22.11.2021
Susanne Zabel-Lehrkamp

Wer fragt, erfährt die Hintergründe

Inklusion bedeutet, Familien jeder Herkunft am Kitaalltag teilhaben zu lassen. Im respektvollen Gespräch klären sich viele interkulturelle Vorbehalte.

Zu Beginn ein Gedankenexperiment über ein fernes Land: Laluki ist eine kleine, paradiesische Insel in der Südsee. Die Menschen dort sind reich, denn es gibt genug Arbeit für alle. Die Bevölkerung lebt von Anbau und Export der seltenen Tropenfrucht Kinu. Diese ist sehr gesund, äußerst lecker und regt die Fettverbrennung an. Die Frauen dort sind Kinu- Expertinnen. Sie ernten die Früchte, trocknen und verpacken sie. Auch die Exportgeschäfte laufen über sie. Männer werden für diese Arbeit nicht benötigt und haben in der Bevölkerung deshalb ein geringes Ansehen. Auch die Regierung ist mehrheitlich weiblich und lässt ihren hart arbeitenden Geschlechtsgenossinnen viele Boni zukommen. So dürfen Frauen Schulen besuchen, kostenfreie Wellnessangebote, Yogakurse in der Mittagspause und Massagen nach der Arbeit genießen. Die Bürgermeisterin teilt jeder Frau im heiratsfähigen Alter einen Mann zu. Dieser ist nach der Hochzeit für Haus und Kinder zuständig, damit die Frau sich in Job und Freizeit verwirklichen kann. Stellen Sie sich nun folgendes vor:

  1. Sie sind glückliche Gewinnerin einer einwöchigen Urlaubsreise nach Laluki. Treten Sie die Reise an? Nehmen Sie Ihre Familie mit?
  2. 2Ihr Sohn hat mit Ach und Krach das Abitur geschafft und plant, sich nach der Anstrengung eine Auszeit zu nehmen. Er möchte ein Jahr in Laluki verbringen. Wie stehen Sie dazu?
  3. Stellen Sie sich vor, in Deutschland herrscht Krieg. Sie und Ihre Familie sind zudem von Hunger und Armut bedroht. Laluki nimmt Flüchtlinge auf. Besonders Männer sind herzlich willkommen. Wandern Sie mit Ihrer Familie nach Laluki aus? Welche Bedenken haben Sie?
  4. Sie wurden nach Laluki zwangsumgesiedelt. Welche Familientraditionen nehmen Sie in jedem Fall mit? Welche Sprache werden Sie zu Hause sprechen? Was werden Sie kochen?
  5. Jetzt zurück in die reale Welt nach Deutschland! Auf Ihrer gedanklichen Reise ins ferne Laluki haben Sie vielleicht gespürt, welche Bedenken einem kommen, wenn man selbst fremd ist. Und wie sehr man an Traditionen festhält, um wenigstens ein Stück seiner Wurzeln zu bewahren. Dieses kleine Experiment können Sie ausbauen und im Team durchführen. So können Ihre Kolleginnen und Kollegen spüren, was Heimatverlust bedeutet. Vermutlich werden Sie keine Sprüche hören wie „Die sollen erst mal richtig Deutsch lernen“, „So langsam könnten die ja mal, …“ oder „Da kommt nie jemand zum Elternabend“.

Alle gehören dazu

Um Menschen mit anderen Traditionen, Werten und Normen vorbehaltlos zu begegnen, ist das Nachfragen der wichtigste Schritt. Fragen Sie nach, weshalb die muslimische Mutter nicht zum Elternabend kommt. Fragen Sie nach, unter welchen Voraussetzungen eine Teilnahme möglich wäre. Fragen Sie immer nach, wenn Sie ein Verhalten verwundert oder ärgert. Denn alles hat seinen Grund. Dies bedeutet nicht, dass Sie im Umkehrschluss alles hinnehmen müssen. Sie haben das Hausrecht in der Kita und legen den Rahmen fest. Vielleicht tragen jedoch die Nachfragen dazu bei, sich gegenseitig besser zu verstehen. Inklusiven Kitas liegt die Idee zugrunde, dass alle dazugehören – ganz gleich, welcher Kultur oder Nation jemand angehört und unabhängig von körperlichen Besonderheiten. Im Unterschied zur Integration geht es nicht darum, Menschen an das System anzupassen, sondern das System so zu verändern, dass alle Menschen zurechtkommen und dazugehören können. Hier einige Beispiele gelebter Inklusion:

Wochenrückblick:

Verbildlichen Sie diesen Bericht. Wie wäre es, mit Abbildungen und Liedtexten zu arbeiten? Darüber hinaus könnten in einem digitalen Bilderrahmen Fotos aus dem Kitaalltag gezeigt werden. Diese Art der Darstellung wird auch die Mädchen und Jungen begeistern sowie Gespräche mit den Eltern und zwischen den Kindern anstoßen.

Speiseplan:

Verbildlichen Sie Ihr Angebot zu den Mahlzeiten. Die Einführung ist recht aufwendig, dann hält sich die Arbeit jedoch in Grenzen. Fotografieren Sie die einzelnen Essenskomponenten und laminieren Sie die Bilder. Sortieren Sie diese in einem Ordner, dann können Sie diese immer wieder unterschiedlich zusammenstellen. Der Frühdienst hat die Aufgabe, den Speiseplan in Bildform für Kinder und Eltern auszuhängen. Selbstverständlich sollte der ausführliche Speiseplan, aus dem die Inhaltsstoffe hervorgehen, nicht fehlen. Der Foto-Speiseplan ist vor allem für die Kinder höchst interessant und informiert zudem alle Eltern, die wenig Deutsch sprechen und verschiedene Gerichte vielleicht noch nicht kennen.

Minikonzeption:

Besitzen Sie eine Kurzfassung Ihrer Konzeption für die Eltern, aus denen die wichtigsten Punkte Ihrer Arbeit hervorgehen? Fügen Sie dort Piktogramme ein. Diese lockern nicht nur das Schriftbild auf, sondern sorgen auch für Übersichtlichkeit (Essen, Kooperationen, Öffnungszeiten, Gebühren). Idealerweise lassen Sie die Konzeption in andere Sprachen übersetzen (Arabisch, Spanisch, Englisch, Französisch, Türkisch). Dafür sollten Sie sich an Profis wenden oder sprachkundige Eltern um Hilfe fragen.

Muttersprachliches Vorlesen:

Laden Sie Eltern dazu ein, in Ihrer Einrichtung vorzulesen. Um die Mütter und Väter nicht zu überfordern, sollte eine Fachkraft das Vorhaben begleiten. Haben Sie viele Familien mit Migrationshintergrund in der Einrichtung? Dann bietet sich Vorlesen in verschiedenen Sprachen an. Die Familie trägt das Buch in ihrer Herkunftssprache vor, und eine Fachkraft liest den gleichen Text auf Deutsch vor. So werden Kinder jeglicher Herkunft ihren Spaß haben.

Interkulturelles Kochen:

Die meisten Menschen verbinden die Küche mit ihrer Herkunftskultur. Das Aroma und die Düfte erinnern häufig an Kindheit und Geborgenheit – eben an Heimat. Beim Zubereiten von Familienrezepten geht den meisten Menschen das Herz auf. Wie wäre es, ein gemeinsames Eltern-Kind-Kochen anzubieten? Stellen Sie beim nächsten Fest ein buntes Buffet zusammen, wo jeder seine Köstlichkeiten und vielleicht mehr (Tanz, Kunst, Musik, Gesang) darbieten kann.

Übersetzung:

Sie arbeiten sicher bereits mit Dolmetscherdiensten zusammen. Laden Sie diese lieber einmal zu viel als einmal zu wenig ein. Das bietet den Eltern meist zusätzliche Sicherheit im Gespräch mit den Fachkräften. Zum Entwicklungsgespräch gehört ein Übersetzer unbedingt dazu.

Interkultureller Kalender:

Informieren Sie sich über die Festtage anderer Kulturen. Wissen Sie bereits, wie man zum Fastenbrechen reagiert? Grundsätzliches dazu sollten Sie kennen.

Aufklärung:

Kindergarten funktioniert in jedem Land anders, häufig hegen Familien anderer Herkunft deshalb große Vorbehalte gegen die Arbeit der Fachkräfte. Nicht aus Böswilligkeit, sondern aus Unkenntnis. Erklären Sie den Eltern vor dem Start in den Kindergarten, wie Sie arbeiten und warum Sie was tun. Zur Übersetzung können Dolmetscher oder das Buch „Kita-Alltag“ vom Bundesfamilienministerium hinzugezogen werden. Ein von der Kita gefertigtes „Eingewöhnungsbuch“, das anhand vieler Bilder die Hintergründe der Eingewöhnungszeit erklärt, kann den Erfolg dieser ersten Kitaphase unterstützen.

Elternbriefe:

Sie sollten in einfacher Sprache und kurzen Sätzen verfasst werden. Wenn Sie diese per Mail versenden, können die Eltern mithilfe verschiedener Apps die Inhalte einfach in ihre Muttersprache übersetzen.

Spielmaterial anpassen:

Erweitern Sie ihr europäisch geprägtes Spielzeug um interkulturelles Material. Bunte Puppen, in der Puppenküche vielleicht ein Samowar und ein Fladenbrot oder verschiedenfarbige Stifte für Hauttöne sorgen dafür, dass sich alle Kinder wiederfinden. Zeigen Sie im Spielzeug die unterschiedlichen Lebenswelten. Auch Puppen können Vielfalt repräsentieren: Junge, Mädchen, europäisch, asiatisch oder afrikanisch aussehend.

Zur Inklusion gehört mehr als ein Schild, auf dem in etlichen Sprachen ein guter Morgen gewünscht wird. Es geht um Einstellungen der Fachkräfte in Ihrer Einrichtung und um die kleinen Gesten. Eine offene Haltung der Fachkräfte öffnet Türen – und Herzen.

Susanne Zabel-Lehrkamp arbeitet als Sozialpädagogin mit den Schwerpunkten Inklusion und Zusammenarbeit mit Eltern

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