15.07.2021
Bettina Dargel
GettyImages/FatCamera

Wie wir 24 Kindern in einem Raum gerecht werden

Die Pandemie sorgt für veränderte Rahmenbedingungen, aber nicht für das Ende individueller und offener Bildungsprozesse. Wie das Arbeiten in geschlossenen Gruppen gelingt, welche Rolle das Raumkonzept und die Gruppenführung spielen – unsere Autorin berichtet aus ihrem Alltag. Und sie verrät, auf welche weitere Zutat es besonders ankommt.

Seit Frühjahr 2020 sind wir gezwungen, unter Pandemiebedingungen zu arbeiten. Das heißt: Die Kindergruppen dürfen sich weder im Innenbereich noch im Außenbereich durchmischen. Flure und Nebenräume dürfen nicht mehr bespielt werden. Und es gilt ein strenges Hygienekonzept. Die Pandemie beeinflusst die Rahmenbedingungen. Die innere Haltung aber der Fachkräfte sollte davon unberührt bleiben. Denn ihre Aufgabe ist es, die individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten der Kinder zum Ausgangspunkt aller erzieherischen Bemühungen zu machen. Gute Beziehungs- und Anregungsqualität sind der Schlüssel zum gelingenden Lernen. Sie werden maßgeblich von den pädagogischen Fachkräften beeinflusst, weniger von räumlichen Gegebenheiten. Die positive Haltung der Fachkräfte ist entscheidend, wenn es darum geht, mit den Kindern gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Ohne diese Zutat geht es nicht.

Sichere Basis für die Jüngsten

Wie können wir also mit den einschränkenden Voraussetzungen gut umgehen? Wie gelingt es, den Bedürfnissen und Interessen von 24 Kindern im Alter von zwei bis sechs Jahren in einem Raum gerecht zu werden, offene Bildungsprozesse empathisch zu begleiten und Partizipation zu ermöglichen? Welche Vorteile können wir sehen?

In unsere Kita kommen die Kinder seit Ausbruch der Pandemie nicht mehr in Interessensgemeinschaften oder Projektgruppen zusammen. Sie gehen jetzt in feste Gruppen. Geschwister müssen gemeinsam betreut werden. Das ist für manche förderlich, weil sie sich gegenseitig eine sichere Basis geben. Andere wiederum behindern sich im Spiel, sie konkurrieren miteinander oder stören sich. Für jüngere Kinder kann die feste Gruppenzugehörigkeit ein Vorteil sein. Konstante Bezugspunkte wie gleichbleibende pädagogische Fachkräfte, vertraute Räumlichkeiten und wiederkehrende Rituale geben den Kindern Sicherheit.

Exklusivität für jedes Kind

Im Gruppenraum finden sich alle Kinder sowohl in ihren ausgestellten Werken als auch in ihren Äußerungen und Fotos an den sprechenden Wänden wieder. Die Älteren haben öfter das Bedürfnis den Gruppenraum zu verlassen. Vielleicht ist es ihnen dort zu laut oder zu langweilig. Oder sie möchten exklusiv mit ihrem Freund zusammen sein, sich frei bewegen und etwas ganz Eigenes machen können. Es ist wichtig, dass die Fachkräfte auch diese Kinder aufmerksam wahrnehmen und empathisch auf sie eingehen. Im Gespräch finden die Kinder meistens eine Lösung, die zum Hygienekonzept passt und für sie akzeptabel ist. Das kann eine Auszeit in einem kleinen geschützten Bereich im Gruppenraum sein oder eine herausfordernde Spezialaufgabe, beispielsweise alle toten Fliegen finden. Ihre Exklusivität – auf die jedes Kind ein Recht hat – muss von den Fachkräften verteidigt werden gegen die Begehrlichkeiten der anderen Kinder.

Sowohl in der Werkstatt- als auch in der Reggio-Pädagogik ist es die Aufgabe der Fachkräfte, die Kinder darin zu unterstützen, selbstbestimmt ihrem Schaffens- und Entdeckungsdrang nachgehen zu können. Innerhalb des Gruppenraumes machen viele Kinder zur selben Zeit unterschiedliche Dinge. In einem geschlossenen Raum, in dem Zweijährige Verstecken, Vierjährige einer Dinosauriergeschichte lauschen und Vorschulkinder Experimente durchführen, ist das anspruchsvoll. Die gegenseitige Ablenkung für Kinder und Erwachsene ist groß.

Jetzt ist Management gefragt

Wie gelingt es dennoch, eine geordnete, entspannte und freie Atmosphäre zu schaffen, in der sich alle Kinder auf ihre Weise entfalten können? Aus meiner Erfahrung kommt es auf eine gute Raumplanung, inspirierendes, entwicklungsangemessenes Material und eine gute Gruppenführung an. Der Raum als dritter Erzieher ist ein viel beschriebenes Thema. Handlungsanleitungen zur Führung von Kindergartengruppen mit weiter Altersmischung sind dagegen wenig bekannt. Gruppenführung in der Kita umfasst das Einführen und Einüben von Regeln, die das soziale Miteinander erleichtern, ein gutes Zeitmanagement, das unstrukturierte Übergänge und lange Wartezeiten vermeidet, sowie einen wirksamen Umgang mit Störungen. In der geschlossenen Arbeit sind Strategien für ein förderliches Gruppenklima besonders wichtig, weil die Kinder durch die Mobiliardichte und den Lärm zusätzlich belastet sind.

Fachkräfte müssen kreativer und spontaner arbeiten, um den unterschiedlichen Kindern auf der beengten Fläche möglichst vielfältige Erfahrungen ermöglichen zu können. Für großflächige Aktionen werden Tische zusammengeschoben, großteilige Puzzles lassen sich gut auf dem Teppich legen und Malflächen werden an den Wänden eingerichtet. Aktionen, die alle beeinträchtigen, sind nur möglich, wenn die Mehrzahl der Kinder mitmacht, was aus meiner Erfahrung kein Problem ist, weil Kreis-, Musik- und Bewegungsspiele sehr beliebt sind. In diesen Situationen können Kinder, die von sich aus eher alleine spielen, Gemeinschaft als positiv erleben und Zugehörigkeit erfahren, wenn die Spielführung entsprechend ist.

Auf den Raum kommt es an

Wir haben die Werkstatträume durch Werktische ersetzt. Durch Raumteiler, unterschiedliche Bodenbelege, Podeste, Beschriftungen, Symbole oder Fotos ergeben sich klar definierte Bereiche. Die kreativen Angebote, die Materialien, müssen ansprechend und in durchdachter Auswahl auf kleinem Raum dargeboten werden. An den Werktischen sollten die Materialien entwicklungsangemessen präsentiert werden: portionsweise, übersichtlich und praktisch. Manche Kinder sind frei und bestimmen selbstbewusst, was sie herstellen wollen. Andere bitten um Vorlagen. Einigen Kindern geht es um den Schaffensprozess, anderen um das fertige Produkt, das sie nach Hause nehmen wollen. Im Planungsgespräch mit den Kindern finden wir heraus, was sich jedes Kind vorstellt.

Neben den Werktischen gibt es auch Bereiche, in denen den Kindern ungeordneter Überfluss zur Verfügung steht, beispielsweise Bauklötze, Schachteln, Tannenzapfen, Perlen oder Stoffreste. Doch wem gehört das Hergestellte? Bleibt es in der Kita? Wer räumt am Ende alles auf? Diese Fragen lassen sich gut in der konstanten Kindergruppe besprechen, die – anders als bei der offenen Arbeit – über längere Zeit miteinander lebt und lernt. Die Entwicklung der sozial-emotionalen Kompetenzen wird dadurch gefördert. Gemeinschaftsfähigkeit ist nur in einer Gemeinschaft erlernbar. Jüngere Kinder können vom Vorbild der Älteren profitieren. Im dynamischen Gruppengeschehen sind transparente, gleichbleibende Regeln sinnvoll und sollen auch für die Kinder nachvollziehbar sein. Mit fünf Kindern wird es in der Leseecke zu eng und zu laut, wenn vier Kinder mit einem Baukran gleichzeitig spielen wollen, kommt niemand zum Zug. Es hilft, diese Regeln gelegentlich mit der Kindergruppe zu besprechen und ihre Gültigkeit gemeinsam zu hinterfragen.

Je größer die Gruppe im Raum ist, desto häufiger führen die Fachkräfte vor allem Gespräche zur Handlungssteuerung und zu organisatorischen Zwecken. Dabei kommen die erweiterten Dialoge, die dem Austausch von Ideen, Gedanken und Gefühlen dienen, zu kurz. Dafür ist es auch oft zu laut. Dann denken wir alle, wie es im „Struwwelpeter“ heißt: „Das muss draußen herrlich sein“ und gehen deshalb so oft wie möglich in den Garten. Dort erinnert nur ein rot-weißes Absperrband an die Pandemie. Und es ist fast so ungezwungen wie früher.

Bettina Dargel ist Erzieherin und Zusätzliche Fachkraft im Bundesprogramm Sprach-Kitas. Fachberaterin für Konflikthilfe und Mediatorin.

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