02.07.2019
Martina Teschner, Herbert Vogt; TPS 01/18
Oser

TPS 01/18: „Hau ab, du stinkst!“ Wenn Kinder ungewaschen sind

Das kommt vor: Ein Kind ist schmutzig und riecht so stark, dass es von den anderen Kindern gemieden wird. Und nun? In unserer neuen Kolumne betrachten wir häufige, nicht leicht lösbare Alltagssituationen in Kitas. Die Redaktion freut sich, wenn Sie uns von eigenen Erfahrungen und Ideen berichten!

Eine nicht leicht lösbare Alltagssituation in der Kita

Larissa ist neu in der Kita. Als sie gebracht wird, läuft sie von der Garderobe gleich in den Gruppenraum, wo ihre Erzieherin Bärbel am Frühstückstisch sitzt. Dann schmust sie sich an ihre Seite, winkt der Mama und umfasst mit beiden Armen Bärbel um die Taille. Bärbel macht sich behutsam frei und steht auf, um noch Äpfel zu holen. Larissa läuft zur Puppenecke, wo Betül, Emil und Chiara spielen. Plötzlich hört Bärbel: „Hau ab, du stinkst!“ Da fällt ihr auf, dass auch sie den scharfen Geruch nach Urin bei Larissa wahrgenommen hatte. Sie hatte unbewusst die Gelegenheit genutzt, den Kontakt zu unterbrechen. Dabei hätte sie die Umarmung einer wohlriechenden Larissa bestimmt feinfühliger beantwortet. Und nun wird Larissa auch von anderen Kindern abgelehnt. Das soll nicht so bleiben.

Wer spielt mit:

Die Erzieherin Bärbel: Sie weiß, dass Kinder auch körperliche Nähe brauchen. Sie möchte den Geruch meiden. Sie sieht, dass auch andere Kinder ablehnend reagieren. Sie möchte, dass Larissa alles bekommt, was sie braucht. Die Kinder Betül und Chiara: Sie möchten den Geruch meiden. Sie äußern ihr Unbehagen. Larissa: Sie sucht körperliche Nähe zu Bärbel. Sie geht auf andere Kinder zu und möchte mitspielen. Larissas Mama: Sie bringt ihr Kind morgens ungewaschen in die Kita.

Zum Reflektieren:

Kinder lernen schon ab früher Kindheit soziale Regeln, die zu ihrer Kultur gehören, von Erwachsenen und von anderen Kindern. Dies kann explizit geschehen, wenn etwa Eltern ihr Kind auffordern, vor dem Essen die Hände zu waschen, oder Kinder andere warnen: „Du darfst nicht beißen!“ Viele Regeln vermitteln sich indirekt durch das Vorbild der Erwachsenen, welches die Kinder beobachten. Dabei werden mit Regelinhalten auch Bewertungen von Regelverstößen bzw. -einhaltung weitergegeben. In unserem Beispiel hieße das, dass die Kinder um Larissa nicht nur wissen, dass man sich wäscht, sondern Larissa auch wegen des Regelverstoßes als unangenehme Spielpartnerin ausgrenzen. Für die Erzieherin ergibt sich eine mehrfache Problematik. Ihr ist Larissas Ungepflegtheit persönlich unangenehm, sie vermeidet die Nähe. Zum anderen will sie eine Stigmatisierung und Ausgrenzung von Larissa verhindern. Sie fragt sich also einerseits, wie sie Larissa persönlich begegnen und wie sie andererseits das Problem in der Gruppe behandeln soll. Außerdem fragt sie sich, ob und wie sie das Problem Larissas Eltern gegenüber ansprechen soll. Wir haben es mit Wertekonflikten zu tun. Auf das Kind bezogen steht der soziokulturellen Norm einer gewissen Reinlichkeit und die Peinlichkeit der Thematisierung des Problems gegenüber. Mit Blick auf die Kindergruppe sieht die Fachkraft ihre Aufgabe, sozial-integrativ zu wirken, aber fühlt andererseits mit, dass eine unangenehm riechende Spielpartnerin unzumutbar ist. In Bezug auf die Mutter sieht sie diese in der Verantwortung, befürchtet aber eine Beziehungsstörung oder gar Kontaktabbruch. Sie kann weder das Problem ignorieren noch einfach lösen. Dies ist der entscheidende Punkt: Das Problem ist da, und das Dilemma gilt es als solches anzuerkennen. Das ist der erste Schritt des Lösungswegs.

Auf Lösungssuche:

Im Gespräch vereinbaren Bärbel und die Leiterin, das Thema mit in die Teamsitzung zu nehmen. Solche Fallbesprechungen werden dort mit dem Methodenkoffer der kollegialen Beratung angegangen. Bärbel erzählt die Geschichte mit Larissa und formuliert die Frage an die anderen: Wie kann ich Larissa helfen? Das Team macht ein Brainstorming. Alles, was gesagt wird, wird am Flip Chart aufgeschrieben. Ganz unterschiedliche Wege gehen die Gedanken: Sarah, Bärbels Kollegin, erinnert sich: „Puh, ich hatte auch so eine Mitschülerin, da hat meine Mutter gesagt, die trocknen ihre Kleidung vielleicht im Stall, ich soll Verständnis haben.“ – „Fürs Waschen und frische Kleidung sind die Eltern zuständig, das muss man der Mutter sagen.“ – „Stellt euch mal vor, wir würden einfach alle mit Parfüm einsprühen.“ – Alle lachen. Dann erzählt Elisabeth: „Früher haben wir in der Kita-Küche eine Badebütt gehabt.“ Daraufhin fällt Renate ein, dass Larissa doch ab und zu zum Schwimmen mitgehen könnte, das wöchentlich angeboten wird. Jetzt klinkt sich Sarah nochmals ein: „Wir haben doch eine Wanne im Waschraum, wo wir manchmal plantschen. Wir könnten doch Larissa morgens plantschen lassen.“ Das Brainstorming endet mit drei vollgeschriebenen Blättern. Nun ist Bärbel an der Reihe, sie wählt den Gedanken „Die Eltern konnten gar nicht anders, die hatten ja keine Badezimmer“, als bedeutsam für sich aus. Es hilft ihr, die Mutter nicht mehr zu abzuwerten, die Larissa so stinkend in der Kita abgibt. Die Idee, „Larissa plantschen lassen“ findet sie gut, das ist ein Angebot, das sie sonst auch gern bereitstellt, gerade zu Beginn des Kindergartenjahres für die Kleinen. Sie möchte der Mutter von diesem Angebot erzählen und so einen Weg anbahnen. Außerdem möchte sie gleich drei Kinder zum Plantschen einladen, um Larissa nicht von der Gruppe zu trennen. Bärbel spricht Larissas Mutter morgens gleich auf die Plantsch-Aktion an. Die Mutter sagt direkt: „Da bin ich gespannt, sie schreit das ganze Haus zusammen, wenn ich sie duschen will. Ich hab’s aufgegeben.“ Bärbel ist verblüfft und erleichtert, die Mutter hat ja gute Gründe, Larissa nicht zu waschen! „Ach, wir schauen mal, wie es geht. Vielleicht hat sie Angst vor dem lauten Geräusch beim Duschen.“ In den nächsten Wochen nehmen viele Kinder mit Freude an dem Plantsch-Angebot teil. Larissa, die zunächst nur Bälle in die Wanne geworfen hat, wollte dann doch auch mal rein. Es gab Seifenblasenblubber und Experimente mit Öl auf dem Wasser. Larissa lernte dadurch immer mehr Kinder gut kennen, die mit ihr die Wanne teilten. Außerdem lernte sie, sich auszukleiden, ihre Kleidung geordnet abzulegen, sich selbstständig abzutrocknen und anzuziehen. „Wollen wir das mal deiner Mama zeigen, was du jetzt alles kannst?“ Mit Larissas Einverständnis wird die Mutter zur Plantsch-Aktion eingeladen. Auch zwei andere Kinder laden ihre Mütter ein. Die Eltern sind erstaunt, so etwas Alltägliches wie Baden hätten sie im Kindergarten nicht erwartet. Sie sehen aber, welchen Spaß ihre Kinder haben. Bärbel berichtet von wichtigen Sinneseindrücken, von der Überwindung von Ängsten und davon, dass die Selbstständigkeit den Kindern später auch ermöglicht, mit zum Schwimmen zu gehen, ein nächstes Abenteuer. Im Elterngespräch mit Larissas Mutter, das einige Wochen später stattfindet, fragt Bärbel nach, ob die Mutter inzwischen versucht hat, Larissa auch mal zu Hause zu baden. Die Mutter verneint, in der Wohnung ist nur eine Dusche. Bärbel schlägt vor, Larissa zunächst zu Hause einfach in der Duschwanne zu waschen. Sie verabreden, dass Larissa im Kindergarten die Dusche kennenlernen darf. Zum Abschied sagt die Mutter zu Bärbel: „Nun stinkt die Kleine auch nicht mehr so, das war mir schon peinlich!“ Bärbel kann darauf nichts entgegnen, aber im Nachhinein ist sie überrascht, wie leicht sich das Problem gelöst hat. Alle Kinder ihrer Gruppe haben profitiert. Sarah, Bärbels Kollegin, hat die Entscheidung von Bärbel mitgetragen. Sie selbst wäre einen anderen Weg gegangen. Sie hätte vielleicht die Mutter direkt angesprochen oder sich zunächst Rat bei der Fachberatung gesucht.

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