14.09.2026

Wenn Worte noch fehlen

Warum Gebärden Kinder in der Krippe unterstützen

Wenn die Worte noch fehlen, haben Kinder trotzdem viel zu sagen. Gebärden können ihnen helfen, Wünsche, Gefühle und Bedürfnisse auszudrücken – und gleichzeitig den Spracherwerb begleiten. Doch wie funktioniert Unterstützte Kommunikation in der Krippe und warum können davon alle Kinder profitieren?

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Wenn Worte noch fehlen: Warum Gebärden Kinder in der Krippe unterstützen

„Nochmal!“ „Mehr!“ „Meins!“ „Mama!“ – Gerade in der Krippe gibt es viele Situationen, in denen Kinder etwas mitteilen möchten, aber die passenden Worte noch nicht zur Verfügung haben. Ihre sprachlichen Fähigkeiten entwickeln sich Schritt für Schritt. Gleichzeitig haben sie schon lange vorher viel zu sagen: Sie möchten Wünsche äußern, Gefühle zeigen, Entscheidungen treffen, Kontakt aufnehmen oder anderen etwas erzählen.

Gebärden können dabei eine wertvolle Brücke sein. Sie machen Kommunikation sichtbar und geben Kindern eine zusätzliche Möglichkeit, sich verständlich zu machen – auch dann, wenn das gesprochene Wort noch nicht reicht.

Kommunikation beginnt nicht erst mit dem ersten Wort

Schon bevor Kinder ihre ersten Wörter sprechen, kommunizieren sie auf vielfältige Weise: Sie zeigen auf etwas, wenden sich einer Person zu, schütteln den Kopf, lachen, weinen oder machen bestimmte Laute. Mimik, Gestik und Körperhaltung gehören von Anfang an zu ihrer Kommunikation.

Die Sprachentwicklung entsteht dabei im Miteinander. Kinder brauchen Menschen, die ihre Signale wahrnehmen, darauf reagieren und ihnen Sprache anbieten. Sie lernen nach und nach, Dinge, Handlungen und Gefühle mit Wörtern zu verbinden.

Gebärden knüpfen genau an dieser frühen Form der Kommunikation an. Eine einfache Gebärde kann zum Beispiel „mehr“, „fertig“, „essen“, „trinken“, „spielen“ oder „helfen“ bedeuten. Das Kind kann damit etwas mitteilen, bevor es das entsprechende Wort sicher sprechen kann.

Dabei geht es nicht darum, gesprochene Sprache durch Gebärden zu ersetzen. Vielmehr können beide miteinander verbunden werden: Die Fachkraft spricht das Wort und begleitet es gleichzeitig mit einer Gebärde. So erlebt das Kind Sprache über mehrere Zugänge.

Was ist Unterstützte Kommunikation?

Unterstützte Kommunikation, kurz UK, umfasst unterschiedliche Möglichkeiten, Menschen Kommunikation zu erleichtern. Dazu gehören unter anderem Mimik, Gestik und Gebärden, aber auch Fotos, Bilder, Symbole oder technische Kommunikationshilfen. Welche Form sinnvoll ist, hängt von den individuellen Bedürfnissen des Kindes ab.

In der Krippe können Gebärden deshalb ganz selbstverständlich in den Alltag integriert werden. Sie müssen kein zusätzliches Förderprogramm sein. Vielmehr können sie dort eingesetzt werden, wo Kommunikation ohnehin stattfindet: beim Essen, Wickeln, Anziehen, Spielen, Aufräumen oder im Morgenkreis.

Ein Beispiel: Ein Kind zeigt auf den Teller und beginnt ungeduldig zu werden. Die Fachkraft sagt: „Du möchtest mehr?“ und begleitet das Wort „mehr“ mit einer passenden Gebärde. Mit der Zeit kann das Kind die Gebärde selbst verwenden, um seinen Wunsch auszudrücken. Aus einem zunächst vielleicht schwer verständlichen Signal wird so eine bewusst eingesetzte Möglichkeit, sich mitzuteilen.

Gebärden geben Kindern eine Stimme

Besonders wertvoll ist das für Kinder, die sprachlich noch am Anfang stehen oder denen das Sprechen aus unterschiedlichen Gründen schwerfällt. Wenn ein Kind etwas möchte, aber nicht sagen kann, was es braucht, kann schnell Frust entstehen. Eine verständliche Geste oder Gebärde eröffnet einen anderen Weg. Das bedeutet: Das Kind erlebt, dass seine Kommunikation Wirkung hat: „Ich zeige, was ich möchte – und jemand versteht mich.“

Diese Erfahrung ist für die Entwicklung von Selbstwirksamkeit bedeutsam. Kinder erfahren, dass sie Einfluss auf ihre Umwelt nehmen können und dass ihre Signale von anderen wahrgenommen werden. Gerade im Krippenalter ist das ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu mehr Selbstständigkeit.

Auch im sozialen Miteinander können Gebärden unterstützen. Ein Kind kann beispielsweise zeigen, dass es „dran“ sein möchte, „Stopp“ sagen oder ausdrücken, dass es „noch einmal“ möchte. Damit eröffnen Gebärden Möglichkeiten, Bedürfnisse und Grenzen mitzuteilen – auch dann, wenn die sprachlichen Mittel noch begrenzt sind.

Und was hat das mit Sprachentwicklung zu tun?

Auf den ersten Blick könnte man meinen: Wenn Kinder mit Gebärden kommunizieren, sprechen sie vielleicht weniger. Die Idee der lautsprachunterstützenden Gebärden geht jedoch in eine andere Richtung: Die Gebärde wird gemeinsam mit dem gesprochenen Wort verwendet.

Das Kind hört das Wort, sieht die Gebärde und erlebt gleichzeitig, was damit gemeint ist. So kann eine Verbindung zwischen einem sprachlichen Ausdruck und seiner Bedeutung entstehen.

Das passt zu einer grundlegenden Erkenntnis über den Spracherwerb: Kinder lernen Sprache nicht isoliert, sondern in echten Situationen und im Austausch mit anderen Menschen. Sie brauchen Gelegenheiten, Sprache zu hören, selbst etwas mitzuteilen und darauf eine Reaktion zu bekommen.

Gebärden können solche Kommunikationssituationen erleichtern. Wenn ein Kind beispielsweise die Gebärde für „mehr“ nutzt, kann die Fachkraft das Gesagte aufgreifen: „Du möchtest mehr Apfel. Ja, du möchtest noch mehr Apfel.“ Aus einer einzelnen Gebärde entsteht so ein sprachliches Vorbild. Die Gebärde wird damit nicht zum Ersatz für Sprache, sondern kann den Weg zur gesprochenen Sprache begleiten.

Gebärden im Krippenalltag: klein anfangen

Damit Gebärden im Alltag wirklich hilfreich sind, braucht es nicht sofort einen großen Gebärdenwortschatz. Viel sinnvoller ist es, mit wenigen Wörtern und Situationen zu beginnen, die für die Kinder tatsächlich bedeutsam sind.

Besonders gut eignen sich Wörter, die im Alltag häufig vorkommen und mit konkreten Handlungen verbunden sind:

  • „mehr“ beim Essen oder Spielen
  • „fertig“ beim Aufräumen oder Essen
  • „noch einmal“ beim Spielen oder Singen
  • „helfen“ beim Anziehen
  • „Stopp“ oder „nein“ beim sozialen Miteinander
  • „ich“ und „du“ beim gemeinsamen Spiel
  • „lieb“ oder „traurig“ beim Sprechen über Gefühle

Wichtig ist dabei vor allem: Die Fachkraft spricht weiterhin. Sie begleitet das gesprochene Wort mit der Gebärde und verwendet sie möglichst konsequent in passenden Situationen. So werden Gebärden Teil der gemeinsamen Kommunikation und nicht eine zusätzliche Aufgabe auf der ohnehin vollen To-do-Liste.

Gebärden schaffen Teilhabe

Gerade beim Thema „Ich, Du & Wir“ wird deutlich, wie eng Sprache und soziales Lernen miteinander verbunden sind. Kinder können nur dann aktiv an einer Gemeinschaft teilhaben, wenn sie Möglichkeiten haben, sich einzubringen.

Wer „Ich möchte!“, „Nein!“, „Noch mal!“ oder „Hilf mir!“ mitteilen kann, kann eigene Bedürfnisse ausdrücken und mit anderen in Kontakt treten. Wer zeigen kann, wie es ihm geht, kann leichter verstanden werden.

Gebärden können deshalb dazu beitragen, Kommunikationsbarrieren abzubauen und allen Kindern mehr Beteiligung zu ermöglichen. Das ist besonders wichtig in einer vielfältigen Krippengruppe, in der Kinder unterschiedliche sprachliche Voraussetzungen und unterschiedliche Wege der Kommunikation mitbringen.

Dabei gilt: Nicht jedes Kind braucht Gebärden in gleichem Umfang. Unterstützte Kommunikation sollte immer am einzelnen Kind, seinen Fähigkeiten und seinen Bedürfnissen ausgerichtet sein. Wenn Unsicherheiten hinsichtlich der Sprach- oder Kommunikationsentwicklung bestehen, können beispielsweise Kinderärzt:innen, Frühförderstellen oder Sprachtherapeut:innen beraten.

Sprache wächst im Miteinander

Gebärden sind also weit mehr als einzelne Handbewegungen. Sie können Kindern helfen, ihre Wünsche auszudrücken, Gefühle mitzuteilen, Grenzen zu setzen und mit anderen in Kontakt zu kommen. Und genau darin liegt ihre besondere Stärke: Sie unterstützen Kommunikation dort, wo sie stattfindet – mitten im Alltag.

Denn Sprachbildung in der Krippe bedeutet nicht, möglichst viele Wörter mit Kindern zu üben. Es bedeutet vor allem, ihnen immer wieder echte Gründe zum Kommunizieren zu geben: etwas gemeinsam entdecken, um Hilfe bitten, protestieren, lachen, erzählen, nachmachen, entscheiden und miteinander handeln.

Wenn dabei manchmal noch die Worte fehlen, darf Kommunikation trotzdem schon stattfinden.

Bildquellen GettyImages/Mireya Acierto
Krippe Beziehungsarbeit Inklusion/Integration Kommunikation mit dem Kind Sprache Sprache & Literacy
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