Plastikfreie Zone – Der Raum als pädagogisches Prinzip in der Waldorfpädagogik

Playmobil und Lego gibt es in Waldorfkindergärten nicht, dafür Tücher, Muscheln und Holzklötze. Doch nicht nur das Spielzeug ist in der plastikfreien Zone anders, auch die Räume strahlen eine besondere Atmosphäre aus. Wie diese zustande kommt, erklärt die Waldorferzieherin Susanne Altenried.

Text: Susanne Altenried, Bild: Susanne Altenried, Karl-Dietrich Wilske

Wenn wir Eltern bei der Anmeldung ihres Kindes in unserer Waldorf-Kita nach dem Grund ihrer Wahl fragen, hören wir oft, dass es der erste Eindruck beim Betreten der Räumlichkeiten war, der die Entscheidung herbeigeführt hat. Natürlich sind bei der Wahl für eine Kindertagesstätte meist die Konzeption und die Rahmenbedingungen ausschlaggebend.
Doch bei Eltern, die sich für eine Waldorfeinrichtung entscheiden, kommen die Gestaltung und die Atmosphäre der Räumlichkeiten meist als wichtige Kriterien hinzu.

Räume und Farben vermitteln Geborgenheit

Neben den charakteristischen Merkmalen wie das praktische Umgehen mit Rhythmus und Wiederholung, dem Prinzip von Vorbild und Nachahmung sowie der Beziehungsgestaltung mit festen Bezugserzieherinnen und -erziehern, ist die Ausstattung und Gestaltung der Räumlichkeiten ein zentrales Charakteristikum der Waldorfpädagogik.
Sie ist von dem Gedanken getragen, dass sich die Umgebung des Kindes maßgeblich auf dessen Entwicklung auswirkt. Räume sollen Hülle und Geborgenheit vermitteln, um Kindern die Möglichkeit zugeben, sich „[…] spielend frei und selbstständig in die Welt hineinzustellen und sich mit ihr zu verbinden.“¹

Im Waldorfkindergarten gibt es in der Regel feste Kindergruppen, die in „ihrem“ Raum leben. Dies gibt den Kindern Sicherheit und Orientierung. Waldorfeinrichtungen sind bereits von außen an ihrer besonderen Architektur zu erkennen. Die organischen Formen sind als ein typisches Merkmal der Waldorfkindergärten und -schulen bekannt.
Die Farbgebung ist harmonisch, sanft und niemals schreiend. So wie es in der Natur keine vollkommen gleichmäßige Färbung gibt, sind die Wandfarben häufig in verschiedenen Farbnuancen und Farbübergängen lasiert, meist in zarten Rosa- und Gelbtönen, um eine warme Hülle gebende Wirkung zu erzielen. Die lebendige Wirkung der Wandgestaltung wirkt sich zudem positiv auf die Fantasiekräfte der Kinder aus.

Spielen, leben und arbeiten im gleichen Raum

Im Waldorfkindergarten sind die verschiedenen Bereiche des Lebens bewusst nicht voneinander getrennt. Die Kinder haben ihren Gruppenraum, der in verschiedene Bereiche untergliedert ist. Es gibt zum Beispiel eine Bauecke, eine Puppenecke, eine Werkbank zum Arbeiten mit Holz, vielleicht noch einen Kaufladen.

Jeder Waldorfkindergarten und jede Waldorfkrippe trägt die individuelle“Handschrift“ der dort tätigen Pädagoginnen und Pädagogen. In der Krippe stehen die Bewegungsentwicklung und die Pflege im Zentrum. So wird die Ausstattung, unter der Gewährleistung von Sicherheit und Überschaubarkeit, hauptsächlich unter dem Gesichtspunkt der freien und anregenden Bewegungsmöglichkeiten und Exploration für die Kinder konzipiert sein.

Im Kindergarten sind Spielen, Leben und Arbeiten keine getrennten Bereiche. Die Kinder sollen je nach räumlichen Möglichkeiten und Gegebenheiten die Gelegenheit haben, während der Freispielzeit unmittelbar mitzuerleben, wie zum Beispiel die Erzieherin ein Apfelmus kocht, den gebrochenen Holzzaun aus Astholz leimt oder eine Mütze für die Puppen strickt.

Dies regt Kinder an – nach dem pädagogischen Grundprinzip in der Waldorfpädagogik „Vorbild und Nachahmung“ – selbst tätig zu werden.

Im Garten wird nicht nur geklettert, dort gibt es auch Beete

Die Jahreszeiten und den Wandel der Natur im Laufe eines Jahres mitzuerleben, ist ein charakteristisches Merkmal der Waldorfpädagogik für Kinder im ersten Jahrsiebt (s. Info „Entwicklungsphasen des Kindes“). Auf räumlicher Ebene spiegelt sich das in der wechselnden Gestaltung des Jahreszeitentisches und der farblichen Akzente im Raum wieder.
Hier können die Kinder die Vorgänge in der Natur und die Jahresfeste wie Ostern, Weihnachten, Erntezeit usw. unmittelbar nachvollziehen und miterleben. Zu den pädagogischen Räumen in Kindergarten und Krippe zählen nicht nur Innenräume, sondern auch Außenanlagen, Garten, Natur und die regelmäßig stattfindenden Wandertage.
Nirgendwo können Kinder der Natur näherkommen als in der Natur selbst! So gehört die „Gartenzeit“ zum verbindlichen Bestandteil unseres Tagesablaufes. Der Garten ist ein wichtiger pädagogischer Raum, der zum Spielen, Bewegen, Klettern, Bauen und Pflanzen vielfältige Gelegenheiten bieten sollte.

Möbel und Spielzeuge lassen den Kindern viel „Spiel-Raum“

Die Möbel und Grundausstattung lassen dabei viel Spielraum: Mobile Spielständer,Tücher, Baubretter, Bänke, Stühle und Tische dürfen in das Spiel der Kinder miteinbezogen werden. Sokann Erlebtes und Erfahrenes im Spielzur Entfaltung kommen und verarbeitetwerden. In der Waldorfpädagogik sind das eigenaktive, selbstbestimmte Spiele und die fantasievolle, kreative Entfaltung unter reicher Sinneserfahrung ein zentrales Anliegen.

Dafür stehen Kindern ausreichend Spielmaterialien zur Verfügung. „Die innere Aktivität, die das Kind hervorbringen muss, um die wenig ausgestalteten Materialien von sich aus so zu ergänzen, dass sie in der Fantasie zu einem Ganzen werden, wirkt bildend und strukturierend auf seine Gehirnentwicklung.“² Waldorfspielzeuge und Waldorfpuppen haben sich zu einem Markenzeichen entwickelt, sodass es mittlerweile einen großen Markt an Anbietern gibt, die waldorftypische Spielzeuge und Materialien verkaufen.

Warum findet man in einem Waldorfkindergarten auf der ganzen Welt diese besonderen Spielmaterialien?

Ein Grund liegt sicher darin, dass sie eigentlich gar keine besonderen Spielmaterialien sind. Wenn wir in die Regale blicken, finden wir „Urmaterialien“ wie Muscheln, Steine, Wurzeln, Bauklötze aus verschiedenen Hölzern. Helmut von Kügelgen, der Gründer der Vereinigung der Waldorfkindergärten e. V., erklärt, warum „[…] im Waldorfkindergarten als ‚Spielzeug‘ viel Naturmaterialien und wenig ausgestaltetes oder technisches Spielzeug angeboten wird. Der Gesichtspunkt ist wohl deutlich: Es soll dem Kinde die Möglichkeit gegeben werden, innerlich durch seine Phantasie aktiv zu werden.“³

Naturmaterialien regen in besonderer Weise die Sinne und Fantasie des Kindes an, sie vermitteln zudem das Gefühl der Kohärenz und Authentizität: Gewicht, Geruch und Temperatur werden zu wahrhaftigen
Erlebnissen. Abschließend stellt sich vielleicht die Frage, wie man nun zu all diesen Materialien und Gestaltungselementen kommt.
So gut wie jede Waldorfkindertageseinrichtung geht auf das Engagement und die Initiative von Eltern zurück. Räume und Spielsachen werden zum Teil ehrenamtlich von Eltern sowie Pädagoginnen und Pädagogen selbst gestaltet und hergestellt.

Info:

Entwicklungsphasen des Kindes

In der Anthroposophie wird die kindliche Entwicklung grob in drei Phasen gegliedert:

  • Das 1. Jahrsiebt:
    Von der Geburt bis zum Zahnwechsel.
  • Das 2. Jahrsiebt:
    Vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife.
  • Das 3. Jahrsiebt:
    Von der Geschlechts reife bis zur geistigen Mündigkeit.

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Anmerkungen:

¹ Wofgang von Sassmannshausen In: Vom Waldorfkindergarten. Hrsg. von der Vereinigung der
Waldorfkindergärten e. V., Neustadt a.d. Weinstraße 2009, S. 11

² Marieluise Compani: Das freie Spiel – ein Quell der Bildung. In: Marie-Luise Compani und Peter Lang
(Hrsg.): Waldorfkindergarten heute: Eine Einführung. Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2015. S. 104

³ Helmut von Kügelgen In: Vom Waldorfkindergarten. Hrsg. von der Vereinigung der Waldorfkindergärten
e. V., Neustadt a.d. Weinstraße 2009, S. 39

Nachhaltig, Natur, Plastikfrei, Spielzeug, Waldorfpädagogik

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