„Es war einmal …“ – Märchen im Waldorfkindergarten

Es wirkt aus der Zeit gefallen, wenn wir unseren Kindern heute vom tapferen Schneiderlein, dem hinterlistigen Fuchs oder von Prinzessin Tausendschön erzählen.
Von wegen! Die Sprachgestalterin Gabriele Ruhnau verrät, warum Märchen nach wie vor wichtig und aus der Waldorfpädagogik nicht wegzudenken sind.

Text: Gabriele Ruhnau, Bild: monicadoallo/gettyimages.de

„Es war einmal …“

Folgendes Zitat möchte ich an den Anfang stellen:

„Stellen Sie sich vor, es gäbe ein Zaubermittel, das ihr Kind still sitzen und aufmerksam zuhören lässt, das gleichzeitig seine Fantasie beflügelt und seinen Sprachschatz erweitert, das es darüber hinaus auch noch befähigt, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und deren Gefühle zu teilen, das gleichzeitig auch noch sein Vertrauen stärkt und es mit Mut und Zuversicht in die Zukunft schauen lässt.
Dieses Superdoping für Kindergehirne gibt es. Es kostet nichts, im Gegenteil, wer es seinen Kindern schenkt, bekommt dafür sogar noch etwas zurück: Nähe, Vertrauen und ein Strahlen in den Augen des Kindes. Dieses unbezahlbare Zaubermittel sind die Märchen, die wir unseren Kindern erzählen oder vorlesen.“
So Gerald Hüther in seinem Buch Was wir sind und was wir sein könnten.

Seit Begründung der Waldorfpädagogik vor hundert Jahren ist die Märchenpflege eines ihrer Basics. Es ist ein täglich wiederkehrendes Element in der Pädagogik der frühen Kindheit – etwa ab dem 4. Lebensjahr. Auch in der 1. Klasse werden in der „Erzählzeit“ jeden Tag Märchen erzählt. Das „Wie“ hat sich allerdings im Lauf der Zeit stetig weiterentwickelt.

Wenn Kennen zu Können wird: der tägliche Märchenkreis als festes Ritual

Im Waldorfkindergarten sind Märchen auf unterschiedlichste Weise präsent:

  • täglich frei erzählt: dasselbe Märchen über mehrere Wochen;

  • täglich dargestellt als Tischpuppenspiel oder mit einfachen Faden-Marionetten: das gleiche Märchen über mehrere Wochen;

  • als Reigenspiel: z. B. „Dornröschen“ im Sommer;

  • in der wöchentlichen Kindergarteneurythmie: Auch hierkann ein Märchen über viele Wochen Thema sein, mussaber nicht;

  • im spontanen Rollenspiel der Kinder: angeregt durch die erzählten und erlebten Märchen;

  • in besonderen Situationen: beim Vorlesen und Betrachten eines Bilderbuchs;

  • als Bildmotiv in Form eines Woll- bzw. Seidenbildes oder als Fenstertransparent – als ständiger oder jahreszeitlicher Schmuck;

  • gelegentlich als besonderes Event für die Vorschulkinder: eurythmisch aufgeführt, durch Schulklassen oder durch ein Eurythmie-Ensemble.

Die verschiedenen Möglichkeiten der Märchenpflege setzen jeweils unterschiedliche Akzente: Beim Erzählen wird das ruhige Zuhören gefördert. Im Reigen und in der Eurythmie verbinden sich die Kinder durch Bewegung mit dem Märcheninhalt. Und beim Puppenspiel und auch beim Bilderbuch lenkt das Sehen die Aufmerksamkeit.

Das Zentrum der Märchenpflege im Waldorfkindergarten ist aber der tägliche Märchenkreis. Hier wird das gleiche Märchen mehrfach erzählt oder vorgelesen − durchaus über einen Zeitraum von drei Wochen. Oft wird es in Form eines einfachen Tischpuppenspiels gestaltet, weil dies die Aufmerksamkeit beim Zuhören stützt und fördert. Wie wir heute wissen, vollzieht sich Lernen am sichersten durch Wiederholung.

Stabile Synapsenstrukturen bilden sich nur, wenn Prozesse oft genug wiederholt werden konnten. Dann wandelt sich Kennen in Können.

Märchen setzen innere Bilder frei

Die frühe Märchenpflege trägt wesentlich dazu bei, dass Fähigkeiten, wie konzentriertes Zuhören und sich aus Worten eigene innere Bilderwelten zu schaffen, in Ruhe heranreifen können. Was Märchen noch alles vermögen? − Hier seien nur einige Aspekte genannt:

Märchen beflügeln die Fantasie:

Beim Zuhören erschaffen wir eine Welt innerer Bilder. Bereits 2002 beklagt ein Wissenschaftler der US-Luft- und Raumfahrtindustrie, dass man bald keine geeigneten Nachwuchsforscher mehr für ihre Ansprüche finden werde. Die Veränderungen im Bereich frühkindlichen Lernens sieht er als Ursache. Der Autor macht für den Rückgang der „authentic creativity“ den Mangel an Vorstellungskraft verantwortlich.
Hierfür sei die Überflutung der kindlichen Wahrnehmung durch von außen kommende Bilder und Informationen verantwortlich, die die Ausbildung der inneren Bilder hemmen. Denn eigentlich ist das Kind in reizarmer Umgebung als Zuhörer schöpferisch tätig. Es ist die Sprache, die diese innere Bilderwelt weckt, unsere Denkfähigkeit anregt, uns in die Lage versetzt, das Unmögliche oder zumindest nie Gesehene erlebte Wirklichkeit werden zu lassen.

Ich hatte einmal folgendes Erlebnis mit meinen Sohn, als ich ihm ein Märchen vorlas: Er saß schon schlaffertig im Bett und schloss beim Zuhören die Augen. Als ich nachfragte, ob er zu müde zum Zuhören sei und lieber ohne Märchen einschlafen wolle, antwortete er: „Nein, bitte erzähl weiter! Ich kann nur besser malen, wenn ich die Augen zumache.“
Durch seine Antwortwurde mir bewusst, dass Märchenhören ein aktiver innerseelischer Bildgestaltungsprozess ist. Sich aus dem Gehörten ein eigenes Bild machen – dies entspricht im Kern dem zentralen Bildungsbegriff der Waldorfpädagogik: Sich die Dinge selbst erarbeiten dürfen und nicht fertiges Wissen, fertige Bilder geliefert zu bekommen, die man sich dann nur zu merken hat.
Dieser Aspekt ist der tiefere Grund dafür, warum der Märchenpflege, dem Erzählen generell, in der Waldorfpädagogik so viel Zeit eingeräumt wird.

Märchen verhelfen zur Ruhe:

Im Waldorfkindergarten hat das Märchen im Tagesablauf auch zeitlich seinen festen Platz, meist zum Abschluss des Vormittags vor der Mittagsruhe. Der ritualisierte, sinnvoll strukturierte Tagesablauf, mit dem Wechsel zwischen aktiven Phasen und solchen, die zur Ruhe verhelfen, ist ein wesentliches Element der Waldorfpädagogik.

Das Erzählen oder Erleben eines Märchens wird zum Ruhepol für die Kinder:

Nach dem Toben und Spielen ist es „erholsam“, sitzen zu dürfen und einfach nur zu hören, zu sehen, was sich ereignet und dieses innerlich mitzuerleben. Und wenn das Märchen schon bekannt ist, lässt es sich nochmal mehr in Ruhe genießen.

Die Kinder können immer Neues entdecken, können auch mal wegträumen oder Refrain artige Passagen auch schon mitsprechen. Darum muss der Wortlaut auch immer der gleiche sein. Alle kennen sich in der Geschichte aus − auch das schenkt das Gefühl von Sicherheit.

Märchen geben Halt:

Schon die Gebrüder Grimm schrieben Märchen eine wichtige Funktion zu, die dem Menschen von Geburt an seelischen Halt, Schutz und „Nahrung“ gibt. Eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung bedarf in der Kindheit Vorbilder, die Orientierung geben. Diese Aufgabe kommt nicht nur den menschlichen Bezugspersonen zu. Auch in Märchen haben wir gewissermaßen kompetente Unterstützer für diese Aufgabe.

Märchen fördern eine „schöne“ Sprache:

Auch der Spracherwerb wird durch die Vielfalt der nicht alltäglichen Worte, die Komplexität der grammatikalischen Strukturen und die Schönheit der Märchensprache gefördert. Und dazu wäre weder ein moderner Zeitgenosse, noch irgendein Sprachlernprogramm in der Lage.

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