28.10.2020
Barbara Leitner
Keep It 100 / GettyImages

Mit Gelassenheit in die Ruhezeit! - Den Mittagsschlaf entspannt gestalten: Eindrücke aus einer Kita

Alle Menschen kennen das Bedürfnis nach Ruhe und Entspannung. Zugleich ist Schlafen immer etwas sehr Individuelles. Schon bei der Geburt bekommt das Nervensystem eine besondere Prägung, wann, wie und wie lange jemand am liebsten ruht und schläft. Und so sucht auch jedes Kind in der Krippe nach seinem eigenen Weg, zu Ruhe und Entspannung im Kita-Alltag zu finden. Die Autorin hat eine Kita besucht, die den Kindern diesen Weg ermöglicht.

Paul ist das erste Kind, das morgens um sechs Uhr in die Nestgruppe von Ulrike Schoenrock kommt. „Oft sagt seine Mama, dass ihr Sohn bereits seit zwei Stunden aktiv sei“, berichtet die Erzieherin aus der Fipp.ev-Kita „Kleine Weltentdecker“ in Berlin. Noch bevor die anderen Kinder frühstücken, schläft der Anderthalbjährige noch einmal ein. Geschützt vorm Trubel der Kindergruppe steht im zweiten Gruppenraum ein Gitterbett. Dort legt die Erzieherin den Jungen am Morgen nochmal für ein Nickerchen von etwa 30 Minuten hin. Bei seinen Überlegungen zum Ruhen und Entspannen lässt sich das Kita-Team – wie bei allen anderen Fragen auch – von den Kinderrechten leiten. „Die Kinder entscheiden selbst, ob und wann sie schlafen“, heißt es dementsprechend in der Kinderverfassung, die die 35 Erzieherinnen und Erzieher der Kita aus Berlin-Kaulsdorf gemeinsam erarbeitet haben. Weiter legten sie gemeinsam fest: „Die pädagogischen Fachkräfte haben nicht das Recht, Kinder zum Schlafen zu zwingen.“ Aber sie wollen den Kindern ermöglichen, sich zu entspannen und zu ruhen. Kinder brauchen ausreichend Schlaf, um ihre Umgebung konzentriert aufnehmen zu können und nicht leicht frustriert zu werden. Dafür zu sorgen liegt in der Verantwortung der pädagogischen Fachkräfte. Sie wissen, dass Kinder schneller nörgeln und unzufrieden sind, wenn sie nicht ausreichend zur Ruhe kommen.

Das Schlafbedürfnis ist bei kleinen Kindern sehr unterschiedlich

Gerade Kinder im frühen Kindesalter brauchen mehr Schlaf, damit ihr Gehirn die Vielzahl von neuen Eindrücken in der erst langsam vertrauten Umgebung verarbeiten kann. Durch die Ruhephase werden wichtige Informationen im Hirn synaptisch verknüpft und andere gelöscht. Einem Kind solche Pausen vorzuenthalten kann zu Entwicklungsverzögerungen führen, auch Aufmerksamkeitsstörungen verursachen. Dabei fanden Schlafforscher heraus, dass die Differenz für den Schlafbedarf bei Kindern in den ersten drei Lebensjahren bis zu fünf Stunden betragen kann. Wo das eine Kind zu früh aufgefordert wird, sich hinzulegen, gelingt es einem anderen nicht mehr, wach zu bleiben. Wird ein Schlaffenster übersprungen, stellen sich die Kinder wieder auf Wachsein ein. Das führt dazu, dass die Mädchen und Jungen in der geplanten Schlafsituation nicht zur Ruhe finden. Um diesen individuell sehr verschiedenen Schlafbedürfnissen auch in der Gruppe gerecht zu werden, gibt es in der Kita Kleine Weltentdecker eine ausgedehnte Ruhephase in der Mittagszeit. „Die läuft nach einem festen Ritual“, unterstreicht Ulrike Schoenrock. Das beginnt mit dem Mittagessen. Die 15 Kinder ihrer Nestgruppe essen in zwei Phasen – je nachdem, wie fit die Kinder zwischen ein und drei Jahren mittags jeweils noch sind. Unter den Kindern der Nestgruppe gibt es einige, die sich schon vor 11 Uhr die Augen reiben oder die zwischendurch mal kurz auf dem Teppich ruhen. Diese Kinder müssen schnell ins Bett und essen deshalb in der ersten Gruppe gegen etwa 11 Uhr.

Jedes Kind wird individuell in die Mittagsruhe begleitet

Kinder im dritten Lebensjahr halten schon länger durch und manche von ihnen brauchen den Mittagsschlaf auch nicht mehr so dringend. Diese Kinder essen in einer zweiten Gruppe später. „Wichtig ist uns vor allem, den Übergang in die Mittagsruhe für die Kinder so angenehm und entspannt wie möglich zu gestalten“, betont Ulrike Schoenrock. Das verlangt eine gute Abstimmung zwischen den drei Erzieherinnen der Gruppe. Sie organisieren sich so, dass jedes Kind nach dem Essen einen intensiven Beziehungsmoment erlebt. In diesem Herangehen lassen sich die Fachkräfte von der Pikler-Pädagogik leiten. Emmi Pikler lehrte, wie nährend es für ein Kind ist, wenn seine Bezugserzieherin auch bei Routinetätigkeiten achtsam und zugewandt in ihrem Tun ist. Entsprechend individuell kümmert sich jeweils eine Erzieherin um ein Kind bei der Vorbereitung des Schlafens: Eine von ihnen fragt, wer gern mit ihr ins Bad kommen will; lädt das jeweilige Kind ein, allein auf die Wickelkommode zu klettern; schaut, was es beim Windel- und Kleidungswechsel alleine kann; würdigt jeden Schritt, nimmt sich auch Zeit für Fingerspiele und Reime und ist mit Freude und Gelassenheit dabei. So ein „besonderer Moment“ kann bis zu zehn Minuten dauern. Die anderen Mädchen und Jungen sind unterdessen in der Obhut der anderen beiden Kolleginnen. „Für uns ist nicht wichtig, dass die Kinder Punkt 12 oder 12:15 Uhr auf ihren Matten liegen“, erklärt die erfahrene Krippenerzieherin weiter. Die Schlafzeit darf sich ruhig verschieben. „Vielmehr achten wir darauf, dass wir als Erwachsene nicht in Stress geraten. Wenn wir in Ruhe mit ihnen sind, finden auch die Kinder einen entspannten Übergang in den Schlaf.“ Ihre Gelassenheit, davon ist die Erzieherin überzeugt, überträgt sich auf die Kinder. Gleichzeitig brauchen die Jüngsten jedoch auch die eindeutige Struktur: Dass es einen klaren Ablauf für die Mittagssituation gibt, der sich Tag für Tag wiederholt. „Die Kinder können sich darauf verlassen, was der Reihe nach geschieht. Das vermittelt ihnen Vertrauen“, erklärt die Erzieherin.

Jedes Kind hat eigene Einschlafgewohnheiten

Bei den Kleinen Weltentdeckern wird in der Mittagszeit der Bewegungsraum in einen Schlafraum verwandelt. Die Erzieherinnen legen die Matten auf dem Boden aus. Jalousien vor den Fenstern dunkeln den Raum ein wenig ab. Von einer CD erklingt ruhige klassische Musik oder eine Erzieherin singt leise ein Lied. Jene Kinder, die nach dem Wickeln bereits ihren Schlafanzug anhaben, holen sich oft selbst ihre Decke und ihr Kuscheltier aus dem Fach und sind bereit, sich hinzulegen. Andere legen sich hin, um gleich darauf noch einmal aufzustehen. „Oft genügt es, dass wir sie ruhig an die Hand nehmen, wieder zu ihrer Matte führen und fragen, ob wir sie zudecken dürfen“, erklärt Ulrike Schoenrock den täglichen Ablauf. Selbst Dinge entscheiden zu dürfen, unterstützt die Kinder, ins Schlafen zu kommen, haben die Erzieherinnen entdeckt. Sie nutzen auch die Zeit der Eingewöhnung, um die Eltern nach dem Schlafrhythmus und den Gewohnheiten der Kinder zu fragen. Eines will etwas mehr für sich sein, ein anderes mehr Nähe mit anderen erleben. Manches Kind braucht ein besonderes Kuscheltier oder ein Tuch mit dem Geruch der Eltern. Solche Besonderheiten greifen die Erzieherinnen auf. Ein Kind spielte eine Weile mechanisch am Rad einer Spieluhr, weil es das so gewohnt war. Andere brauchen, dass die Erzieherinnen an ihrem Bett sitzen und es streicheln. „Oft dauert es nur ein paar Minuten und dann schlafen die Kinder tief und fest.“

Jedes Kind darf so lange schlafen, wie es das braucht Spätestens gegen 14:45 Uhr werden in der Nestgruppe der Kleinen Weltentdecker die Jalousien wieder aufgezogen. Das ist auch für die letzten Kinder das sanfte Signal, wach zu werden. „Manche schlafen tatsächlich fast drei Stunden und brauchen das offensichtlich“, meint die Erzieherin. Die zweijährige Luise beispielsweise schläft jeden Tag von halb zwölf bis kurz vor drei. Die Mehrzahl der Kinder jedoch spielt zu diesem Zeitpunkt längst wieder im benachbarten Gruppenraum. Immer wieder passiert es, dass sogenannte Kurzschläfer unter den Kindern sind, die nach einer halben Stunde Ruhen bereits wach sind und wieder spielen und turnen wollen. Die Forschung geht davon aus, dass etwa jedes siebente Kind bei den Zweijährigen mittags keinen Schlaf mehr braucht. Tatsächlich gibt es auch bei den Kleinen Weltentdeckern viele andere Möglichkeiten, im Tagesverlauf zu entspannen. Der Raum ist mit Teppich ausgelegt. An verschiedenen Stellen liegen Matten. In der Ecke steht ein Sofa. Auch da können die Kinder zwischendurch ruhen. „Außerdem schauen wir oft mit den Kindern Bücher an. Auch das sind Ruhephasen“, meint Ulrike Schoenrock.

Barbara Leitner ist Journalistin, Prozessbegleiterin und Coach.

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