Begabung – Ungehobene Schätze

Müssen wir Kinder mit besonderer Begabung schon in Kitas fördern?
Unbedingt, sagt unsere Autorin. Aber wie erkennt man im Alltag überhaupt, dass ein Kind hochbegabt ist? Und wie kann es dann unterstützt werden?

Text: Dagmar Bergs-Winkels, Bild: GettyImages_FatCamera

Der Bildungsauftrag

Alle Kinder und Jugendlichen sollen eine ihrem intellektuellen Vermögen und ihrer sehr individuellen Leistungsfähigkeit entsprechende, bestmögliche Bildung erfahren – so formuliert die Kultusministerkonferenz. Und bestmögliche Bildung fängt eben nicht erst mit der Schule an! Wenn wir Kinder betreuen und sie dabei in ihrem Handeln, Tun und Denken beobachten, merken wir, dass sie ganz bestimmte, individuelle Anlagen und Erfahrungen haben, die ihnen helfen, ihre eigene Entwicklung selbst aktiv zu gestalten. Dabei können pädagogische Fachkräfte die Kinder im Sinne der Entwicklungsbegleitung unterstützen. Die Kindheitspädagoginnen und-pädagogen, Erzieherinnen und Erzieherin Kitas haben einen Bildungsauftrag, der in den Begrifflichkeiten Erziehung, Bildung und Betreuung festgeschrieben ist.

Es geht im pädagogischen Handeln darum, Kinder individuell im Sinne ihrer Fähigkeiten und Fertigkeiten zu fördern und sie bei der Entwicklung und ihrer Erkundung der Welt zu unterstützen. Das heißt, Erfahrungsräume gestalten, Kinder in ihrem Handeln bestärken und sie in ihrer Entwicklung fordern. Kinder haben unterschiedlich ausgeprägte Interessen. Die einen lesen und sprechen früh, andere erst spät, einige Kinder sind körperlich schnell, andere brauchen mehr Zeit für Entwicklungsschritte in der Grob- und der Feinmotorik. Einige Kinder können früh Zusammenhänge erkennen oder sind besonders empathisch. Entwicklung verläuft nicht linear, sondern manchmal in Sprüngen und vor allem in unterschiedlichen Entwicklungsbereichen zu unterschiedlichen Zeiten.

Hochbegabung

Für Kinder mit besonderen Begabungen gilt, wie für alle anderen Kinder auch, dass ihre Fähigkeiten und Bedürfnisse individuell sehr verschieden sind. Besonders begabte Kinder zeichnen sich durch einen deutlichen Entwicklungsvorsprung zur Normgruppe der Gleichaltrigen aus. Hochbegabung wird über den IQ-Wert von 130 oder darüber im Anschluss an einen Intelligenztest definiert. Rein statistisch gesehen gehen wir davon aus, dass etwa zwei bis drei Prozent der Kinder eines Altersjahrgangs intellektuell hochbegabt sind. Diese Kinder verfügen über ein Potenzial, außerordentliche Leistungen erbringen zu können.

Das heißt aber nicht im Kausalschluss, dass sie diese Leistungen auch tatsächlich erbringen. Ist die Diskrepanz zwischen der tatsächlichen Leistung und der aufgrund der Begabung zu erwartenden Leistung sehr groß, spricht man von Underachievement beziehungsweise von Minderleistung. Und hier zeigt sich, dass es problematisch ist, Kinder nicht entsprechend ihrer Potenziale zu fördern. Da die frühpädagogische Bildung den Grundstein für die spätere Entwicklung von Kindern legt, macht sich fehlende Förderung unter Umständen durch Langeweile und auffälliges Verhalten deutlich – manchmal kommt es in der Schule dadurch zu Underachievement.

Underachievement lässt sich vermeiden

Die Umsetzung von Potenzial in tatsächlich gezeigte Leistung ist abhängig vom Umfeld, in dem Kinder aufwachsen, von Persönlichkeitsmerkmalen der Kinder und auch von Förderung, die die Kinder erfahren. Eine interessante Zusammenfassung der Einflussfaktoren und gleichzeitig auch eine gute Gesprächsgrundlage mit Eltern, pädagogischen Fachkräften, Lehrerinnen und Lehrern ist das Integrative Begabungs- und Lernmodell von Erziehungswissenschaftler Christian Fischeraus dem Jahr 2014. In diesem Modell zeigt sich die Differenzierung zwischen den unterschiedichen Begabungsformen, wie verbale, numerische, figurale, musisch-künstlerische und sozial-emotionale Begabung, die Kinder mitbringen, und der gezeigten Leistung in diesen Begabungsbereichen.

Die gezeigte Leistung ist Ergebnis eines Entwicklungsprozesses und eines Lernprozesses. Dieser Prozess ist sowohl bedingt durch Persönlichkeitsfaktoren des Kindes als auch durch Einflüsse aus der Umwelt.

Diese Einflussfaktoren können positiv, aber auch negativ für den Entwicklungsprozess sein. Im Beratungskontext oder bei Entwicklungsgesprächen oder beim Übergang vom Kindergarten in die Schule bietet das Modell vielfältige Möglichkeiten, mit Eltern ins Gesprächzu kommen, und hilft, sowohl die eigenen Beobachtungen und die der Kolleginnen und Kollegen als auch der Eltern zu strukturieren.
Das Modell eignet sich gut, um die Lebenswelt der Kinder abzubilden. Bislang ist es das einzige Modell, in dem Kita explizit genannt wird.

Besonders begabte Kinder können entdeckt werden

Beobachtungsinstrumente, die in den Kitas genutzt werden, sind ein mögliches Instrument. Meist fällt aber auf, wenn Kinder ganz besonders früh sprechen, ein besonders gutes Gefühl für Zahlen haben, sich vor allem für ältere Kinder oder die Erwachsenen interessieren, schon ein wenig über die großen Fragen der Welt philosophieren oder einen besonderen Sinn für Humor zeigen. Leider ist das Thema Hochbegabung nach wie vor kein Thema in Ausbildung und Studium von Erzieherinnen und Erziehern und Kindheitspädagoginnen und -pädagogen. Es ist eher Zufall, ob sie davon schon gehört haben.

Auch im Bereich der Forschung gibt es nur wenige Studien, die sich mit Begabung und früher Kindheit befassen. Das liegt zum einen an der Schwierigkeit einer sicheren Diagnose in diesem Alter, außerdem ist es nicht einfach, ein Forschungsdesign bei 2 bis 3 Prozent eines Altersjahrgangs zu realisieren. Da die Beobachtung die Grundlage für eine gezielte individuelle Förderung ist, sollten die pädagogischen Fachkräfte also die Instrumente nutzen, die ihnen zur Verfügung stehen. Ziel ist die systematische Beobachtung der Entwicklung von Kindern. Diese Beobachtungen sollten die Fachkräfte über mehrere Zeiträume machen und sich mit Kolleginnen und Kollegen rückkoppeln. Das ist wichtig, um nicht vorschnell zu urteilen, sondern auch andere Perspektiven in Betracht zu ziehen.

Kerneigenschaften von hochbegabten Kindern

Darüber hinaus ist es besonders hilfreich, sich an den fünf vom amerikanischen Psychologen James T. Webb definierten Kerneigenschaften von hochbegabten Kindern zu orientieren. Dabei sind insbesondere die ersten vier für den frühpädagogischen Bereich wichtig. Webb nennt zum einen die Lernbegierde, also der innere Antrieb der Kinder, wenn es um die Erkundung von Welt geht, den Antrieb sich Wissen anzueignen, detailliert und ausgeprägt.

Als zweites Merkmal definiert er den Perfektionismus, also den Drang der eines Kindes, möglichst alles zu einem Thema zu erfahren, alles dazu wissen zu wollen. Kreativität ist ein weiteres Merkmal und äußert sich in der Fähigkeit, immer wieder neue Lösungswege für Fragen zu suchen und auszuprobieren. Dazu kommt das vierte Merkmal, das persönliche Engagement von Kindern, sich ganz und gar für eine Sache einsetzen zu wollen und hier viel Empathie zu zeigen.

Das von Webb als fünftes Merkmalbeschriebene, besonders entwickelte moralische Empfinden tritt eher im Jugendalter auf. Speziell entwickelt für besonders begabte Kinder im Vorschulalter sind die Entwicklungsbögen von Wissenschaftlerin Margaret Sutherland und Autorin Joëlle Huser. Sie sind dialogorientiert und befassen sich vor allem mit Interessen von Kindern und ihrer Selbsteinschätzung. Für den frühpädagogischenBereich sind objektive Testungen problematisch. Zwar gibt es standardisierte Testverfahren ab dem Alter von zweieinhalb Jahren, also auch sprachfreie Verfahren, aber die pädagogischen Fachkräfte sind für die Durchführung objektiver Testverfahren der Intelligenzdiagnostik nicht ausgebildet oder berechtigt.

Feststellung von besonderer Begabung

Die kindliche Entwicklung im vorschulischen Bereich ist häufig sprunghaft und nicht linear und es entwickeln sich nicht alle Kompetenzbereiche gleichzeitig. Ein Entwicklungsvorsprung, und das macht Hochbegabung ja aus, im Alter von drei Jahren bedeutet nicht, dass dieser im Jugendalter immer noch besteht oder messbar ist. Eine Testung empfiehlt sich nicht vor Schulbeginn, es sei denn, es gibt schwerwiegende Probleme in der Entwicklung von Kindern. Dann können Testverfahren, auch wenn sie nicht stabil in den Ergebnissen sind, Problembereiche genauer beschreiben.

Für den vorschulischen Bereich eignen sich auch Checklisten und Beobachtungsbögen, die auf wissenschaftlichen Beobachtungen bei besonders begabten Kindern beruhen, wie Begabungsforscher Franz Mönks sie entwickelt hat. Wichtig bei der Nutzung dieser Checklisten ist, dass auch hier nicht alle Merkmale auf alle Kinder gleichermaßen zutreffen, sondern Unterschiede in der Entwicklung berücksichtigt werden müssen.

Hochbegabte Kinder können gefördert werden

In keiner Lebensphase lernt der Mensch so viel wie in der frühen Kindheit. Insbesondere im vorschulischen Alter werden grundlegende Kenntnisse und implizites Wissen erworben, im Sinne von Vorläuferfähigkeiten. Dieses Wissen und diese Kompetenzen bilden die Grundlage für spätere Lernprozesse von Kindern, und helfen ihnen, sich die Welt zu erschließen. Unbedingt sollte darauf geachtet werden, dass Materialien, die zur Verfügung stehen, nicht alterseingeschränkt sind, das bedeutet: über den Tellerrand schauen!

Material ist dann sinnvoll, wenn es eine Vielzahl an Möglichkeiten bietet und herausfordernd ist. Wir sollten uns also von Material und altersspezifischen Normvorstellungen lösen. Da die Entwicklung von Kindern individuell sehr unterschiedlich ist, ist es schwer, hier konkrete Vorschläge zu machen.

Begabungen sichtbar machen

Eine Vielzahl an Fördermöglichkeiten findet sich im Buch „Begabungen sichtbar machen. Individuell Fördern im vorschulischen Bereich“von Dagmar Bergs-Winkels und Stephanie Schmitz. Praktische Hilfen für Kindergarten und Vorschule“ und in der Handreichung des Internationalen Centrums für Begabungsforschung oder den Materialien der Karg-Stiftung.
Darüber hinaus empfiehlt die Begabungsberaterin Joëlle Huser, das divergente Denken zu fördern, also Kinder zu selbstständigem, kritischem und kreativem Denken zu animieren. Ein Grundprinzip der Förderung hierbei ist, sich an den Stärken der Kinder zu orientieren und Angebote daran auszurichten. Kinder können ruhig herausgefordert, nicht aber überfordert, werden.

„Vor dem Hintergrund verschiedener aktueller Schulleistungsstudien und weiterer empirischer Unterchungen wird die Bedeutsamkeit einer frühen Förderung von Kindern für ihren späteren Bildungserfolg hervorgehoben“, schreibt Autorin Anne Hein. Dabei geht es nicht um eine Vorverlegung des Anfangsunterrichts, sondern um verbesserte Anregungsqualität in Kindertageseinrichtungen. Internationale Vergleichsstudien belegen, dass sich die Erfahrung institutioneller frühpädagogischer Erziehung, also der Besuch einer Kita, auch positiv auf die kognitive Entwicklung von Kindern auswirkt.

Ob frühe Einschulung dieser Kinder sinnvoll ist

Zum Thema Früheinschulung gibt es keine wissenschaftlich gesicherten Ergebnisse. Studien der Psychologinnen Franzis Preckel und Miriam Vock zeigen, dass sich ein geringe Durchhaltevermögen und soziale Defizite Unterschiede eines Kindes im Vergleich zu anderen Erstklässlern beim Übergang als problematisch erweisen können. Eine sehr asynchrone Entwicklung zwischen kognitiver Kompetenz und anderen Kompetenzbereichen kann für ein Kind schwierig werden.
Allerdings ist soziale und emotionale Kompetenzentwicklung besonders begabter Grundschulkinder vergleichbar zu der von intellektuell normal begabten Kindern, auch wenn es andere Vorurteile dazu gibt.

Dennoch sollte Früheinschulung gut vorbereitet und begleitet werden.
„Wenn etwa zu hohe Erwartungen von Eltern und Lehrern zu einer dysfunktionalen Form des Perfektionismus führen und Underachievement begünstigen, dann muss hier die Qualifikation und Beratung von Lehrern und Elternpräventiv greifen“, schreibt Erziehungswissenschaftler Heinz Reinders. Auch für den Schulstart gilt, dass der Übergang von Kita zur Grunschule sehr individuell.

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