22.11.2021
Miriam Fisseni

Teilhabe beginnt schon in der Ausbildung

Wer Azubis in die Partizipation einbindet, signalisiert Wertschätzung und lebt einen modernen Berufsalltag vor. Die Einrichtung kann von Ideen der jungen Menschen profitieren.

Ein qualifizierter Ausbildungsprozess ist wichtig. Dazu gehört auch, dass die Leitung Auszubildende in der Kindertagesstätte an Entscheidungen beteiligen sollte. Auch neue Ideen, Anregungen sowie konstruktive Kritik aus der Sicht künftiger Fachkräfte können die pädagogische Qualität aufwerten und gleichzeitig dazu führen, dass sich alle im Team wertgeschätzt fühlen. Dies ist wichtig für ein vertrauensvolles Miteinander. Partizipation in Kindertageseinrichtungen sollte mehr sein als ein Schlagwort in der Konzeption – es sollte als Grundhaltung vom gesamten Team gelebt werden. Partizipation bedeutet Teilhabe, Beteiligung und Mitbestimmung. Partizipation bedeutet Gemeinsamkeit. In diesem Kontext sollten natürlich auch Auszubildende eine offene und wertschätzende Atmosphäre erleben. Dann haben sie die Möglichkeit, sich mit ihren Stärken einzubringen und zu erproben. Sie erfahren, dass ihre Ideen wahrgenommen und anerkannt werden. Gleichzeitig sollte es auch Raum für das Erkennen der eigenen Schwächen und für Fehler geben. Es geht um gegenseitiges Vertrauen. Im Dialog mit den Auszubildenden sollten die Fachkräfte nicht nur Anleiter sein, sondern Wegbegleiter. Auszubildende, die sich wertschätzend betreut fühlen, werden sich offen und ehrlich an Entscheidungen beteiligen. So lernen sie nicht nur etwas über ihren künftigen Berufsalltag. Auch die Einrichtung kann davon profitieren. Die folgenden Ideen zeigen, wie dies gelingen kann:

1. Haltung

Grundsätzlich sollten die Leitung und das gesamte Team eine offene Grundhaltung einnehmen und jeden Menschen vorurteilsfrei wertschätzen. Seien Sie Vorbild, Beraterin, Moderatorin, Lehrende, Lernende, Kooperationspartner und Wegbegleiter.

2. Persönlichkeit

Achten Sie die Persönlichkeit jedes Auszubildenden. Jeder Mensch ist einzigartig mit seinen Stärken und Schwächen, unterschiedlich sozialisiert und geprägt. Seien Sie offen für den Charakter und die Einstellung Ihrer Auszubildenden. Kommen Sie ins Gespräch und lassen Sie Raum für unterschiedliche Denkansätze. Indem Sie unterschiedliche Haltungen wahrnehmen, können auch Sie sich mit der eigenen Persönlichkeit und den individuellen Werten noch einmal intensiver auseinandersetzen.

3. Gespräche

Verankern Sie im Dienstplan regelmäßige Möglichkeiten für den Austausch zwischen dem oder der jeweiligen Auszubildenden und der verantwortlichen Fachkraft. Diese Gespräche sollten sich nicht nur sporadisch ergeben, sondern geplant, vorbereitet und strukturiert ablaufen. Es geht darum, in einem konstruktiven Prozess Handlungskompetenzen zu erweitern. Bei der Gestaltung der Gespräche können Sie auf verschiedene Methoden zurückgreifen, beispielsweise auf Erwartungsabklärung, Zeitstreifen oder Gefühlskarten. Beachten Sie, dass sensible Gesprächsinhalte grundsätzlich der Schweigepflicht unterliegen.

4. Ausbildungsphasen

Gliedern Sie die praktische Ausbildung in Ihrer Einrichtung in verschiedene Phasen. Dies gibt dem oder der Auszubildenden Sicherheit und ermöglicht es, entspannt ankommen zu können. Auf diese Weise kann schneller ein Vertrauensverhältnis zwischen Team und Azubis entstehen, weil diese weniger Druck verspüren. Möglich sind: Orientierungsphase, Erprobungsphase, Vertiefungs- und Verselbstständigungsphase sowie Abschlussphase. 

5. Teammitglied

Nehmen Sie einen Auszubildenden in Ihrer Einrichtung nicht bloß als „Praktikanten“, sondern vielmehr als Teammitglied wahr. Beteiligen Sie Auszubildende an pädagogischen Entscheidungen, indem sie beispielsweise regelmäßig an Dienstbesprechungen, Konzeptionstagen und Entwicklungsgesprächen teilnehmen. So fühlen sich Auszubildende in Ihrer Einrichtung ernst genommen und es fällt ihnen leichter, Ideen und Meinungen einzubringen.

6. Verantwortung

Übertragen Sie Ihren Auszubildenden Verantwortung. So können sie das theoretische Wissen in der pädagogischen Praxis auch anwenden. Teilen Sie ihnen einen Aufgabenbereich in der Kindertageseinrichtung zu, für dessen sorgfältige Bearbeitung sie zuständig sind. Es geht in einem Praktikum nicht darum, dass Sie als Einrichtung Entlastung erfahren. Sondern Sie sollten einen Menschen auf dem Weg ins Berufsleben begleiten und somit Freude am pädagogischen Arbeitsfeld vermitteln.

7. Vertrauen

Verantwortung bedeutet Vertrauen. Es ist wichtig, dass Sie Ihren Auszubildenden signalisieren: Ich vertraue dir. Dies können Sie auf vielfältige Weise zeigen, beispielsweise indem Sie bestimmte Aufgabengebiete übertragen, Meinungen wertschätzen und Ideen umsetzen, Zeit und Raum für das eigene Erproben geben sowie sensible Themen vertraulich behandeln. Geben Sie auch etwas von sich in den Ausbildungsprozess: wie Sie zu dem Beruf gekommen sind, was Ihre Stärken sind und wo Sie Fehler gemacht haben. Offenheit baut Vertrauen auf.

8. Transparenz

Sorgen Sie für das größtmögliche Maß an Transparenz in Ihrer Arbeit. Warum handeln Sie, wie Sie es gerade getan haben? Wie wird der Tagesablauf strukturiert? Welche Ziele haben Sie für die Woche gesetzt? Transparenz hilft den Auszubildenden, in den Arbeitstag zu fi nden, eigene Impulse zu setzen und Ideen einzubringen.

9. Ausbildungsportfolio

Mit Hilfe eines Ausbildungsportfolios können Sie die Kompetenzentwicklung des Auszubildenden transparent darstellen. Darin können folgende Inhalte Platz fi nden: Gesprächsprotokolle, Zielvereinbarungen, Situationsbeschreibungen, Ideen und Wünsche, Angebote und Beobachtungen, Erinnerungen an schöne Momente – sowie all das, was Ihr Auszubildender für sich persönlich als wichtig erachtet. Das Portfolio dokumentiert das persönliche Wachstum und unterstützt dabei selbstgesteuerte Lernprozesse.

10. Qualitätsentwicklung

Verankern Sie Ihre Grundhaltung zur Zusammenarbeit mit Auszubildenden in Ihrem QualitätsmanagementHandbuch. Außerdem können Sie ein Ausbildungskonzept erstellen, das alle relevanten Punkte der AzubiBegleitung zusammenfasst. Sehen Sie dieses Konzept nicht als festes Dokument, sondern überprüfen und entwickeln Sie es kontinuierlich. Grundsätzlich sollten Sie darauf achten, aus dem klassischen Machtverhältnis Ausbilder – Auszubildende auszubrechen. Bemühen Sie sich gemeinsam, die jeweilige Persönlichkeit wertzuschätzen und Kompetenzen hervorzuheben. So können Auszubildende wirklich an Entscheidungen beteiligt werden. Sie werden sehen, wie viel Neues Sie in Ihrem Alltag entdecken, wenn Sie sich auf Ideen und Wünsche Ihrer Auszubildenden einlassen

Gut zu wissen

Die aktuelle Personalsituation in fast allen deutschen Kitas ist besorgniserregend. Es klingt fast ein wenig nach Traumwelt, wenn man diesen Artikel liest. Trotzdem gilt es, möglichst viele Punkte wenigstens in Teilbereichen umzusetzen, um die Fachkräfte von morgen für den Beruf und die eigene Einrichtung zu begeistern. Wer begeistern kann, schafft Zukunft – auch und gerade in der Elementarpädagogik. 

Miriam Fisseni leitet eine Kita und Krippe im Raum Limburg. Sie ist staatlich anerkannte Erzieherin, Sozialpädagogin (M. A.) und Autorin.

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