01.12.2020
Petra Engelsmann

Der dicke Daumen gehört dazu

Hammer, Nagel und Säge sind in vielen Kitas tabu. Zu groß ist die Sorge, dass sich Kinder verletzen. Unsere Autorin plädiert für echtes Werkzeug – und weiß, wie der Spagat zwischen Lernerfahrungen und der Sicherheit der Kinder gelingt.

Messer, Gabel, Schere, Licht sind für kleine Kinder nicht! Drum sagt die Tante auch ganz fein: „Lass das Werkzeug
besser sein!“

Erinnern Sie sich noch an die Zeit der Kindergärtnerinnen, die gerne als Tante bezeichnet wurden? Es war eine Zeit, in der gefährliche Gegenstände benannt, jedoch nicht unbedingt weggeschlossen wurden. Pädagogischen Fachkräften gelang es damals anscheinend leichter als heute, Kindern den Umgang mit echten Werkzeugen zu ermöglichen. Woran liegt es, dass wir heute viele Plastiknachbauten zum Spielen für die Kinder in den Einrichtungen haben, jedoch immer mehr auf Werken und Hantieren mit echtem Werkzeug verzichten? Haben wir Angst davor, dass sich ein Kind an der Säge, dem Nagel oder mit dem Hammer verletzen könnte? Oder ist es die Sorge, dass Eltern nicht verstehen, warum wir mit Holz arbeiten und allem was dazugehört, so spannend und kreativitätsfördernd, aber eben auch risikobehaftet es ist?

Das richtige Arbeiten mit Holz oder mit Stein und den dazugehörigen Werkzeugen bietet eine Fülle von Lernerfahrungen, die viele Sinne der Kinder ansprechen und auch deren kognitive Entwicklung vielfältig unterstützen. So lernen sie hierbei nicht nur, dass sie selbst entwerfen und erschaffen können. Wenn sie Hammer und Co. benutzen, sammeln Kinder auch Erfahrungen darin, Gefahren einzuschätzen. Sie spüren durch eigenes Tun, wie viel Kraft benötigt wird, um ein Stück Holz zu sägen, oder wie lange an einem Speckstein gefeilt werden muss, bis eine neue Form entsteht. Sie erkennen, dass Sägen scharfe Sägeblätter haben, die aber auch stumpf werden können. Sie üben, wie sie ein Brett festhalten müssen, damit es beim Sägen nicht wegrutscht. Sie spüren, wie unterschiedlich sich die verschiedenen Materialien anfühlen und dass es mehrere Holzarten und vielfältige Steinarten gibt. Sie entdecken weicheres und härteres Holz und erfahren, wie es sich unterschiedlich bearbeiten lässt. Auch beim Bearbeiten von Steinen ist dies spürbar. Sie lernen eine Bandbreite von Oberflächenstrukturen kennen. Und sie erkennen, dass sie sich beispielsweise an rauem Holz eher mal kleine Splitter holen als an glatt geschmirgeltem.

Wo gehobelt wird, fallen Späne

Die Kinder lernen auch, dass der Hammer nur den Nagel und nicht den Finger treffen darf, weil es sonst wehtut. Sie lernen Achtsamkeit und Eigenschutz. Sie lernen allein und gemeinsam, denn manchmal klappt es einfach besser, wenn sie zu zweit das lange Brett bearbeiten. Sie lernen viel über all das, was in den Bildungsplänen gefordert wird, denn Werken lädt ein, sich mit Maßeinheiten beim Abmessen und Anzeichnen zu beschäftigen. Sie entdecken auch die Geometrie beim Zusammenbauen und dem vorherigen Konstruieren. Und sie entdecken den Weg von einer Idee über einen Plan bis hin zur Verwirklichung und dem abschließenden Produkt. Ja, und sie entdecken natürlich Zahlen. Und sie sammeln bereits erste kleine Erfahrungen im Bereich der Statik. Denn: Nicht alles hält sofort, und es darf gemeinsam daran getüftelt werden, wie Bretter am besten aneinandergenagelt, -geschraubt oder miteinander verleimt werden.

Am besten lernen Kinder dies alles, wenn sie wirklich selbst agieren dürfen, denn es regt ihre Fantasie an, selbst auszuprobieren, auch mal zu scheitern und neu zu probieren. Wir fördern und ermutigen sie darin, sich immer wieder länger mit etwas zu beschäftigen, und ihre Frustrationstoleranz wird hierbei gestärkt. Haben sich die Kinder dann intensiv mit den Materialien beschäftigt, sind sie unendlich stolz – auf das, was sie schon können. Sie wachsen auch an der Verantwortung, die wir ihnen geben, indem sie eigenständig planen, entwerfen und werken dürfen. Alles in allem ist Werken also ein wichtiger Aspekt bei der Entwicklung von Kindern.

Warum habe ich Bauchweh?

Wie aber kommen wir genau dort hin, dass Kindern zugetraut wird, ihre eigenen Erfahrungen mit Werkzeugen zu machen? Wie bleiben pädagogische
Fachkräfte und Eltern gelassen und ruhig? Und wie bieten wir uns als Lernbegleiter an, ohne die vermeintlichen Gefahrenquellen wie Säge, Hammer oder Schleifer den Kindern wegzunehmen?

Das Wichtigste in diesen Situationen ist es, dass Eltern und pädagogische Fachkräfte erst einmal bei sich selbst schauen, was bei ihnen genau das unbehagliche Gefühl in der Magengegend aufkommen lässt, wenn sie Kinder mit den Werkzeugen hantieren sehen. Sich darüber bewusst werden, welche Situationen wir aushalten können und wo unsere Angst überhand nehmen könnte, ist ein entscheidender Schritt in der Begleitung von Kindern bei potenziellen Gefahrensituationen. Um die oben aufgelisteten Lernerfahrungen bieten zu können, brauchen Kinder unseren Mut, mit ihnen gemeinsam zu
experimentieren, ohne vorwegzunehmen oder gar gleich einzugreifen. Daher ist es gut, in Teams über die eigenen Ängste und Sorgen im Umgang mit echtem Werkzeug zu sprechen. Sind diese Gefühle benannt, können gemeinsam begründete Regeln erarbeitet werden, wie Kinder den fachgerechten Umgang mit Werkzeugen erlernen. Je offener alle Beteiligten über ihre Befürchtungen sprechen, umso besser können gemeinsam Lösungswege gefunden
werden.

Im Diskurs können Strategien und Regeln zur Vermeidung von Verletzungsgefahren besprochen werden, die auch Eltern gut erklärt werden können. Denn der nächste Schritt ist, auch den elterlichen Ängsten vor Verletzungen wertschätzend zu begegnen. Einer der möglichen Lösungswege kann hier sein, mit kleineren Übungen und vielfältigen experimentellen Aufgaben alle Materialien und Werkzeuge kindgerecht zu erproben.

Eigenes Tun schafft vertrauen

Hierzu gehört es auch, den Kindern ausreichend Zeit zu geben, sich alles genauestens anschauen zu dürfen. Haben Kinder einmal eine Säge erfühlen
dürfen, dann wissen sie, dass das Sägeblatt scharf und zum Zerteilen von Holz gedacht ist. Sie spüren, wie schwer der Hammer ist und wie schwierig es sein kann, den Nagel wirklich auf den Kopf – und nicht den Finger – zu treffen. Und genau in diesem gemeinsamen Erkunden, dem Heranführen an kleinere und größere Gefahren liegt der Schlüssel für erfolgreiches und verletzungsfreies Werken. In diesen Sequenzen werden für Kinder Gefahrenquellen sichtbar und in einem gewissen Maß auch einschätzbar. Kinder entwickeln hierbei ihre eigenen Stärken. Sie bekommen ein Gespür für Aufgaben, die sie bereits allein bewältigen können und bei welchen sie noch die Unterstützung von Erwachsenen brauchen. Beobachten pädagogische
Fachkräfte die Kinder genau, bekommen auch sie ein Gespür dafür, was sie welchem Kind zutrauen können und in welchem Rahmen sie Herausforderungen kindgerecht anbieten können.

Wie auch bei dem Entwicklungsschritt des Laufenlernens können wir den Kindern den Umgang mit Werkzeugen nicht nur erklären. Erst über das eigene Tun und die eigenen positiven wie negativen Erfahrungen mit Werkzeugen machen Kinder ihre eigenen Erfahrungen zum fachgerechten Umgang mit diesen.

In kleinen Schritten erforschen sie das Material, spüren, wie scharf die Säge sein kann und wie schwer der Hammer ist. Sie entwickeln ein Gespür
für Holz und Werkzeuge und erschließen sich daraus selbst, wann und in welchem Maße Gefahren vorhanden sein könnten. Es ist sehr wichtig, den Eltern im Gespräch mitzuteilen, wie die Werkzeuge von den Kindern angewendet werden und wie diese dadurch in ihrer Entwicklung profitieren. Die elterlichen
Sorgen werden wertschätzend beachtet, und sie können hier wiederum positive Erfahrungen in Bezug auf ihre Kinder machen. Denn beide Seiten sind gleichermaßen zufrieden, wenn sich das Bewusstsein für den sorgfältigen Umgang mit Werkzeugen entwickelt hat. Die Eltern sind stolz auf ihre Kinder und diese auf sich selbst, wenn sie erklären können, wie das Werkzeug fachgerecht benutzt wird. Meistens sind alle Sorgen und Ängste vergessen, wenn die kleinen Handwerker strahlend die selbst geschaffenen Werke vorzeigen. Und sollte es dann doch einmal zu einem dicken Daumen kommen, so wissen alle, dass dies

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