Containment ist gefragt – Unterstützung in der Kita

Kleine Menschen kommen in die Kita und suchen nach Halt. Was können Fachkräfte tun, wenn sie mit Trauer, Ärger, Wut konfrontiert werden? Was hilft bei heftigen Gefühlsausbrüchen von Kindern? Unser Autor hat Antworten.

Text: Colja Bahrenberg Foto


In jedem Alter stehen Kinder und Eltern vor Entwicklungsaufgaben. Eine ständige Herausforderung, denn Mütter und Väter müssen sich immer wieder neu auf ihr Kind einstellen, wie die Kinderärzte Remo Largo und Caroline Benz-Castellano anschaulich dargestellt haben: Ob die Gewöhnung an feste Nahrung, Trotz-Reaktionen im Alltag oder die Aufgabe, miteinander in Beziehung  zu treten: Auf Entwicklungen zu reagieren und sich aufs Neue richtig auf das Kind einzustellen, gelingt auch kompetenten Eltern nicht immer.  Erschwerend kommt hinzu, dass laut der Pädagogin Christel van Dieken die Orientierung an einem „normalen Entwicklungsverlauf “ in der Realität nicht sinnvoll ist. Jedes Kind entwickelt sich anders. Darum haben Normvorstellungen in der Wirklichkeit keinen Bestand. Krisen und Verhaltensauffälligkeiten müssen wir als Erziehungsalltag und als zur kindlichen Entwicklung zugehörig verstehen. Jedes Kind durchlebt seine individuelle Entwicklung; und reagiert zudem noch unterschiedlich auf das, was ihm begegnet. Deshalb kann das Handeln des Kindesschwer vorhergesagt werden. Eltern und Betreuungspersonen sollten nicht versuchen, Ursachenketten zu bilden, die sich an Erziehungsregeln orientieren. Viel wichtiger für eine gedeihliche Entwicklung ist es, sich stetig in das Kind einzufühlen. Van Dieken tritt deshalb dafür ein,Entwicklungstabellen als Hilfestellung zum Verständnis von Kindern zu benutzen und nicht als Beurteilungs-und Bewertungswerkzeuge. Die aufmerksame Beobachtung, die Deutung von kindlichen Signalen sowie die Integration dieser Erkenntnis sein den pädagogischen Alltag  können als Leitlinie hilfreich sein. Aber es geht nicht um die starre Befolgung beliebiger Erziehungsregeln.

Krisen gehören zur Entwicklung In einem ähnlichen Zusammenhang beschreiben Largo und Benz-Castellano anhand von drei häufigen Entwicklungskrisen das Ungleichgewicht, das zwischen elterlicher und kindlicher Perspektive bestehen kann. Diese Ereignisse sind:

  • Nächtliches Aufwachen
  • Kind im Elternbett
  • Sauberkeitserziehung
Containment TPS

So kann der Grund für nächtliches Aufwachen ein verringertes Schlafbedürfnis sein. Das nächtliche Aufsuchendes Elternbettes findet unteranderem in der von Ängsten und Widersprüchlichkeiten geprägten  Loslösung-Individuationsphase  statt. Bei der Herausforderung trocken zu werden ist das aufmerksame Warten  auf kindliche Signale oft eine von Erfolg gekrönte Vorgehensweise.  Die Sauberkeitserziehung dient dabei als prägnantestes Beispiel dafür, dass Entwicklungsaufgaben  am erfolgreichsten bewältigt werden können, wenn sich die Eltern  an der Individualität des Kindes orientieren. Umso wichtiger scheint das Einlassen auf die kindlichen  Signale zu sein. Es sollte beobachtet werden, ob möglicherweise die  Strukturen, die die Eltern vorgeben, nicht mehr der aktuellen Entwicklungssituation entsprechen und dadurch zur Ausprägung einer Krise beitragen.

Die wichtigsten Entwicklungsschritte, die das Kind in den ersten drei Lebensjahren zusätzlich dazu noch zu bewältigen hat, fasst Christel van Dieken folgendermaßen zusammen:

Im ersten Lebensjahr muss die Bindung an eine Bezugsperson entwickelt werden. Neben der Gestaltung dieser Beziehung durch den Säugling ist er zur Befriedigung seiner Grundbedürfnisse auf einfühlsame Erwachsene angewiesen. Durch  die Beantwortung seiner Bedürfnisse kann beim Säugling ein Gefühl von Sicherheit in dieser symbiotischen Beziehung entstehen. Diese verinnerlichte Sicherheit ermöglicht dem Kind später die langsame Loslösung. Das Fremdeln zeigt die Fähigkeit, vertraute und fremde Personen zu unterscheiden und der Emotion Angst unmissverständlich Ausdruck zu verleihen. Im Zuge der sensumotorischen Intelligenzentwicklung werden Wahrnehmungseindrücke mit motorischen Abläufen koordiniert. Außerdem werden wichtige Grundlagen der Sprache und der Bewegung erworben.

Im zweiten Lebensjahr wird der Umgang mit Trennungen spielerisch erprobt. So dient zum Beispiel das „Guck-Guck-Spiel“ als gespieltes Trennungsmuster, da die kindliche Vorstellung noch keine 
Objektpermanenz entwickelt hat. Auch für andere Bereiche dient das Spiel als Kompetenzerweiterung, ist jedoch nur im ausgeglichenen Zustand, also frei von Hunger, Müdigkeit oder Angst möglich. Motorische
Fähigkeiten werden verfeinert und ausgeprägt. So beginnt die Entwicklung des Laufenlernens. Zusätzlich werden erste Kompetenzgefühle entwickelt und die Sprachentwicklung schreitet voran.

Im dritten Lebensjahr werden die ersten Sozialkontakteaufgebaut. Die Entwicklung des Empathievermögens beginnt, indem das Kind bei sich und bei anderen Gefühle wahrnimmt. Die Ich-Entwicklung und damit die Ausprägung des eigenen Willens des Kindes ist zu beobachten. Es versucht diesen durchzusetzen und macht erste Erfahrungen der Kausalität. Durchgelebte Exploration macht das Kind Erfahrungen mit Zusammenhängen und kann diese zueinander in Beziehung setzen. Die körperliche Reife erlaubt es, mit der Sauberkeitserziehung zu beginnen. Diese einzelnen Entwicklungsschritte können nicht isoliert betrachtet werden, sondern werden im Alltag parallel erworben und erarbeitet. Wird das Kind tagsüber betreut, muss es weitere Aufgaben meistern – bei der sozial-emotionalen Entwicklung der Bindung und in Beziehungen.

Übergang als Trennungsaufgabe

Der Beziehungsaufbau, der in einerqualitativen Betreuungseinrichtungmöglich ist, stellt den wichtigen Anfang bei Übergangsprozessen in die erste außerfamiliäre Instanz im kindlichen Leben dar. Dieser ist dringend notwendig, um die aktuelle Trennung von den primären Bezugspersonen zu meistern. Ebenso ist eine gute Beziehung nötig, um den Kindern Halt auch außerhalb der Mutter-Kind-Beziehung zu geben.  Annelinde Eggert-Schmid Noerrführt aus, dass ein Kind aus dieser sicheren Beziehung heraus explorieren  und Spielräume als Lern- und Erfahrungsräume nutzen kann. Denn „Spielen als komplexe Herstellung einer auf Wirklichkeit bezogenen und zugleich von Wirklichkeit entlasteten Handlung, ist auf ein rahmendes Gefühl der Geborgenheit angewiesen“, so Eggert-Schmid Noerr. Erlebt ein Kind seine professionellen Bezugspersonen in der Betreuungseinrichtung nicht als verlässliche Bindungspartner, können Zustände von körperlichem oder psychischem Stress nicht gemeinsam bearbeitet werden. Die fehlende Sicherheit im Erleben der aktuellen Situation führt zu Frustration und Misstrauen – die Möglichkeiten zu Exploration und Lernen sind blockiert. Der Übergang als Trennungsaufgabe muss demnach gemeistert werden. Das Bereitstellen von verlässlichen Beziehungs- und Bindungspartnern ist zwingend notwendig, damit Kinder Räume erfahren, Emotionen bearbeiten und Trennungen verkraften können. Pädagogische Fachkräfte sind besonders in der Phase des Beziehungsaufbaus auf die Fähigkeit zur Mentalisierung, also mentaleZustände anderer Menschen zu interpretieren, und des Containments angewiesen.

Bindung und Beziehung durch Containment

Emotionen des Kindes, die für es unerträglich sind, sollten aufgenommen, und in „verdauter“ Weise zurückgegeben werden. Peter Fonagy und andere verbinden Feinfühligkeit in der Interaktion mit Kindern direkt mit dem Containment-Konzept nach  Wilfred Bion. Nach Bion ist dies die Fähigkeit, unerträgliche Gefühlszustände des Babys in sich aufzunehmen und diese zu containen. Containen bedeutet: Die negativen Emotionen des Kindes gut wahrzunehmen, ernst zu nehmen und in der Reaktion positive Gefühle zurückzuspiegeln. Etwa durch das Reichen der Hand werden die Emotionen des Kindes anerkannt und gleichzeitig versucht, das überwältigende Gefühl einzudämmen. Möglich wird dies laut Ute Schaich durch die Spiegelung der Gefühle bei gleichzeitigen Signalen der Gefühlsveränderung. Das Aufnehmen des kindlichen Gefühls, zum Beispiel von Trauer, im Gesichtsausdruck und die gleichzeitige Veränderung in der Reaktion, wie zum Beispiel durch eine beruhigende Stimmlage, hilft dem Kind die Grenze zwischen Selbst und Anderen zu markieren. Dadurch können unter anderem Emotionen übersetzt und für das Kind verständlich gemacht werden. Ute Schaich sieht den Prozess des Containments als Voraussetzung für Bindungssicherheit in der frühen Tagesbetreuung. Sie beschreibt die Bedeutung des Containments bei der Anpassung der Kinder und schildert, dass eine gesunde Anpassung an die Betreuungsumwelt erst passiert, wenn die kindlichen Verlusterfahrungen von Eltern und Erzieherinnen aus-„gehalten“ werden. Dabei ist die Einfühlsamkeit der pädagogischen Fachkraft von großer Bedeutung. Nur durch das Wahrnehmendes kindlichen Bedürfnisses
und das Containen der damit einhergehenden Gefühle, kann das stressige Trennungserleben bearbeitet werden. Findet seitens der pädagogischen Fachkraft ein altersgerechtes Eingehen auf die kindlichen Gefühle statt, sind diese Situationen eine große Chance, um einen Beziehungsaufbau zu ermöglichen und somit den Start in die außerfamiliäre Betreuung zu unterstützen.

Kulturelle Sensibilität ist gefragt

Der kulturelle Hintergrund von Familien spielt in der Zusammenarbeit mit Kindern und ihren Eltern eine große Rolle. Er kann von unserer westeuropäischen Auffassung von Pädagogik, Bindung und Beziehung abweichen –und deshalb zu Missverständnissen führen. Diese können die Zusammenarbeit zum Wohle des Kindes entscheidend erschweren, wenn nicht gar unmöglich machen. Stehen die pädagogischen Fachkräfte den kulturellen Unterschieden ablehnend gegenüber, kann keine Grundlage entstehen, auf der das Kind in seiner Entwicklung begleitet werden kann. Besteht zum Beispiel im westeuropäischen Raum die Vorstellung einer gewissen Exklusivität der Mutter-Kind-Beziehung, legen andere Kulturen Wert auf eine frühzeitige Einbindung der Kinder in groß-familiäre oder auch soziale Strukturen. Viele verschiedene Bezugspersonen spielen dann eine Rolle. Im Zuge einer professionellen Haltung muss die pädagogische Fachkraft in der Lage sein, diese Unterschiede wahrzunehmen und anzuerkennen. Familien sollten wegen solcher kultureller Unterschiede nicht bevormundet oder verurteilt werden. Abweichenden Vorstellungen als genauso bedeutsam anzuerkennen wie das, was in unserem Kulturkreis wichtig und richtig erscheint, ist eine Grundvoraussetzung für eine kultursensiblen Pädagogik in der Praxis.

Containing im Kontakt zu Eltern

Auch auf der Fachkraft-Eltern-Ebeneist es unerlässlich, dass die elterlichen Ängste und Zweifel von der Fachkraft „contained“ werden, wie Schaich ausführt. Dies begünstigt eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Eltern und Fachkraft, was die Bindung zwischen Fachkraft und Kind sowie die Integration des Kindes in die Gruppe fördert. Möglich wird das dies nur, wenn Toleranz und Offenheit gegenüber anderen Kulturen bestehen. Nur so können Motive und Gefühle des Gegenübers in der gemeinsamen Interaktion richtig eingeordnet werden. Dadurch wird gegenseitiges Verständnis für abweichende Überzeugungen ermöglicht. So kann durch Toleranz, Wertschätzung und Kommunikation Diversität in der frühen Tagesbetreuung als Chance und Ressource verstanden werden, die die Entwicklungsbegleitung der Kinder zu einem Erfolg werden lässt. Kulturelle Vielfalt ist so auch in der Lage, im Rahmen von Inklusion als Bereicherung für den pädagogischen Alltag und die Arbeit zu dienen.

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