08.04.2021
Jutta v. Ochsenstein-Nick
wundervisuals // GettyImages

Wir wollen raus! – Warum das Spielen in der Natur so wichtig ist

Regelmäßige Naturerfahrungen unterstützen Kinder in ihrer gesamten Ent­wicklung: Reifung der Sinne, auch des Gleichgewichtssinns, Bewegungssicherheit, Selbstvertrauen, soziale und kognitive Kompetenzen, Sprache, Fantasie als Teil unserer Intelligenz und umfassende Gesundheit.

Natürliche Fundstücke

Die sog. vier Ur-Spielmaterialien Erde, Wasser, Stöcke und Steine sind zusam­men mit Feuer Grundlagen der mensch­lichen Kultur. Seit Anbeginn gebrau­chen Menschen sie für Nahrungsherstellung, Jagen, Ackerbau, Viehzucht, Wohnungen, Heilung, Feste und Rituale. Kinder überall in der Welt und zu allen Zeiten spielen damit. Sie sind so ins Menschheitsgedächtnis ein­gegraben, dass sie als tief vertrautes Material auch therapeutisch wirken.

Ein wesentliches Merkmal des Spielens in freier Natur ist die äußere Einfachheit verbunden mit einem inneren Reich­tum. Denn Natur-Spielmaterial hat be­sondere pädagogische Qualitäten:

  • Jedes Kind findet geeignetes Material zum Erforschen, Spielen und Gestalten.
  • Naturmaterial lässt Kinder selbstbe­stimmt tätig sein. Denn Natur stellt ih­ren Reichtum zur Verfügung, ohne Be­dienungsanleitung und ohne Programm.
  • Alle Sinne werden angeregt mit der größten Vielfalt an Formen, Oberflä­chen, Größen, Gewichten, Farben, Festigkeiten, Temperaturen, Ge­schmacks- und Geruchsvarianten, Klangmöglichkeiten, – jeder Stock ist anders! Diese erfahrbare Einzigartig­keit jedes natürlichen Fundstücks spricht die Kinder besonders an, da sie darin ihre eigene Individualität entdecken und entwickeln.
  • Natur motiviert Kinder, sich vielfältig zu bewegen, zu experimentieren und durch das Spielmaterial viel zu kommunizieren.
  • Alles in der Natur hat seine Aufgabe in einem Sinngefüge. Es bekommt nicht erst durch das Kind einen Sinn (wie das meiste Spielzeug). Dadurch leben sich Kinder in gegebene Sinnzusam­menhänge hinein. Das stärkt ihre Resilienz.
  • Das Spielmaterial bietet echte Wirk­lichkeitserfahrung. Kleine Kinder ler­nen nur durch das Original die Welt und sich selbst kennen. Jedes Abbild, z. B. eines Tiers trifft nur einen Bruch­teil der realen Erfahrung mit einem Tier und kann diese nie ersetzen. Na­turmaterial lehrt Lebenskenntnisse wie die Dauer von Wachstumsprozes­sen oder die Metamorphose (Raupe zum Schmetterling, Buchecker zur Bu­che usw.).

Positive Wirkungen von Naturerfahrungen

1. Körperliche Gesundheit

Die Vielfalt der mikrobiologischen Reize stärkt das Immunsystem. Außerdem ha­ben die sogenannten Phytonzide, Duft­stoffe der Bäume zur Abwehr von Schädlingen, eine positive Wirkung auf unser Immunsystem. Sie stärken die so­genannten Killerzellen, die Krankheits­erreger bekämpfen und auf Zellverän­derungen reagieren, etwa beim Entstehen von Krebs.

Frische Luft unterstützt die Atemorgane und ihre Schleimhäute. Die Blattkrone der Waldbäume filtert die Luft. Sie wird dadurch schadstoffarm, gut angefeuch­tet, reich an Sauerstoff und von Staub und Ruß gereinigt. So staubarm wie im Wald ist es sonst nur im Gebirge oder am Meer.

Die hautnah und regelmäßig erlebten Temperaturschwankungen trainieren die Gefäße und regen Kreislauf, Stoff­wechsel und Entschlackung an.

Die UV-Strahlung unter blauem Himmel fördert die Bildung von Vitamin D. Das Tageslicht unterstützt außerdem die Bil­dung des „Glückshormons“ Serotonin für Antriebssteigerung und Stimmungs­aufhellung. Und es mindert Kurzsichtig­keit. Natürliches Licht ist ein entschei­dender Faktor bei der Entwicklung des Auges. Das Risiko einer Kurzsichtigkeit kann um ein Drittel gesenkt werden, wenn Kinder täglich mehr als zwei Stun­den im Freien sind.

2. Psychische Entspannung

Eine natürliche Umgebung dient der Stressbewältigung. Neben dem beruhi­genden Grün vermindern die von Bäu­men freigesetzten Phytonzide (ätheri­sche Öle u. a.) die Produktion von Stresshormonen. Aggressionen werden gemindert, wir reagieren gelassener. Die meisten Naturorte vermitteln Ge­borgenheit und entschleunigen.

3. Rhythmus

In der Natur finden wir die Rhythmen, die seit Jahrtausenden zu unseren Le­bensbedingungen gehören. Jahreszei­tenwandel, Wachsen und Vergehen, Tag-Nacht-Rhythmus, Mondphasen u. a. verbinden uns mit allem Lebendigen. Naturrhythmus bedeutet verlässlich wie­derkehrende Strukturen mit gleichzeitig lebendig vielfältigen Varianten.

Eigene körperliche Rhythmen werden durch das Erleben der Naturrhythmen ausgeglichener – so die Forschungen der Chronobiologie. Das betrifft Puls, Atmung, Stoffwechsel, Hormonspiegel, Zellerneuerung, Wechsel von Aktivität und Ruhe.

4. Sinneswahrnehmung

Sinneswahrnehmungen einschließlich Gleichgewichtssinn sind Erfahrungen, die jedem Weltverständnis zugrunde liegen. Mit den Sinnen ergreift das Kind die Welt im lebendigen Original, um sie dann immer mehr verstandesmäßig zu begreifen.

In der Natur sind die Sinne wacher und genauer. Eine differenzierte Wahrneh­mung von Gerüchen, Geräuschen, For­men, Farben, Geschmäckern, Boden­unebenheiten usw. entwickelt sich. Das führt zu einer genaueren Wahrnehmung von sich selbst und zugleich zu einem offenen Weltbild, das Vielfalt erkennt und zulässt.

5. Bewegungsvielfalt

Das Spielen in der Natur erhöht die Mo­tivation, sich zu bewegen, und stärkt damit Aktivität, Körperkontrolle und Ge­schicklichkeit. Durch die gewonnene Si­cherheit der Bewegung sinkt das Unfall­risiko. Kinder, die unebene Böden, Hindernisse und vielfältige Tasterfah­rungen mit den Füßen erleben, trainie­ren Gleichgewicht und Koordination von Muskeln und Sinnen. Und sie lernen zu fallen. Das permanente Training ver­bessert Körperspannung und Haltung.

Die Bewegungssicherheit und die Erfah­rungen mit eigenen Körpergrenzen und -kompetenzen stärken die Selbstkennt­nis und das Selbstvertrauen.

6. Eigenaktivität und Selbstwirksamkeit

Natürliche Erkundungsfelder haben ei­nen hohen Aufforderungscharakter. Sie bieten abwechslungsreiche Handlungs­möglichkeiten mit unterschiedlichsten Schwierigkeitsgraden. Das stärkt die Ei­geninitiative und Selbstwirksamkeit. Häufige Erfahrungen von Selbstwirk­samkeit erhöhen das Verantwortungs­gefühl für das eigene Tun. Und sie stär­ken auch die soziale Verantwortlichkeit.

Die Konsequenzen der eigenen Hand­lungen werden direkt erfahrbar: Ohne Bewegung friert man im Winter, tiefes Wasser läuft in die Stiefel, ein rutschiger Hang braucht besondere Vorsicht, Ameisen krabbeln in weite Ärmel usw.

7. Erforschen und Lernen

In der Auseinandersetzung mit Natur geschieht hochmotivierte Selbstbildung. Die Kinder setzen das Erlebte spielerisch und kreativ um und erweitern ihr Wis­sen von sich selbst und von der Welt. Die innere Verbundenheit zu den Lern­inhalten machen das Lernen nachhaltig und persönlichkeitsbildend. Die Lernin­halte umfassen Biologie, Physik, Mathe­matik, Ökologie u. v. m.

Im Naturspiel wird das Lernen optimal unterstützt

  • durch Eigenaktivität in vielseitigen Bewegungen und Sinneserfahrungen,
  • durch eine emotionale Intensität des Erlebens und
  • durch eine konzentrierte Atmosphäre.

Bewegung regt den Sauerstoffaus­tausch im Gehirn an und aktiviert die Lernzentren: Das Gehirnzentrum für Be­wegung ist verbunden mit dem Sprach- Gedächtnis; das Sprachzentrum ist mit dem Zentrum für Fingerbewegungen verknüpft. Ausprobieren und Prüfen mit allen Sinnen ist der Beginn des abstrak­ten Erfassens – vom Greifen zum Begrei­fen. Außerdem werden durch Bewegen lernfördernde Hormone ausgeschüttet.

Intensive Erlebnisse wirken als tiefe Sprachanlässe. Gebannt schauen Kin­dern den Tieren zu und lernen, sich dif­ferenziert auszudrücken: Die Schnecke kriecht und der Käfer krabbelt, Vögel fliegen und Schmetterlinge flattern. Ebenso die Geräusche: Ein Vogel zwit­schert, singt oder pfeift. Es gibt eine rie­sige Farbenvielfalt in der Natur. Das Sonnenlicht auf dem Wasser leuchtet, schimmert, glitzert.

Die entspannte Atmosphäre in der Na­tur führt zum genauen Hören und Ver­stehen. Widerhalleffekte und Geräusch­pegel in geschlossenen Räumen dagegen erschweren das Behalten von Lerninhalten im Kurzzeitgedächtnis.

8. Kulturerweiterung

Durch bestimmte Naturerfahrungen schauen wir unseren Alltag neu an. Er­nährung aus dem Supermarkt, Wohnen in einem Haus, Trinkwasser aus dem Wasserhahn usw. nehmen Kinder be­wusster wahr, wenn sie Wildgemüse sammeln oder im Garten anbauen, wenn sie ein regendichtes Tipi aus Äs­ten und Laub bauen oder Wasser aus ei­ner Quelle holen. Naturerfahrungen, die eher technikfern, konsumfern und me­dienarm sind, können so zu einem selbstbestimmten Umgang mit der mo­dernen Gesellschaft führen. Die Lebens­weisen anderer Kulturen und Zeiten be­trachten die Kinder mit Respekt.

9. Spirituelle Erfahrung

Das direkte Erleben der Elemente, Pflan­zen und Tiere lässt die eigene Lebendig­keit spüren. In der Natur finden sich Kin­der in ein vorhandenes Sinngefüge ein: Jeder Teil der Natur hat Sinn. Das wirkt als Vorbild für ein eigenes sinnerfülltes und sinnstiftendes Leben. Die Erfahrung des Eingebundenseins in ein größeres Ganzes nährt das Urvertrauen, das Ge­fühl existentieller Geborgenheit.

Gefühle wie Dankbarkeit, Ehrfurcht und Liebe sind in Naturbegegnungen spon­tan und authentisch erlebbar.

Die atmosphärische Ruhe vieler Na­turorte, die Entschleunigung und ästhe­tische Qualitäten ermöglichen viele Mo­mente der Versunkenheit und Achtsamkeit.

Folgendes Zitat fasst diese Erkenntnisse zusammen: „Natur ist für Kinder so es­senziell wie gute Ernährung. Sie ist ihr angestammter Entwicklungsraum. Hier stoßen die Kinder auf vier für ihre Ent­wicklung unverhandelbare Quellen: Freiheit, Unmittelbarkeit, Widerständig­keit, Bezogenheit. Aus diesen Erfahrun­gen bauen sie das Fundament, das ihr Leben trägt“ (Renz-Polster/Hüther 2013, 9).

Jutta v. Ochsenstein-Nick, Kleinkind- und Natur­pädagogin, Elternberaterin, Achtsamkeits-Lehre­rin, Autorin.
Kontakt: www.pflege-spiel-beratung.de

Literatur:

Renz-Polster, Herbert / Hüther, Gerald: Wie Kinder heute wachsen. Natur als Entwicklungsraum. Ein neuer Blick auf das kindliche Lernen, Fühlen und Denken. Beltz 2013

Späker, Thorsten: Natur – Entwicklung und Ge­sundheit. Handbuch für Naturerfahrungen in pä­dagogischen und therapeutischen Handlungs­feldern. Hohengehren. Schneider 2017

Wawra, Johannes/Wawra, Ursula: Wawra’s Natur­buch. Entdecken, erleben, staunen und verste­hen. Bd. 1: Säugetiere, Vögel, Reptilien, Amphi­bien. Natur-Verlag 2018

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