28.05.2021
Teresa Lehmann, Benedikt Sturzenhecker
Yuliia Dubinko // Getty Images

Deine Stimme zählt

Vollversammlung, Wahldurchgänge, Gremien. Was nach grauem Politikalltag klingt, bekommt in der Kita neue Farbe. Unsere Autoren plädieren für mehr Demokratie in der Kita – und somit für mehr Selbstbestimmung der Kinder. Wie das gehen soll? Neue Rituale und ein Umdenken müssen her!

Kinder brauchen Rituale! Diesen Satz würden sicherlich viele Fachkräfte in Kitas ohne zu zögern unterschreiben. Blickt man sich dort um, sind eingespielte Traditionen wie der Morgenkreis, das gemeinsame Frühstück oder die Projektarbeit allgegenwärtig. In einem Bereich ist die Vielfalt aber noch nicht angekommen: bei demokratischen Ritualen. Und das, obwohl es in der Politik und bei gesellschaftlichen Entscheidungen viele Rituale und Gremien gibt. Warum dann nicht auch in der Kita? Könnten wir Verfahren aus der Politik nicht einfach auf die Kita übertragen? Und wie müssen wir sie gestalten, damit sie sowohl kindgerecht als auch demokratisch sind?

Eins ist klar: Kinder haben ein Recht darauf, sich an Entscheidungen in Kitas zu beteiligen und sich zu beschweren, das ist sogar gesetzlich festgelegt. Die Träger müssen für eine Betriebserlaubnis nachweisen, dass sie dafür geeignete Verfahren anwenden. Manche entscheiden sich im Zuge dessen dazu, Gremien für die Beteiligung von Kindern einzuführen. Manche verändern ein bestehendes Ritual wie den Morgenkreis zu einem Gremium.

Diese Art der Beteiligung von Kindern ist nicht bei allen beliebt. Die Erziehungswissenschaftlerin Annedore Prengel bezeichnet sie als „politikimitierende Entscheidungsprozesse“. Sie fragt, ob solche Gremien nicht „unnötige und umständliche Prozesse der Willensbildung vor das spontane Handeln“ stellen. Sie nimmt also an, dass demokratische Entscheidungsprozesse Kinder in ihrem Handeln einschränken und damit überflüssig sind. Zudem, findet Prengel, seien Elemente der Kita-Pädagogik, wie etwa das Freispiel, schon „im Kern partizipativ“.

Doch neben dieser Kritik gibt es auch starke Befürworter von Gremien und demokratischen Ritualen in der Kita. Das pädagogische Konzept „Die Kinderstube der Demokratie“ der Wissenschaftler Rüdiger Hansen, Raingard Knauer und Benedikt Sturzenhecker zeigt, dass schon Kinder im Kita-Alter verstehen, wie sie Entscheidungen gemeinsam und demokratisch treffen können. Menschen lernen Demokratie, indem sie Demokratie machen – das gilt für Kinder genauso wie für Erwachsene. Das Konzept will die Beteiligung von Kindern an demokratischen Prozessen deshalb fest im Kita-Alltag verankern. Dafür bedarf es eben auch verlässlicher Gremien und Verfahren. Sie können die Rechte der Kinder auf gemeinsame, demokratische Entscheidungen sichern.

Aber wie kann es in der Praxis gelingen, aus einem Ritual wie dem Morgenkreis ein demokratisches Gremium zu machen?

Selbstbestimmung durch Rituale

Eine Großstadt-Kita mit rund sechzig Kindern will genau dieser Frage nachgehen. Die Kita hat vor Jahren eine Verfassung nach dem Konzept „Die Kinderstube der Demokratie“ erstellt. Diese liegt allerdings seitdem in der Schublade. Das dort festgesetzte Kinderparlament tagt schon lange nicht mehr. Im Alltag haben die Kinder zwar durchaus Spielräume der Selbstbestimmung. Sie können etwa selbst entscheiden, wann, was, wie viel sie essen und was sie den Vormittag über tun wollen. Es gibt aber keine gemeinsame Entscheidungspraxis – außer über gemeinsame Lieder oder Spiele. Die Leiterin will das ändern und entscheidet, das ehemalige Konzept des Kinderparlaments als Vollversammlung wieder einzuführen.

Vor der Einführung will sie ein paar Punkte beachten. Weil das Kinderparlament in der Vergangenheit oft ausfiel, muss dieses Mal eine neue Lösung her. Die Leiterin beschließt, den Morgenkreis, der täglich stattfindet, an einem Wochentag zur Vollversammlung zu machen und diese für ein Kinderparlament zu nutzen. Sie hofft, dass das Treffen so zu einem festen Ritual werden kann. Eine solche konsequente Ritualisierung von demokratischen Prozessen birgt Chancen – und steckt voller Herausforderungen.

Warum will die Leiterin der Kita die geplante Vollversammlung als Ritual gestalten? Wie sich nach den ersten Wochen zeigt, hilft die Ritualisierung den Fachkräften dabei, die Versammlung regelmäßig durchzuführen. Nach einigen Wiederholungen wissen auch die Kinder, dass das Kinderparlament immer donnerstags stattfindet, und erinnern sogar daran. Sie erkennen es direkt am aufgestellten Flipchart. Sie merken auch, wenn die Vollversammlung ausfällt oder nicht richtig durchgeführt wird: Pädagogische Fachkraft: „Wir haben ja eines nicht gemacht!“ Kind: „Vollversammlung!“ Das Ritual trägt zudem zu einem Gemeinschaftsgefühl bei. Aus allen in der Kita verstreuten Personen formt sich durch die wöchentlichen Treffen ein neues Bewusstsein für Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft sorgt sich umeinander, spielt, singt, spricht und entscheidet miteinander – verdichtet in den Ritualen.

Die Ordnung durchbrechen

Allerdings gibt es neben dem Struktur- und dem Gemeinschaftsaspekt auch Punkte, die bei der Umsetzung von Vollversammlungen herausfordernd sind. Das liegt unter anderem an der „pädagogischen Ordnung“, wie es die Sozialwissenschaftlerin Petra Jung beschreibt. In Kitas gibt es eine etablierte Ordnung des Sozialen, die besagt, dass die Welten von Kindern und Erwachsenen getrennt sind. Die pädagogischen Fachkräfte gestalten eine Umwelt für die Kinder, in der sie selbstbestimmt handeln können. Die Kinder versuchen laut Jung immer wieder, diese Trennung zu durchbrechen. Sie wollen mit den Erwachsenen gemeinsam Dinge tun. Wenn man das Konzept „Die Kinderstube der Demokratie“ ernst nimmt, müssen sich die Welten von Kindern und pädagogischen Fachkräften mehr mischen, denn Demokratie bezieht sich auf Entscheidungen der gemeinsamen Lebensführung, auch in der Kita. Die Kinder sollen ihre Umwelt mitgestalten und gemeinsam mit den Fachkräften über wichtige Sachen entscheiden. Die pädagogischen Fachkräfte müssen dabei Macht abgeben, um das möglich zu machen.

Der praktische Versuch in der Kita zeigt, dass es manchen pädagogischen Fachkräften nicht leichtfällt, sich darauf einzulassen. Sie sind skeptisch, dass die Kinder wirklich verstehen, worum es geht. Sie glauben nicht, dass die Kinder gute Entscheidungen treffen. Eine Fachkraft etwa findet, dass Kleinigkeiten zu riesigen Themen würden. Wenn sie sich an das Kinderparlament erinnert, fällt ihr lediglich ein, dass es mal den Wunsch nach Gardinen gegeben habe, „so, wie bei Oma“, aber dass die Erwachsenen ein Veto eingelegt hätten. Es gebe ja Jalousien und einen Vorhang im ehemaligen Bewegungsraum, der inzwischen der Bauraum ist.

Die Fachkräfte fürchten außerdem, dass die Kinder die Vollversammlung langweilig oder überfordernd finden. In einer Situation rät eine Fachkraft deshalb einem Kind, lieber am kleinen Morgenkreis als an der Vollversammlung teilzunehmen. Ihre Begründung ist, dass in der Vollversammlung „ganz, ganz viel geredet wird“.

Die pädagogische Ordnung wird in der Kita zudem durch das Ritual Morgenkreis aufrechterhalten. Im Morgenkreis ist die Rollenverteilung ganz klar: Die Fachkräfte bestimmen den Ablauf, legen fest, wie die Kinder sitzen sollen und was angemessenes Verhalten ist. Wenn die Kinder dem nicht folgen, werden sie immer wieder daran erinnert. Die Erwachsenen bestimmen auch, wer wann reden darf. Sie moderieren und rufen auf. Dadurch, dass der Morgenkreis jeden Tag gleich abläuft, sind beide Gruppen, Kinder wie auch Fachkräfte, an den Ablauf und die Rollenverteilung gewöhnt. Die Vollversammlung „erbt“ diese Praktiken des Morgenkreises. Das ursprüngliche Anliegen, die strikte Ordnung aufzubrechen und zu demokratisieren, wird dadurch erschwert. Ein weiterer Knackpunkt ist die Frage, wie die Kinder ihre Anliegen in die Vollversammlung einbringen können. In einer der Versammlungen geht es um das Arbeiten in der Holzwerkstatt. Ein Kind bringt ein, dass es mehr mit Holz arbeiten wolle. Andere Kinder melden sich und pflichten ihm bei. Ein weiteres Kind schlägt vor, dass nicht mehr nur vier, sondern sechs Kinder gleichzeitig in der Holzwerkstatt arbeiten könnten. Wieder ein anderes Kind stimmt dem zu, weil man sonst so lange draußen warten müsse. Das nächste Kind meldet sich und bemerkt, dass nur vier Kinder in der Holzwerkstatt Platz haben, weil es sonst ein großes Gedränge gebe.

Das Kindergremium tagt

Hier zeigt sich, dass die Kinder engagiert Argumente für und gegen eine Öffnung der Holzwerkstatt sammeln. Das demokratische Gremium ist im vollen Gange und sollte an dieser Stelle nicht von den Fachkräften oder der Leiterin unterbrochen werden. Ein Eingreifen wie etwa der Vorschlag einer Fachkraft, eine Arbeitsgruppe zu gründen und in kleinem Kreis eine Lösung für die Holzwerkstatt zu finden, wäre hier kontraproduktiv und würde das Engagement der Kinder zum Verschwinden bringen.

Schließlich sind die Fachkräfte daran gewöhnt, Probleme im Dialog mit einzelnen Kindern zu lösen. Das fällt ihnen leichter, als sie gemeinsam mit allen Betroffenen zu besprechen. Als eines der Kinder den Morgenkreis verlassen will, weil es ein bestimmtes Spiel nicht spielen mag, wird es zurückgerufen. Die Fachkräfte finden dialogisch einfühlsam heraus, dass sich das Kind fürchtet. Sie fragen jedoch nicht, ob es anderen Kindern ebenso geht. Stattdessen behaupten sie, dass andere Kinder sich auch fürchten, aber nicht aus dem Morgenkreis weglaufen. Sie machen also das Problem zu einem individuellen. Erst als die anderen Kinder immer wieder sagen, dass sie sich auch fürchten, erkennen die Erwachsenen das Problem an und suchen eine gemeinsame Lösung. Probleme sind aber selten nur auf einzelne Individuen beschränkt. Wie die Kinder zeigen, müssen sie mit allen Betroffenen besprochen und gelöst werden.

Zuhören, nicht einmischen!

Insgesamt zeigen die Ergebnisse aus der Großstadtkita, dass die Kinder in der Vollversammlung von Anfang an fähig sind, ihre Anliegen zu äußern. Einigen Fachkräften fällt es hingegen zunächst schwer, nicht in die Diskussionen einzugreifen, um das erkennen zu können. Erst mit der Zeit lernen sie, dass die Kinder sich beteiligen, und nehmen die Beteiligung ernst. Sie hören den Kindern in der Vollversammlung besser zu. Sie erkennen, wenn den Kindern etwas wichtig ist. Sie greifen auch die Themen auf, die die Kinder spontan ansprechen, und halten sie im Protokoll fest. Es findet ein Bildungsprozess der Fachkräfte bezüglich ihres pädagogischen und demokratischen Handelns statt.

Auch zeichnet sich im Versuch der Großstadt-Kita ab, dass die pädagogischen Fachkräfte zunächst an der tradierten Form des Rituals Morgenkreis festhalten. Dadurch wird auch die Vollversammlung starr. Die Kinder müssen viel Disziplin zeigen: vermeintlich richtig sitzen bleiben, ruhig sein, zuhören, sich melden. Das gelingt nicht allen Kindern immer und öffnet Tür und Tor für Ungleichbehandlung: Die braven Kinder können sich beteiligen, die anderen werden diszipliniert. Stattdessen könnten die Fachkräfte die Vollversammlung gemeinsam mit den Kindern planen und gestalten. Sie könnten zusammen entscheiden, wann und wo sie sich treffen wollen, ob sie dabei sitzen, stehen, knien oder liegen wollen und mit welchen Methoden sie abstimmen. Aus der Vollversammlung würde damit ein ganz neues Ritual, mit dem sich alle wohlfühlen und identifizieren. So hätte die Kita am Ende das erreicht, wofür das Konzept „Die Kinderstube der Demokratie“ plädiert: Gemeinsam mit den Kindern wirklich demokratische Entscheidungen zu treffen.

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