11.01.2022
Ulrike Lindner
Tetiana Lazunova / GettyImages

„Wie ist das eigentlich?“

In dieser Kolumne beantwortet Ulrike Lindner, Expertin in der Zusammenarbeit mit Kita-Eltern, Ihre Fragen zur Erziehungspartnerschaft  zwischen Eltern und pädagogischen Fachkräften in der Kita.

Diesmal: Tür- und Angel-Gespräche

Ich bin schon seit mehreren Jah­ren im Beruf und fühle mich im Umgang mit Kindern und Eltern eigentlich fit. Vor einigen Tagen hatte ich aber eine Situation, die mich an meine Grenzen geführt hat. Beim Ab­holen ergab sich ein Tür- und Angel-Ge­spräch mit einer Mutter. Sie hat mich an­gesprochen und sprach zuerst über ihren Sohn und dann über andere Kinder. Sie sagte, dass die anderen Kinder ihren Sohn regelmäßig nicht mitspielen lassen. Da es Abholzeit war, kamen nach und nach andere Eltern hinzu. Zwei andere Mütter mischten sich in das Gespräch ein und wurden ziemlich aggressiv zu meiner Gesprächspartnerin. Ich stand hilflos da­neben. Wie kann ich diese Situation beim nächsten Mal besser lösen?“

Tür- und Angel-Gespräche

Tür- und Angel-Gespräche sind ei­ne fantastische Gelegenheit, um unkompliziert miteinander ins Ge­spräch zu kommen und kleinere Fragen sofort zu klären. Kein Termin­stress, keine Absprachen, kein langes Warten, das macht diese Gesprächs­form für Eltern und Erzieher:innen so beliebt. Zwischen Tür und Angel lässt sich vor allem Organisatorisches gut klären, auch für positive Rückmeldun­gen ist die Gesprächsform ideal. Oft bietet das Tür-und-Angel-Gespräch auch die Möglichkeit für ein paar Worte über den Familienalltag, den letzten Urlaub oder ähnliches. So wird bei die­sen Gelegenheiten auch viel Bezie­hungsarbeit geleistet – für die Kita ei­ne gute Möglichkeit, mit allen Eltern ins Gespräch und in einen Austausch zu kommen.

Der informelle Charakter von Tür-und- Angel-Gesprächen, der sie so herrlich unkompliziert macht, ist gleichzeitig ihr größtes Manko. Denn vertrauliche Inhalte und schwierige Themen, Kritik oder Konfliktgespräche haben auf dem Kita-Flur zwischen Anoraks, Gummi­stiefeln und herumwuselnden Kindern nichts verloren. Es ist ein großer Unter­schied, ob wir besprechen, dass die Wechselkleider von Jonas zu klein ge­worden sind und bald einmal ausge­tauscht werden sollten, oder ob es im Gespräch um die Angst der Mutter geht, ihr Sohn könnte gemobbt und ausgegrenzt werden. Leider lässt sich diese Grenze nicht immer so klar ziehen. Und manchmal verändert sich ein Gespräch, das ganz unverfänglich be­gonnen hat, vom lockeren Aus­tausch zu einer Beratungssi­tuation.

Genau das ist hier passiert: Die Unterhal­tung zwischen Mutter und Erzie­herin fand im „öffent­lichen Raum“ (dem Flur) statt, wo jederzeit andere Eltern und Kolleg:innen vorbeikommen konnten. Für all diese Personen ist natürlich nicht klar, ob es sich um ein „privates“, vertrauliches Beratungsgespräch oder um eine „öffentliche“ Unterhaltung handelt. In dieser Situation ist es nur verständlich, dass sich die anderen El­ternteile eingeschaltet haben, als sie gehört haben, dass es um die Gruppe bzw. ihre eigenen Kinder ging. Schwie­rigkeit eins war also der Rahmen der Unterhaltung, der plötzlich nicht mehr passte.

Die zweite Schwierigkeit betrifft den Inhalt. Beschwerden über (echtes oder vermeintliches) Fehlverhalten, Klagen über Streitereien in der Gruppe und vieles mehr sind an der Tagesordnung. Für solche Inhalte gilt: Sie werden bes­ser unter vier Augen als in der Gruppe besprochen und stellen das Kind, um das es geht, ins Zentrum – nicht die anderen.

Dass es, wie im ge­schilderten Fall, so weit kam, dass zwi­schen den Beteilig­ten ein regelrechter Streit ausbrach, machte die Situation noch schwieriger. Die Erzieherin befand sich plötzlich in der Rolle der Streitschlichterin in einer Auseinan­dersetzung zwischen wütenden Eltern.

Was hätte besser laufen können?

Größter Problempunkt war der falsche Ort. Sobald sich zeigt, dass ein Ge­spräch Beratungscharakter hat oder es um eine Beschwerde, ein Problem oder einen Konflikt geht, ist eine ruhige und geplante Gesprächssituation ange­bracht. In dem Fall sollte die/der Erzieher:in am besten sofort vorschla­gen, das Gespräch zu einem anderen Zeitpunkt oder – wenn es möglich ist – auch gleich an einem anderen Ort fortzuführen.

Wie lässt sich mit Beschwerden umgehen?

Beschwerden über andere Kinder, Fa­milien, Erzieher:innen, das Küchenteam oder weitere Beteiligte im Kosmos Kita sind nichts Ungewöhnliches. Im Bera­tungsgespräch gelingt es leichter als in der Gruppe, den Blick der Eltern auf das eigene Kind und dessen Situation zu lenken und nach Lösungen zu suchen. Spekulationen oder gar vertrauliche In­formationen über andere Familien soll­ten im Elterngespräch dagegen kein Thema sein.

Wie im Streitfall reagieren?

Wenn es doch einmal zum Streit zwi­schen Eltern kommt, ergreifen Sie auf keinen Fall Partei, sondern bleiben ru­hig und neutral. In der geschilderten Situation zum Beispiel so: „Ich möchte das Gespräch hier abbrechen. Mit ge­genseitigen Anschuldigungen kommen wir an dieser Stelle nicht weiter. Ich stehe für jede:n von Ihnen gern für ein Gespräch zur Verfügung, um Ihre Anlie­gen zu klären. Wie wäre es zum Bei­spiel gleich morgen (nächste Woche oder am Freitag)?“ Möglich ist auch ein moderiertes Gespräch mit mehreren Beteiligten, zu dem eventuell auch eine weitere Kollegin oder ein weiterer Kol­lege hinzugezogen wird – jedoch nicht zwischen „Tür und Angel“.

Ulrike Lindner, Diplom-Kommunikationswirtin und Fachbuch-Autorin. Sie bietet Fortbildungen und Studientage für Kita-Teams an und hat meh­rere Bücher über Gesprächsführung, Eltern- und Öffentlichkeitsarbeit veröffentlicht.

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