20.06.2022
Silvia Höfer
Andrea Obzerova / GettyImages

Spielen als Hilfe – Spieltherapie mit Kindern unter drei Jahren

Auch Kleinkindern, die psychisch beschädigt sind, kann schon in einer Spieltherapie geholfen werden. Wichtig ist dabei die enge Einbindung der Bezugspersonen – eventuell auch der Tagesmutter oder des Tagesvaters.   

Wenn wir uns mit Psychotherapie mit unter Dreijährigen befassen, muss die kindliche Entwicklung berücksichtigt werden. Diese spiegelt sich unter anderem im Spielverhalten. Hier können wir bei Kindern unter einem Jahr das frühe sensomotorische Spiel beobachten. Es zeichnet sich durch regelmäßige Wiederholungen und Nachahmungsspiele aus: Dinge geben und nehmen, zeigen und verstecken. Ab etwa 13 Monaten ist das Kleinkind fähig, mit jemand anderem nebeneinanderher zu spielen, jedoch ohne gegenseitig ins Spiel einzugreifen. Ab etwa 15 Monaten findet dieses Parallelspiel auch unter Blickkontakt und Wahrnehmung des anderen statt. Erst ab etwa drei Jahren sind Kinder zum einfachen Sozialspiel in der Lage. Hierbei ahmt das spielende Kind Erwachsene nach. Die Übernahme von Regeln und Handlungsabläufen steht im Zentrum (z. B. Puppen füttern, Autos einparken). Das komplementäre, reziproke Sozialspiel oder einfache Rollenspiel, das einen gemeinsamen Bezugspunkt hat, ist erst ab dem Alter von 3 bis 3,5 Jahren zu beobachten. Kooperatives Als-ob-Spiel mit eigenen Handlungsmustern und deutlichem Zusammenspiel beginnt später. Das komplexe Rollenspiel, durch welches sich Spieltherapie meist auszeichnet, beginnt im Durchschnitt ab einem Alter von 3,9 Jahren.

Vor allem Bindungsarbeit

 Ist nun ein Therapiekind gerade drei Jahre alt oder jünger, kann also nur in Ausnahmen spieltherapeutisch mit komplexem Rollenspiel gearbeitet werden. Hier findet vor allem Bindungsarbeit statt. Psychisch beschädigte Kleinkinder haben aus unterschiedlichsten Gründen negative Bindungserfahrungen machen müssen, bis hin zur Entwicklungstraumatisierung. Dies alles wirkt sich im Verhalten aus: Die Kinder sind zum Beispiel distanzlos oder misstrauisch, unruhig oder apathisch anmutend, schlafen schlecht, reagieren übermäßig trotzig, weinen oft oder werden wütend und Ähnliches. Dies alles resultiert aus der Verletzung von Grundbedürfnissen wie dem Bedürfnis nach sicherer Bindung, nach Kontrolle und Orientierung, nach Selbstwerterhöhung und nach Lustgewinn beziehungsweise Unlustvermeidung.

In der Therapie bieten wir diesen Kindern vor allem positive Bindungserfahrungen, begleitet beispielsweise von altersentsprechenden Vorlese- und Anschaumaterialien, in denen es darum geht, dass Kinder richtig sind, wie sie sind, dass sie gemocht und gewollt sind, dass sie schon vieles können. Kleine gemeinsame „Spiel“-Handlungen begleiten in diesem jungen Alter die Behandlung eher und stehen nicht so sehr im Zentrum wie bei älteren Kindern das komplexe Rollenspiel.

Zentral: die Bezugspersonenarbeit

Hohen Stellenwert hat indessen in der Therapie mit Kleinkindern die Bezugspersonenarbeit. Diese können aktiv einbezogen werden, etwa an einzelnen Therapiestunden teilnehmen. Sie lernen kindbezogene Empathie und erfahren, wie sie alternativ mit dem Kind umgehen können. Oder es werden Hausbesuche vereinbart oder aber die Bezugspersonen erstellen ein Video mit besonders eindrücklichen Situationen. So ist es möglich, konkrete Anleitung im Bindungs- und Erziehungsverhalten zu geben, sodass die Bindungsdefizite beim Kind in kleinen – oft kleinsten – Schritten zu Hause aufgefangen werden können. Gearbeitet wird also nicht allein mit dem Kind, sondern vielmehr intensiv mit den Menschen, die für das Kind erzieherisch verantwortlich sind. Dies kann in einzelnen Fällen sogar Schwerpunkt der Kindertherapie sein. Viel Engagement liegt also bei den Bezugspersonen, die das in der Therapiestunde oder von der Therapeutin Erfahrene im häuslichen Rahmen konsequent umsetzen müssen. Ohne diese wichtige Co-Therapeuten-Funktion der Erziehenden kann eine Therapie mit jungen Kindern kaum erfolgreich sein.

Für Familien mit ganz jungen psychisch beschädigten Kindern gibt es spezielle Kurse zur Schulung im Bindungsverhalten (SAFE oder BASE). Sie fördern die Feinfühligkeit und Empathie der Erwachsenen in Abhängigkeit vom Kind. Die Erziehenden erhalten Anleitung im Umgang mit dem speziellen Verhalten ihres Babys oder Kleinstkindes. Auch Mitarbeitende in Schreiambulanzen sind diesbezüglich speziell geschult, sodass die ganz Kleinen außerhalb der klassischen Kinderpsychotherapie gut aufgehoben sind. Eine Intensiv-Therapie ist stationär möglich; hier bieten einzelne Kliniken speziell für früh und schwer traumatisierte Kinder das sogenannte MOSES-Therapiemodell an, das auf Bindungsarbeit fußt.

Literatur


Schneider, W.; Lindenberger, U. (Hrsg.) (2018): Entwicklungspsychologie. Weinheim: Beltz Verlag.
Höfer, S. (2016): Spieltherapie – Das geleitete individuelle Spiel in der Verhaltenstherapie. Weinheim: Beltz Verlag.
Brisch, K.-H. (2021): Bindung und psychische Störungen: Ursachen, Behandlung und Prävention. Stuttgart: Klett-Cotta.
Brisch, K.-H.(2014): Säuglings- und Kleinkindalter: Bindungspsychotherapie. Stuttgart: Klett-Cotta.

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