22.04.2021
Olga Schnerr
GettyImages/Ada daSilva

Mundschutz in der Kita: Kann das gehen?

Die Sorgen sind groß, wenn Fachkräfte Mundschutz tragen. Sprachförderung, Kommunikation und Nähe, so die Befürchtung, kommen zu kurz. Das muss nicht sein, sagt die Kindheitspädagogin Olga Schnerr. Welche Erfahrungen sie im Alltag macht, worauf sie achtet und was ihr hilft, hat sie hier aufgeschrieben.

Corona hat den Alltag in den Kitas verändert. Mancherorts dürfen Eltern nicht mehr in die Einrichtungen, es gibt feste Gruppen und Entwicklungsgespräche finden online oder während eines Spaziergangs statt. Viele Halt gebende Abläufe wurden durcheinandergebracht. Diese Veränderungen rufen bei uns allen Irritationen hervor. Die Situation ist nicht leicht, aber doch eine Chance, Bekanntes zu hinterfragen, neue Sichtweisen einzunehmen und versteckte Lernpotenziale zu entdecken.

Vor einem Jahr kamen wir ohne Vorstellung, was auf uns zukommt, zur Notbetreuung in die Einrichtung. Wir sahen uns mit vielen Fragen konfrontiert: Wie sieht die Zukunft aus? Wie sollen wir sinnvoll und zielführend weiterarbeiten? Wie können wir unseren Bildungsauftrag unter den Bedingungen der Pandemie weiterhin umsetzen? Wie schützen wir uns selbst und damit auch die Menschen um uns herum?

Wir lebten von Tag zu Tag, suchten nach Antworten auf unsere Fragen – und schließlich kam das Hygienekonzept mit der Auflage, einen Mund-Nasen-Schutz im Kontakt mit Kindern, Kolleg:innen und Eltern zu tragen. Erneut eine große Irritation und ein Aufschrei unter Eltern und im Team: Wie sollen die Kinder ihre Bezugsperson in der Kita erkennen, wenn sie das Gesicht nicht sehen? Wie sollen die Kinder den mimischen Ausdruck als Form der Kommunikation kennenlernen und in ihr eigenes Verhaltens- und Handlungsrepertoire aufnehmen? Wie soll Interaktion ohne Mimik funktionieren? Welche Folgen hat das für die Entwicklung der Kinder?

Das Gute im Chaos

Auch ich frage mich, ob und wie sich diese Umstände auf die Entwicklung der Kinder auswirken werden. Expert:innen aus verschiedenen Fachbereichen diskutieren bereits über diese Frage. Es gibt noch keine abschließende Antwort, aber ich weiß, dass ich selbst versuchen kann, das Beste aus den Gegebenheiten zu machen.

Kommunikation findet in verbaler und non-verbaler Form statt. Sprache, Mimik und Gestik sind wichtige Elemente der Kommunikation und Interaktion. Wie groß ist der Verlust, wenn die Mimik durch das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes weitgehend entfällt? Sarah Schmelzeisen-Hagemann, Professorin in Vertretung im Fachbereich Kindheitspädagogik an der Hochschule in Erfurt, machte bereits 2017 darauf aufmerksam, dass es sich lohnt, verbale und non-verbale Interaktion differenzierter zu betrachten. Sie verweist auf konkrete Verhaltensweisen, die die individuelle Interaktionskompetenz der Fachkraft beschreiben. Sprachförderung durch eine bewusste Wahl der Aussagen sind eine Seite. Zudem zeigt sie auf, dass sich stimmlich-sprachliches Kommunizieren über den Inhalt der Aussage hinaus über die Lautstärke, den Klang der Stimme, das Sprechtempo und die Aussprache vollzieht. Auch mimisch-gestischer Ausdruck geht über Ausstrahlung und Ausdruckstärke hinaus. Mimisch-gestische Kommunikation beinhaltet Zugewandtheit, Blickkontakt, Körperhaltung, Körperdynamik und Handbewegungen. Bedenkt man nun, dass der Mund-Nasen-Schutz nicht das ganze Gesicht verdeckt, sondern die Augen weiterhin als Bestandteil der Mimik sichtbar sind, so fehlt aus dieser Perspektive im Interaktionsgeschehen nur ein Bruchteil. Der ganze Körper steht für die Kommunikation schließlich noch zur Verfügung.

Der Blick auf die Ausdrucksmöglichkeiten in der Interaktion weitet sich und zieht weitere Gedanken nach sich. Eine fundierte Selbstreflexion, wie sie der Entwicklungspsychologe Klaus Fröhlich-Gildhoff und Kolleginnen in ihrem Kompetenzmodell beschreiben, ist in diesem Fall mit folgenden Fragen möglich:

1.     Wie viel Wert haben meine Kolleg:innen und ich denn vor der Einführung eines Mund-Nasen-Schutzes auf den mimischen und gestischen Ausdruck gelegt?

2.     Habe ich tatsächlich in entscheidendem Maße Mimik und Gestik zur Unterstützung der verbalen Kommunikation genutzt?

3.     In welchen Situationen fällt es mir leicht, eine Vielzahl an Ausdrucksmöglichkeiten zu nutzen?

4.     In welchen Situationen ist es schwieriger für mich?

5.     Gibt es Ausdrucksmöglichkeiten, die ich bevorzugt nutze? Welchen Grund könnte das haben?

2001 hat der Hirnforscher Wolf Singer darauf hingewiesen, dass nicht-sprachliche Kommunikations- und Ausdruckskanäle vernachlässigt oder gar unterdrückt werden, um die rationale Sprache mit Nachdruck auszubilden. Er spricht sogar von Verlust – und das zu Zeiten ohne Einschränkung der mimischen Ausdrucksmöglichkeit.

Die Konzepte der sensitiven Responsivität nach Regina Remsperger und der professionellen Responsivität nach Dorothee Gutknecht setzen sich ebenfalls intensiv mit dem Antwortverhalten pädagogischer Fachkräfte als grundlegendes Merkmal der Interaktionsqualität auseinander. Schmelzeisen-Hagemann zeigt weiterführend explizite Verhaltensweisen auf, welche feinfühlige Responsivität ausmachen. Von Seiten der Forschung bekommt dieses Thema bereits Aufmerksamkeit und nun vermehrt auch in der Praxis.

Persönlich bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es auch hier so ist wie in anderen Bereichen des Lebens: Erst wenn man etwas verliert, lernt man seinen Wert zu schätzen. Solange der mimische Ausdruckskanal uneingeschränkt zur Verfügung stand, war er selbstverständlich und wurde nicht weiter in Augenschein genommen. Nun wird er eingeschränkt und rückt gerade deswegen wieder in den Fokus – Glück im Unglück vielleicht, oder ein kleiner Versuch meinerseits, dem großen Chaos etwas Positives abzugewinnen.

Ich freue mich über diesen Impuls, mich selbst und mein Antwortverhalten neu zu reflektieren und weiterzuentwickeln, und über die Sensibilisierung für die Feinheiten in der Interaktion mit den Kindern, deren Eltern und den Kolleg:innen.

Bei der Selbstreflexion versuche ich mich an folgenden Fragen zu orientieren, die den Verhaltensbeschreibungen nach Sarah Schmelzeisen-Hagemann entlehnt sind (auch übertragbar auf Interaktionen mit Erwachsenen):

1.     Habe ich mich dem Kind, das mit mir sprechen möchte oder dem ich etwas sagen möchte, zugewandt?

2.     Bin ich in die Knie gegangen, um mit ihm auf Augenhöhe zu sein?

3.     Nimmt das Kind wahr, dass ich mit ihm spreche? Oder ist es ratsam, das Kind sanft zu berühren und dadurch Kontakt aufzunehmen?

4.     Sehe ich dem Kind tatsächlich in die Augen?

5.     Ist meine inhaltliche Aussage prägnant und für die Kinder unmissverständlich formuliert?

6.     Passen Lautstärke und Stimmklang zu meiner Aussage?

7.     Spreche ich deutlich?

8.     Habe ich einen ausgeprägten Ausdruck in meinem Gesicht passend zu meiner Ansprache, sodass das Kind den Ausdruck in meinen Augen sehen kann?

9.     Habe ich meine Körperhaltung und die Dynamik meiner Bewegungen an meine Aussage angepasst?

Für die Zukunft wünsche ich mir, diese Reflexionsfragen auch in Zeiten ohne Mund-Nasen-Schutz in der Kita beizubehalten und als Lernerfolg mitzunehmen. Bis es so weit ist, behalte ich magische Momente wie den folgenden im Gedächtnis: Ein neuer Tag in der Gruppe beginnt. Ich setze mich an der Zugangstür auf die Knie, halte die Arme einladend offen, setze mein fröhlichstes Lächeln auf, und begrüße den ankommenden Jungen, nennen wir ihn Sami, mit einem ehrlichen und herzlichen „Guten Morgen! Schön, dass du da bist!“. Sami betritt vor Freude strahlend und erzählend die Gruppe. Er dreht sich noch einmal um und winkt seiner Mama zum Abschied. Die Mutter winkt zurück, sieht mich an und äußert ihre Erleichterung darüber, dass ihr Kind fröhlich ist und gerne in die Krippe geht. Wir sind uns einig: Die Umstände sind nicht perfekt, aber das Kind fühlt sich weiterhin wohl – und das ist das Wichtigste.

Olga Schnerr ist Kindheitspädagogin. Sie hat in Eichstätt studiert und arbeitet seit 2019 als Gruppenleitung einer Krippengruppe in einer Kita in Ingolstadt.

 

Literatur

Fröhlich-Gildhoff, Klaus; Weltzien u.a. (2014): Expertise „Kompetenzen früh-/kindheitspädagogischer Fachkräfte im Spannungsfeld von normativen Vorgaben und Praxis“. Erstellt im Kontext der AG Fachkräftegewinnung für die Kindertagesbetreuung in Koordination der BMFSFJ. Online verfügbar unter https://www.bmfsfj.de/resource/blob/94174/6a47780ac348d80e4718f38d52230ae8/kompetenzen-frueh-kindheitspaedagogischer-fachkraefte-im-spannungsfeld-von-normativen-vorgaben-und-praxis-data.pdf

Gutknecht, Dorothee (2012): Bildung in der Kinderkrippe. Wege zur Professionellen Responsivität. Stuttgart: Kohlhammer.

Remsperger, Regina (2011): Sensitive Responsivität. Zur Qualität pädagogischen Handelns im Kindergarten. Wiesbaden: Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Schmelzeisen-Hagemann, Sarah (2017): Feinfühlige Responsivität in der frühpädagogischen Praxis. Anleitung zum Erkennen und Erweitern individueller Interaktionskompetenz. Wiesbaden: Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Singer, Wolf (2001): Was kann ein Mensch wann lernen? Vortrag anlässlich des ersten Werkstattgespräches der Initiative McKinsey bildet. Online verfügbar unter https://brain.mpg.de/fileadmin/user_upload/images/Research/Emeriti/Singer/mckinsey.pdf

 

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