Positionspapier des Didacta-Verbandes zum Sondervermögen des Bundes „Infrastruktur und Klimaneutralität“

Wer Bildung ernst meint, spielt Kitas und Hochschulen nicht gegeneinander aus!

1. Einordnung und Anspruch

Das Sondervermögen des Bundes „Infrastruktur und Klimaneutralität“ ist mehr als ein konjunkturpolitisches Instrument. Es markiert die Weichenstellung für Deutschlands Souveränität im 21. Jahrhundert. Als Verband der Bildungswirtschaft, der rund 240 Bildungsunternehmen, Verlage, Schul- und Kita-Ausstatter, Kita-Träger, Softwareanbieter und Stiftungen in seinen Reihen vereint, betont der Didacta-Verband: Investitionen in eine klimaneutrale, klimaresiliente und digitale Infrastruktur brauchen wir aktuell besonders am Anfang der Bildungskette.

Dass die im aktuellen Koalitionsvertrag der Bundesregierung angekündigten Mittel für den Neubau, Ausbau, Sanierung und Modernisierung in der frühen Bildung jetzt zwischen Kitas und Hochschulen aufgeteilt werden sollen, ist deshalb irritierend. Es ist unfair, beide Bildungsbereiche auf diese Weise in Konkurrenz um knappe Mittel zu bringen. Wir appellieren an die Bildungs-, Familien- und Finanzpolitikerinnen und -politiker in Bund und Ländern: Investieren Sie die Mittel vor allem dort, wo sie große Hebelwirkungen erzielen und möglichst vielen Menschen im Bildungssystem nachhaltig zugutekommen: Am Anfang der Bildungskette in unseren Krippen, Kitas und Kindergärten.

2. Frühe Bildung ist die Primär-Infrastruktur unserer Gesellschaft.

Gerade die frühe Bildung steht mit Blick auf Sanierungs- und Digitalisierungsnotwendigkeiten aktuell vor großen Problemen: So viel wurde hier in den letzten Jahren verschoben, vertagt und verzögert, dass der Sanierungsstau und der Digitalisierungsrückstand in vielen Kitas unseres Landes aktuell gewaltig sind. Hinzu kommen neue Herausforderungen, weil die Einrichtungen in Klimaneutralität und Klimafolgenanpassung investieren müssen.

Dass in den vergangenen Jahren ausgerechnet am Anfang der Bildungskette so sehr gespart wurde, ist mehr als unverständlich. Die frühkindliche Bildung nimmt strategisch eine besonders wichtige Rolle ein: Sie ist das Fundament für erfolgreiche Bildungsbiografien, der Schlüssel zu mehr Chancengerechtigkeit und der Bereich mit der höchsten gesamtgesellschaftlichen Rendite. Jeder hier investierte Euro macht sich vielfach bezahlt.

3. Frühkindliche Bildung als Hochrendite-Investition

Die internationale Bildungs- und Wirtschaftsforschung ist in diesem Punkt eindeutig. Langzeitstudien, insbesondere aus den USA und Europa, zeigen übereinstimmend, dass Investitionen in qualitativ hochwertige frühkindliche Bildung zu den wirksamsten staatlichen Ausgaben gehören. Der Nobelpreisträger James J. Heckman konnte nachweisen, dass die jährliche gesellschaftliche Rendite solcher Investitionen bei sieben bis zehn Prozent liegt1. Diese Rendite ergibt sich aus einer Kombination höherer Bildungsabschlüsse, besserer Erwerbsbiografien, geringerer Sozial- und Gesundheitskosten sowie höherer Innovations- und Produktivitätsraten.

OECD-Analysen bestätigen diese Ergebnisse für europäische Bildungssysteme2: Je früher qualitativ hochwertig investiert wird, desto größer ist der langfristige Effekt auf wirtschaftliches Wachstum, soziale Kohäsion und fiskalische Nachhaltigkeit. Spätere kompensatorische Maßnahmen – etwa im Schul- oder Übergangssystem – sind demgegenüber deutlich kostenintensiver und weniger wirksam.

Investitionen in frühkindliche Bildung sind damit nicht nur sozialpolitisch geboten, damit jedes Kind bestmöglich gefördert werden kann, sondern sind fiskalisch rational.

Für Deutschland bedeutet dies konkret: Jeder Euro, der heute in die Kita-Qualität fließt, spart ein Vielfaches an zukünftigen Transferleistungen und Qualifizierungskosten. Das Sondervermögen muss daher dem Prinzip der „Rendite-Maximierung durch Frühinvestition“ folgen.

3. Investitionsschwerpunkte aus Sicht der Bildungswirtschaft

Ein wirkungsorientierter Einsatz der Mittel aus dem Sondervermögen erfordert klare Prioritäten. Wir fordern:

·        Deutschland muss in eine flächendeckende, zukunftsfähige digitale Infrastruktur in allen Kindertageseinrichtungen investieren: Medienkompetenzvermittlung und Medienmündigkeit beginnen nicht erst in der Schule. Sie beginnen mit altersangemessenen, pädagogisch verantworteten digitalen Umgebungen, die Fachkräfte entlasten, Dokumentation und Erhebungsverfahren erleichtern, Inklusion ermöglichen, Kommunikation verbessern und Bildungsprozesse unterstützen. Die Bildungswirtschaft verfügt hier über erprobte Lösungen, die skaliert und systematisch eingebunden werden können.

·        Deutschland muss in baulich hochwertige Kita-Räumlichkeiten investieren, damit dort bestmögliche Bildungsarbeit geleistet werden kann: Durch nachhaltige Sanierung, moderne Bauweise sowie qualitativ hochwertige, inklusive und pädagogisch durchdachte Raumkonzepte (Lernraum als ‚dritter Pädagoge‘) senken wir dauerhaft die Betriebskosten und schaffen Räume, die Resilienz und ökologische Bildung erlebbar machen und Zugänge für alle Kinder bieten.

·        Deutschland braucht klimaneutrale Kitas, die auch für Klimawandelfolgen gewappnet sind: Die mehr als 60.000 Kitas in Deutschland können einen großen Beitrag für die Klimaneutralität unseres Landes leisten. Auch sie müssen in den kommenden Jahren auf CO2-neutrale Heizlösungen und erneuerbare Energiegewinnung umrüsten. Für die Sommermonate müssen sie sich bereits jetzt gegen die Folgen des Klimawandels wappnen – damit auch in Hitzesommern Kinder in den Einrichtungen betreut und Außenbereiche genutzt werden können.

·        Deutschland braucht neben guter Infrastruktur auch Kompetenz: Investitionen in Infrastruktur ohne parallele Investitionen in entsprechende Kompetenzentwicklung der pädagogischen Fachkräfte bleiben wirkungslos – denn moderne, zukunftsorientierte Technologien und Räumlichkeiten bringen neue Aufgaben mit sich. Notwendig sind in diesem Zusammenhang bundesweit anschlussfähige Programme, die digitale, sprachliche und naturwissenschaftliche Bildung in der frühen Kindheit systematisch stärken.

4. Die Bildungswirtschaft muss als Innovationspartner eingebunden werden

Die im Didacta-Verband organisierten Unternehmen sind keine bloßen Lieferanten für Produkte und Dienstleistungen, sondern Verbündete für die Transformation: Mit hoher Innovationsgeschwindigkeit entwickeln sie didaktisch und wissenschaftlich fundierte Lösungen, die den Transfer von der Forschung in die Praxis beschleunigen. Ein effektiver Abruf der Mittel aus dem Sondervermögen erfordert transparente, qualitätsorientierte Vergabeverfahren und eine enge Verzahnung von öffentlicher Hand und privater Innovationskraft.

Die Bildungswirtschaft bietet qualitativ hochwertige Lösungen bei tiefgehender Kenntnis des Marktes und der Bedarfe in der Frühen Bildung. Der Didacta-Verband und seine Mitgliedsunternehmen freuen sich auf den Dialog mit Verantwortlichen in Politik und Verwaltung.

Fazit

Frühkindliche Bildung ist kein Kostenfaktor, sondern die produktivste Investition des Staates. Frühkindliche Bildung ist der erste und ein sehr entscheidender Faktor in der Bildungsbiografie von Menschen und bedarf daher eines besonderen Maßes an Aufmerksamkeit.

Infrastruktur, Digitalisierung, Klimaneutralität und Klimaanpassung sind ein grundlegender Bestandteil moderner Bildungsinvestitionen. Kindertageseinrichtungen sind langlebige Bildungsorte. Wer hier in moderne Technologien sowie in energieeffiziente, klimaresiliente Gebäude und nachhaltige Materialien investiert, senkt dauerhaft Betriebskosten, erhöht die Aufenthalts- und Bildungsqualität und schafft Planungssicherheit für die Bildungswirtschaft. Klimaneutrale Kita-Gebäude sind daher sowohl ökologisch als auch ökonomisch sinnvoll – und ermöglichen alltagsintegrierte Bildung für nachhaltige Entwicklung für unsere Jüngsten.

Ergänzend sichern gezielte Investitionen in die Kompetenzentwicklung und -stärkung – insbesondere in den Bereichen Sprachbildung, Übergang Kita-Schule, MINT und BNE – eine langfristige Wirksamkeit von Infrastruktur- und Klimaneutralitätsmaßnahmen.

Unser Appell an die Verantwortlichen in Bund und Ländern: Früh investieren bedeutet, nachhaltig zu wirken. Das Sondervermögen ist die Chance, Deutschland vom Fundament her zu erneuern. Sichern Sie die versprochenen Mittel in voller Höhe für die frühe Bildung!

1 Heckman, J.J., Pinto, R. und Savelyev, P. (2013): Understanding the Mechanisms through Which an Influential Early Childhood Program Boosted Adult Outcomes. American Economic Review 103(6), S. 2052-2086.

2 https://www.fruehe-chancen.de/news/detail/oecd-studie-zu-frueher-bildung-deutsche-ergebnisse-von-talis-starting-strong-2024-vorgestellt

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