26.06.2019
Marion Bischoff
FamVeld/ Thinkstock, Jules_Kitano/ Thinkstock

Eine Geschichte von der (Nicht-)Fallobstwiese – Vom Apfel, der nicht vom Baum wollte

Die Natur gibt uns die Jahreszeiten und damit unsere Zeiteinteilung vor. Keine Pflanze und kein Tier und auch wir Menschen nicht: Niemand kann der Natur und ihren Abläufen etwas entgegensetzen. Diese Vorlesegeschichte für ältere Kinder macht bewusst, wie wichtig der Kreislauf des Lebens ist. Nebenbei erfahren die Kinder auch, warum Bäume ihre Blätter – und Äpfel – verlieren.

Infos:

Ab 4 Jahren
Maximal 10 Kinder
Dauer: 10 Minuten

So geht die Geschichte:

Rot glänzte die Schale des Apfels in der Herbstsonne. Einige Blätter hatten schon ihre Farbe verändert und waren nicht mehr grün, sondern gelb und braun geworden.

Der Wind rüttelte an den Zweigen und ein kleines Blatt rief: „Tschüss, ihr alle. Ich fliege jetzt mit dem Wind!“ Schon löste es sich vom Ast und schwebte los, vorbei an den anderen Blättern und an den rot glänzenden Äpfeln.

„Warum bleibst du denn nicht hier?“, rief ihm der rote Apfel nach. „Weil ich nicht hierbleiben kann. Ich muss gehen, damit unser Baum im Winter nicht stirbt“, antwortete das Blatt, ehe es am Stamm vorbei ins Gras fiel. Direkt neben der dicken Wurzel blieb es liegen.

Der Apfel sah sich um, betrachtete die anderen Äpfel am Baum und erklärte dann: „Ich gehe nicht!“

Aufgeregt tuschelten die anderen Äpfel und auch das Laub miteinander. Ein besonders großes Blatt ergriff das Wort. „Du kannst nicht hierbleiben.“

„Ich will aber nicht weg von meinem Baum.“

„Weißt du denn nicht, dass du faul wirst, wenn du dich nicht vom Baum verabschiedest?“, fragte ein kleiner Apfel vorsichtig.

„Aber hier bin ich gewachsen. Aus einer kleinen Blüte bin ich entstanden. Zuerst war ich ein klitzekleines grünes Apfelpünktchen und jetzt bin ich groß und rot und meine Schale glänzt so schön in der Sonne.“ Vorsichtig drehte sich der Apfel an seinem Stängel hin und her, damit die Sonne ihn von allen Seiten beleuchten konnte.

„Ach, du hast ja wirklich keine Ahnung.“ Ein Apfel von der anderen Seite des Baumes mischte sich ein. „Ich will dir mal etwas verraten: Wir müssen sogar vom Baum herunter. Genau so, wie es das Blatt vorhin gesagt hat. Im Winter braucht unser Apfelbaum Ruhe. Die Wurzeln saugen kein Wasser auf, es kommt nichts in die Zweige und wir würden keine Nahrung mehr bekommen. Wer hierbleibt, wird sterben.“

Jahreszeitenordner Herbst: Geschichte Obst

Der rote Apfel wollte nicht glauben, was die anderen sagten, und kümmerte sich gar nicht mehr darum, dass einer nach dem anderen sich verabschiedete. Jedes Mal gab es einen dumpfen Schlag und seine Apfelbrüder landeten im Gras. Bald waren auch fast alle Blätter gegangen. Einige Zweige des Apfelbaums waren schon leer. Nur der rote Apfel hing immer noch an seinem Ast.

Doch immer seltener tauchte die Sonne auf, um ihn zu wärmen, und wenn sie kam, blieb sie meist auch nur ganz kurz. Der Apfel fühlte sich einsam. Irgendwie machte es keinen Spaß ohne die anderen.

Da entdeckte der rote Apfel zwei Kinder. Sie gingen nebeneinander her und trugen einen Weidekorb in ihrer Mitte. Sie kamen immer näher und der rote Apfel hörte, wie das Mädchen sagte: „Schau nur, wie schön die Äpfel sind. Die nehmen wir mit. Mama wird sich freuen.“

Der rote Apfel beobachtete die Kinder, wie sie einen Apfel nach dem anderen in ihren Korb legten. Bald lagen keine Früchte mehr auf dem Boden. Er zitterte und rief: „Bitte, ich will nicht allein hier bleiben!“

Der Junge schaute zu ihm hoch und sagte zu dem Mädchen: „Der schönste Apfel hängt noch am Baum. Den nehmen wir auch mit.“ Er hüpfte hoch, zerrte an dem Zweig und rüttelte stärker, als der Wind es bisher getan hatte. Der Apfel klammerte sich fest. Eigentlich wollte er mitgenommen werden, aber er war auch traurig.

Denn andererseits wäre er auch gern bei seinem Baum geblieben. Der Junge rüttelte weiter und da flüsterte der Baum: „Mein lieber Apfel. Geh nur. Geh mit den Kindern. Du gefällst ihnen. Sie werden bestimmt die Kerne aus deinem Inneren in die Erde legen. Dann wächst ein neuer Apfelbaum. Das ist

dann das Kind von uns beiden. Aus meiner Blüte bist du entstanden und aus deinem Kern entsteht ein junger Apfelbaum. Das ist doch wundervoll.“

Der rote Apfel lächelte dankbar, dann ließ er los und fiel ganz sanft ins Gras. Der Junge hob ihn vorsichtig auf und legte ihn ganz oben in den Korb. Als die Kinder losgingen, winkte der rote Apfel mit seinem kurzen Stängel noch einmal in Richtung Apfelbaum. „Danke, dass ich bei dir wachsen durfte!“

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