Warum die Kinderzeit anders tickt…

Die Kunst, den richtigen Rhythmus zu finden

Kinder erleben täglich Neues. Im Gegensatz zu Erwachsenen haben sie aber noch keine Erfahrungen, die ihnen helfen, diese Erlebnisse einzuschätzen. Sie brauchen deshalb Wiederholung und Zeit, um Erfahrungen aufzubauen, um sich in der Welt zurechtzufinden. Rhythmisierung gelingt, wenn wir beachten, dass sich Zeit für Kinder anders anfühlt als für Erwachsene.

Text: Elmar Drirdchner, Detlef Gaus Foto: © gettyimages/sjo

Das Thema Rhythmus steht vor seiner Wiederentdeckung. Die letzten Jahre waren durch andere Themen geprägt: Frühkindliche Bildungsprozesse wurden über das Explorationsverhalten gedacht. Das Kind, das voller Neugier und spannungsvollem Interesse seine Umwelt erkundet, wurde zu Beginn der Bildungsreformen in den 2000er-Jahren als Turbolerner gefeiert. Selbst der Säugling habe schon Forschergeist und verfüge über Agency, also Handlungsmacht. Aus diesen Bildern kompetenter Kinder sind verschiedene didaktische Schlussfolgerungen gezogen worden: Den Plädoyers für die Selbstbildung in offenen Lernumwelten stehen heute strukturierte Trainingsprogramme, zum Beispiel sprachlicher und mathematischer Kompetenzen, gegenüber. Dabei ist allen neueren didaktischen Ansätzen die Forderung gemeinsam, dass die kindliche Entdeckerlust auf keinen Fall eingeschränkt werden dürfe. Bei allen Hoffnungen auf eine optimierende Förderung wurde jedoch die spezifische Eigenart der kindlichen Erfahrungsweisen nur unzureichend berücksichtigt – Kinder erfahren Zeit und Raum anders als Erwachsene. Sie brauchen die Wiederholung und die Bewegung im Raum, um Erlebnisse einordnen zu können. In diesem Text stellen wir deshalb Überlegungen zur Rhythmisierung pädagogischen Handelns im Zusammenhang mit Möglichkeiten des Rituals und der Raumgestaltung vor.

Erfahrung aufbauen heißt, sich bilden

Täglich erleben Kinder in verschiedensten Situationen Neues. Freudiges Entdecken und ausgelassenes Spiel erfolgen parallel mit schmerzhaften Anpassungs- und Bewältigungsprozessen, wie zum Beispiel ersten Trennungen von den Eltern oder Konflikten mit anderen Kindern. Während Erwachsene vieles
schon einmal erfahren haben und einschätzen können, haben Kinder im Umgang mit den immer neuen
Erlebnissen noch keine stabilen Erfahrungen. Daher wird sprachlich zwischen Erlebnis und Erfahrung unterschieden: Erst über die innere gedankliche und emotionale Verarbeitung wiederkehrender Erlebnisse bauen Menschen Erfahrungen auf. Erfahrung ist so gesehen ein Moment von Bildung. Im Bildungsprozess
baut der Mensch in Auseinandersetzung mit der Umwelt innere Strukturen auf, anhand derer sich seine Handlungskompetenz in der Außenwelt entwickelt.

Der Erfahrungsaufbau in früher Kindheit erfordert eine sinnvolle Rhythmisierung. Dies zeigt sich bereits in der Interaktion mit dem Baby. Intuitiv sorgen feinfühlige Eltern für eine angemessene Balance von Zu- und Abwendung. Solche Interaktionsrhythmen vermitteln Kindern Sicherheit. Sie helfen, die vielfältigen Eindrücke innerlich zu strukturieren.

Jeder darf mal aus dem Rhythmus kommen

Der Begriff Rhythmus steht allgemein für die Erfahrung wiederkehrender Zeit. Rhythmus verleiht dem Leben Ordnung. Menschen sind eingebunden in natürliche Rhythmen wie Tag und Nacht, in gesellschaftliche Rhythmen wie Arbeit und Pause und in Biorhythmen wie Wachheit und Müdigkeit. Dem Rhythmus wohnt ein dynamisches Moment inne: Über ein bestimmtes zyklisches Grundmuster strukturiert er Variationen und Abweichungen. So werden die meisten von uns abends müde. Wir können aber auch mal bis in die Nacht arbeiten, um eine wichtige Aufgabe zu beenden.

Die Pädagogik weiß schon lange um die Bedeutung von Rhythmen, wie die überlieferten Strukturen von Kitas und Schulen zeigen. Rhythmen gestalten Spannungswechsel: Phasen der Anspannung und Entspannung müssen ausbalanciert werden. Rhythmen bieten Sicherheit, die wiederum die Voraussetzung für Entdeckerlust ist. Immer geht es also um das Zusammenspiel von neuen Eindrücken und notwendiger innerer Verarbeitung.

Neue Eindrücke in der Kita bieten nicht nur geplante Angebote oder Projekte. Auch Alltagsereignisse wie Reparaturarbeiten durch Handwerker können für Kinder neue positive wie negative Eindrücke bereithalten. Es ist deshalb sinnvoll, neue Ereignisse von vornherein in bestehende Rhythmen des Tagesablaufs zu integrieren. So können die Handwerker im Morgenkreis vorgestellt werden. Das Fremde wird also mit dem Vertrauten verbunden.

Die Notwendigkeit der Rhythmisierung ergibt sich aus der anderen Zeitwahrnehmung von Kindern. Im Erwachsenenalter haben wir gelernt, unser Leben in linearer Hinsicht als Lebenslauf zu verstehen. Dagegen nehmen Kinder bis etwa zum dritten Lebensjahr Zeit eher als Zyklus wahr. Bereits im Säuglingsalter entwickeln sie ein Gefühl für typische Ereignisse in wiederkehrenden Handlungszeiten. Sie erleben eine Zeit des Spielens, des Fütterns, des Schlafens. Kinder bilden dabei innere Skripts für diese äußeren Handlungszeiten. Im Laufe des Kindergartenalters entwickelt sich dann mehr und mehr ein anschauliches Zeitverständnis. Dies ist schon stärker linear ausgeprägt, aber noch stark an Gegenständen und Bewegungen im Raum orientiert. Typisch hierfür ist die Feststellung von Kindern, dass größere Menschen älter sind als kleinere. Erst auf Basis vielfältiger Bewegungen im Raum, verstehen Kinder den Sinn von hier und dort, früher, jetzt und später.

Aufgrund ihrer Zeitwahrnehmung profitieren kleine Kinder also sehr von Rhythmen in der Tagesgestaltung. Pädagogisch herausfordernd ist es, die drei verschiedenen Rhythmisierungen parallel zu gestalten: die innere, äußere und die pädagogisch- funktionale Rhythmisierung.

Die Kunst, drei Rhythmen unter einen Hut zu bringen

Die innere Rhythmisierung brauchen Kinder bei ihrer Auseinandersetzung mit der Umwelt, um für sich zur eigenen Zeitform zu finden. Beispielsweise muss ein Rhythmus zwischen Zeiten der Exploration und der Bindung gefunden werden. So kann während des Freispiels bei einem Kind das Bedürfnis nach Nähe zur pädagogischen Fachkraft entstehen, wenn Erlebnisse emotional stark berührend oder auch kognitiv stark fordernd sind. Die Fachkräfte müssen diesen Rhythmus zwischen der Hinwendung zur Außenwelt und dem
emotionalen Rückzug zur Bezugsperson feinfühlig gestalten.

Die äußere Rhythmisierung brauchen Kinder als Teil einer Kindergruppe. Hier ist eine gemeinsame Taktung des Tagesablaufs wichtig. Der Morgenkreis, die Abschiedsrunde, die Zeiten des Spielens, des Essens und Schlafens bilden die äußere Rhythmisierung.

Die funktionale Rhythmisierung stellt sicher, dass der Zeitplan der Einrichtung nicht nur von äußerlichen Bedarfen, sondern von professionellen pädagogischen Zielen bestimmt wird. Denn nur dann ist der bereits angesprochene Besuch durch die Handwerker keine Störung. Klug in den Tagesrhythmus integriert, wird er zum pädagogisch relevanten Anregungspotenzial.

Diese drei Rhythmusebenen abzustimmen, ist professionelle Aufgabe der frühpädagogischen Fachkraft. Es gibt viele pädagogische Kunstlehren, die hier Anregungspotenzial bieten. Bis heute sind die Strukturierungsvorgaben der Waldorf-Pädagogik weit verbreitet. Aber auch die Jenaplan-Pädagogik findet nach wie vor Beachtung. Deren Begründer, Peter Petersen, entwickelte ein Modell des rhythmischen Wechsels zwischen Spiel (zur Anregung der Eigentätigkeit) und Gespräch (zur Anregung der Reflexion) sowie zwischen Arbeit und Feier. Arbeit ist die Herausforderung des Alltags, die Feier fördert die Entspannung. Diese Kreuzstruktur zwischen dem Bei-sich-Sein und Bei-anderen-Sein ist eingebunden in Mikro-, Meso- und Makrokreisläufe der Zeit. Sie reichen vom kleinen Morgen- oder Abschiedskreis über den Tages- und Wochenkreis bis hin zum großen Jahreskreis. Ausgehend vom stetigen Spannungswechsel entwickelt sich zunächst ein individueller Rhythmus, der sodann allmählich mit den Rhythmen von Natur und Kultur parallelisiert wird. So wird, nach Petersen, dem Kind geholfen, seine innere Zeit- und Erlebensordnung an die äußere Weltordnung der Menschheit anzugleichen.

Drei Arten der Rhythmisierung

  • Die innere: das wechselnde Bedürfnis des Individuums nach Exploration und Bindung. Anspannung und Entspannung.
  • Die äußere: der Tagesablauf für eine Gruppe mit festen Zeiten.
  • Die pädagogisch-funktionale: die Einbindung von Ereignissen in den Tagesablauf durch die Fachkräfte, damit diese nicht als Störung erlebt werden, sondern als pädagogisch wertvoll.

Ein Feuerwerk am Abend bringt Kinder aus dem Rhythmus

Im geteilten Betreuungsfeld müssen die drei Rhythmisierungen der Kita ferner mit den Rhythmen der Familie abgestimmt werden. Wenn Eltern nach einem langen Tag der Abwesenheit den Abend in ein Erlebnisevent verwandeln, wenn sie keine Einschlafzeiten einhalten, wenn sie uneingeschränkten Medienkonsum erlauben, so kann dies die inneren Rhythmen des einzelnen Kindes und die äußeren Rhythmen in der Kita negativ beeinflussen. Wenn sich Eltern und Fachkräfte dagegen im gemeinsamen
Dialog über Sinn, Zweck und Funktion angemessener Rhythmen verständigen, ist mit positiven Synergien und Effekten auf die kindliche Entwicklung zu rechnen.

Rituale markieren Übergänge und machen das Leben leichter

Rhythmisierung kann sehr gut durch Rituale gesichert werden. Rituale sind formelle Handlungen in bestimmten Sozialformen, wie zum Beispiel dem Sitzkreis, die nach festen Regeln ablaufen. Dabei werden
Gesten, Worte, Klänge oder Bilder mit hohem Symbolwert eingesetzt. Rituale können Übergänge zwischen
den rhythmischen Spannungswechseln im Alltag der Kita markieren. Sie können einen feierlichen Charakter
haben und regelrecht zelebriert werden. Damit werden Kinder atmosphärisch eingestimmt – und auch Eltern können hier mit in die Verantwortung genommen werden. In der Rhythmisierung des Tagesablaufs
können Rituale an verschiedenen Stellen eingesetzt werden. Die morgendliche Bringsituation ist ein aufregender Moment: Laufen Eltern dabei hektisch durch den Eingangsbereich, helfen mal beim Ausziehen
und mal nicht, mögen sich nicht trennen oder sind in Eile, vervielfacht sich die Unruhe. Ein ritualisiertes Ankommen in der Gruppe gibt hingegen Kindern, Eltern und Fachkräften eine feste raumzeitliche Ordnung. In manchen Einrichtungen erfolgt das Ausziehen des Anoraks und der Schuhe noch mithilfe der Eltern im Vorraum. Die Begrüßung übernimmt dann die Erzieherin oder der Erzieher im Gruppenraum, die Übergabe erfolgt somit von Hand zu Hand. Das Abschiedswinken wird feierlich gestaltet. Oder: Die Eltern werden mit lustigem Lärm aus der Tür geschubst. Solche wiederkehrenden Rituale des Anfangs, der Übergänge zu den Essens- und Ruhezeiten oder des Abschieds gliedern den Tag. Sie ermöglichen außerdem Freiphasen,
die der inneren Rhythmisierung des Kindes dienen, sowie die Koordination der äußeren und der funktionalen Rhythmisierung der Einrichtung.

Rituale helfen nicht nur den Kindern und Eltern, sie entlasten auch die pädagogische Fachkraft. So braucht sie keine ständigen Worte der Erläuterung. Vielmehr spricht der hohe und wiedererkennbare Symbolwert ihrer Gesten und Praktiken für sich. Zudem erreichen sie die Kinder und die Eltern auf anderen als sprachlichen Wegen, sind auch bei Schwierigkeiten der sprachlichen Verständigung möglich und dienen dem ganzheitlichen und nachhaltigen Anspruch frühpädagogischer Arbeit. Rituale gliedern also die Zeit. Darüber hinaus können sie aber auch den Raum strukturieren. So fungieren sie gewissermaßen als Bindeglied zwischen Raum und Zeit, den beiden Grunddimensionen menschlichen Tuns. Das Ritual der Morgenbegrüßung etwa markiert den Übergang vom Außenraum der Straße zum Innenraum der Kita. Auch innerhalb der Einrichtung können Rituale helfen, Zonen und Zeiten der Ruhe, der Arbeit, des Spiels, der Gemeinschaft und Geselligkeit zu markieren.

Umgekehrt bedeutet dies aber auch, dass Rituale bestimmte, förderliche Orte brauchen. Bei der räumlichen Planung einer Einrichtung ist von vornherein darauf zu achten, dass auch im physischen Sinne Übergangsräume vorhanden sind. Wo diese architektonisch nicht gegeben sind, können sie in der gemeinsamen Planung der Fachkräfte symbolisch markiert werden. Dies kann zum Beispiel durch farbliche Markierungen, aber auch über gemeinsame Kommunikationsregeln über lautes und leises Sprechen, über freie Zugänglichkeit oder Zugänglichkeit erst nach Absprache geschehen.

Zu beachten ist dabei, dass der Raum im pädagogischen Sinne seit den Arbeiten des russischen Psychologen Alexej Leontjew (1903 bis 1997) sozialräumlich als Aneignungsraum verstanden wird. Ein Aneignungsraum ist mehr als nur der architektonische Baukörper, in dem sich das Kindergartenkind bewegt. Der Raum ist zugleich der gestaltete und der zu gestaltende Raum, der als solcher veränderbar ist. Dies wird besonders deutlich, wenn man an die pädagogische Tradition der Rhythmisierung größerer Zeiträume denkt, wie etwa in der Gestaltung des Jahreskreises. Räume ermöglichen Rituale. Und Rituale sind dazu da, Räume zu rhythmisieren. Die gemeinsame Veränderung der Innenräume zu den Jahreszeitenwechseln und zu anderen Anlässen sollte keinesfalls ohne die Einbeziehung der Kinder erfolgen. Vielmehr sollten solche Raumveränderungen Teil von Fest- und Feierritualen sein, damit sich die Kinder die Strukturen und Prozesse von Raum und Zeit aneignen können.

Zusammenfassend heißt das: Die Rhythmisierung pädagogischen Handelns ist ein zu Recht wiederentdecktes Thema. Sie basiert auf der kindlichen Wahrnehmung von Zeit als zyklische Wiederholung von Handlungen. Die Rhythmisierung gibt Kindern Zeit und Raum, Erlebnisse zu verarbeiten und Erfahrungen aufzubauen. Sie schafft so die Grundlage von Handlungskompetenz. Rituale und Raumgestaltung sind dabei konkrete Möglichkeiten, diese Aufgabe der Früherziehung praktisch zu gestalten.

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Abläufe, Kinder, Rhythmus, Wiederholung, Zeit

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