbilder in der Kita. Lernfortschritte erzielen durch gute Kommunikation. Berlin: Verlag Bananenblau. Leseprobe: https://www.bananenblau.de/images/documents/2021/sprachliche-vorbilder_blick-ins-buch.pdf?utm_campaign=buch_sprachliche_vorbilder&utm_source=bb_nl_032021&utm_medium=link_leseprobe (22.4.2021)

Reckahner Reflexionen: https://paedagogische-beziehungen.eu/leitlinien/ (27.4.2021)

Kinderrechtskonvention zitiert nach https://www.kinderrechte.de/kinderrechte/un-kinderrechtskonvention-im-wortlaut/ (27.4.2021)

Maywald, Jörg (2019): Gewalt durch pädagogische Beziehungen verhindern. Die Kita als sicherer Ort für Kinder. Freiburg: Herder.

Helle, Grete und Fløgstad, Tom Rune (2020): Schaut mal, wie ich lerne. Berlin: Verlag Bananenblau.

El-Mafaalani, Aladin (2020): Mythos Bildung: Die ungerechte Gesellschaft, ihr Bildungssystem und seine Zukunft. Köln: Kiepenheuer & Witsch.

ISTA/Fachstelle Kinderwelten (Hrsg.) (2018): Lernprozesse zur Vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung begleiten. Ein Methodenhandbuch. Inklusion in der Fortbildungspraxis (Band 6). Berlin: Wamiki.

ISTA/Fachstelle Kinderwelten (Hrsg.) (2021): Qualitätshandbuch für Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung in Kitas. Inklusion in der Kitapraxis (Band 7). Berlin: Verlag Wamiki.

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