02.07.2019
Joachim Dietermann
Thinkstock

Heute will ich leben!

Der polnische Kinderarzt und Pädagoge Janusz Korczak hat klar Position bezogen: In dem Waisenhaus, das er geleitet hat, sollten die Kinder nicht für die Erfordernisse der Zukunft zugerichtet werden, sondern ihre Kindheit im Hier und Jetzt erleben. Eine Erinnerung an den großen Pädagogen und Kämpfer für die Kinderrechte, dessen Gedanken auch nach hundert Jahren noch mit klugen Gedanken überzeugt.

Im Buch „Rettet die Kindheit“ schreibt der Autor: Was heute die Kindheit bedroht, ist „der Ungeist der Ökonomisierung. Nichts gegen die Kindheit, aber muss sie so lange dauern? Der Leistungsgesellschaft dauern Kindheit und Jugend viel zu lange. So wird das Kind zum Objekt. Nicht sein Wohl steht im Vordergrund, sondern seine spätere Nützlichkeit.“ So klingen kritische Stimmen im Jahr 2018. Daraufhin veröffentlicht ein bedeutender Pädagoge eine Proklamation der Kinderrechte und fordert das Recht des Kindes auf die Gegenwart. So könnte es gewesen sein. Aber nein – das ist keine aktuelle Antwort auf den heutigen Leistungsdruck, sondern der engagierte Aufruf zur Achtung der Rechte der Kinder durch den polnischen Kinderarzt und Pädagogen Janusz Korczak im Jahr 1918 – also genau vor 100 Jahren! Korczak schreibt in seinem Aufsatz „Das Kind in der Familie“ zu Weihnachten1918:

„Achtung. Entweder wir verständigen uns jetzt oder wir trennen uns für immer. Ich fordere die Magna Charta Libertatisals ein Grundgesetz für das Kind. Vielleicht gibt es noch weitere, aber diese drei Grundrechte habe ich herausgefunden:

1. Das Recht des Kindes auf den Tod.

2. Das Recht des Kindes auf den heutigen Tag.

3. Das Recht des Kindes das zu sein, was es ist.“

Jedes Kind hat Rechte – genau wie ein Erwachsener

Motiviert zu diesem Aufruf wird Korczak einerseits durch die Beobachtung, dass das erzieherische Handeln von professionellen Erzieherinnen und Erziehern ausschließlich darauf ausgerichtet ist, die angeblich noch unfertigen Kinder auf die Zukunft vorzubereiten. Andererseits durch seine Erfahrungen mit Eltern der polnischen Bürgerschaft, die ihre Kinderam Leben hindern, um ihr Leben zu beschützen. Im Zentrum seiner Kinderrechte steht also das Recht auf die Gegenwart. Korczak bricht hier mit den herkömmlichen Erziehungsvorstellungen, welche damals auf die Zukunft der Kinder gerichtet waren. Hier wird zum ersten Mal in der Geschichten icht an die Erwachsenen appelliert, das Kind zu umsorgen und zu lieben, es für den Lebenskampf tüchtig zumachen, ihm Vorbild und Wegweiser zu sein, auch nicht die „Erziehung vom Kinde aus“ vorzunehmen, sondern es wird das Respektieren von Kinderrechten eingefordert: Die Anerkennung von Rechten, die das Kind dem Erwachsenen gegenüber ebenbürtig sein lassen. Ausgangspunkt dafür ist Korczaks schon frühe Erkenntnis, dass Kinder nicht erst zu Menschen werden bzw. zu solchen erzogen werden müssen, sondern es jetzt schon sind.

„Erzieher, wenn für dich das Leben ein Friedhof ist,

so erlaube wenigstens den Kindern,

das Leben für eine Wiese zu halten.“

                                                             Janusz Korczak

Das Kind ist Mensch und hat Anspruch auf Menschenwürde und Menschenrechte. „Das Recht des Kindes auf den heutigen Tag“ geht davon aus, dass die Kindheit ein autonomes Stadium im „Hier und Jetzt“ und nicht auf die Zukunft ausgerichtet ist. Das Kind hat ein Recht auf die Gegenwart, auf seine Symbole, Kategorien und Regeln. Korczak forderte vom Erzieher, sich nicht in das Werden des Kindes einzumischen. Der Erzieher sei lediglich für das Kind im Heute verantwortlich. „Der Erzieher ist nicht verpflichtet, die Verantwortung für eine ferne Zukunft auf sich zu nehmen, aber er ist voll verantwortlich für den heutigen Tag. Ich weiß, dass diese Ansicht ein Missverständnis hervorruft. Man denkt gerade umgekehrt (…). Es ist bequemer, die Verantwortung hinauszuschieben, sie in ein nebelhaftes Morgen zu übertragen, als schon heute über jede Stunde Rechenschaft abzulegen. Der Erzieher ist indirekt auch für die Zukunft verantwortlich, vor der Gesellschaft, aber unmittelbar ist er in erster Linie für die Gegenwart vor seinem Zögling verantwortlich.“ „Und indem wir ständig bewusst oder unbewusst vom Erwachsenen aus denken, bringen wir die Hälfte der Menschheit, die mit uns und neben uns in tragischem Zwiespalt lebt, um ihr eigenes Recht auf Kindheit. (…) Wir bürden ihr die Last der Pflichten des zukünftigen Menschen auf, ohne ihr auch nur eines der Rechte des heutigen Menschen zuzugestehen.“

Kindheit: Heute will ich leben! Praxis Kita

Es geht darum, jeden Augenblick ernst zu nehmen

Korczak entdeckt die Wichtigkeit der kindlichen Jahre, die „Arbeit“ des Wachsens, die Ernsthaftigkeit des kindlichen Fühlens und Denkens. Er zeigt, dass wir überhaupt nur im Hier und Heute etwas tun können, was dem Kind hilft. Das Kind hat ein Recht darauf, dass sein Heute ernst genommen wird:

„Lasst uns Achtung haben vor der Unwissenheit des Kindes, vor seiner Erkenntnisarbeit, vor den Misserfolgen und den Tränen, vor dem Eigentum des Kindes, vor seinen Geheimnissen und vor der schweren Arbeit des Wachsens.“

„Lasst uns Achtung haben vor jedem einzelnen Augenblick, denn er verlöscht und wird sich nie mehr wiederholen, man muss ihn immer ernst nehmen. (…) Wir wollen ihm doch gern erlauben, voller Vertrauen die Freude des Morgens zu trinken. Eben das möchte das Kind. Es ist ihm nicht schade um die Zeit für ein Märchen, für ein Gespräch mit dem Hund, für ein Ballspiel; es hat Zeit, ein Bild genau zu betrachten, Buchstaben zu malen und das alles mit Freuden. (…)“

„Lasst uns Achtung haben vor der gegenwärtigen Stunde, dem heutigen Tag. Wie soll (das Kind) morgen leben können, wenn wir ihm heute kein bewusstes, verantwortungsvolles Leben ermöglichen?“.

 Aus dieser „Achtung des Kindes“ und dem „Recht auf den heutigen Tag“ erwächst eine Haltung, die auf gegenseitiges Vertrauen zwischen Erwachsenem und Kind setzt. Das wichtigste Ziel dieses Vertrauens ist die Beteiligung der Kinder. Sie dürfen mitarbeiten. Das wird ihnen zugetraut und zugemutet– und zwar nicht nur ausnahmsweise oder zu besonderen Gelegenheiten, sondern im Alltag des gemeinsamen Lebens. Die Kinder dürfen sich selbst organisieren, um ihr Zusammenleben zu gestalten und Verantwortung zu übernehmen. Sie werden zur Selbsthilfe ermutigt.

Schreiben, Wetten und Kameradschaftsgericht –Korczaks kreative Erziehungsmethoden

Mit großem Einfallsreichtum und immer neuen ungewöhnlichen Ideen entwickelt Janusz Korczak eine Fülle von Methoden, um den Dialog mit den Kindern in Richtung Selbsterziehung zu fördern. Die schriftliche Kommunikation genießt bei Korczak hohes Ansehen. Alles soll immer aufgeschrieben werden. Es gibt einen Briefkasten für Kummer und Beschwerden, ein Dank- und Entschuldigungsbuch sowie Tagebücher, zu denen die Kinder ermutigt werden. Das Aufschreiben verschafft Zeit zum Überlegen und führt zu einer Verlangsamung der pädagogischen Reaktion („Schreib es auf, dann sprechen wir darüber.“). Es dient auch dazu, die vielen gleichberechtigten Dienste zu organisieren, in die alle miteinbezogen sind. Auch der „Herr Doktor“ macht mit – seine besondere Liebe gilt dem Schuheputzen! Eine weitere Methode sind die Wetten. Korczak schließt mit den Kindern Wetten ab. Jeder kann eintragen, worin er sich bessern möchte, zum Beispiel, dass er nicht mehr lügen oder schimpfen wird. Oder auch, dass er sich nur zwei Mal die Woche streiten wird. Dem Gewinner zahlte man zwei Bonbons aus. Selbstverständlich ging es nicht um die Bonbons, sondern um den Sieg über sich selbst, um das Aufzeigen eines Weges zum Kampf mit den eigenen Fehlern. Das ermutigt die Kinder. Schließlich gibt es das Kameradschaftsgericht. In diesem Gericht sind die Kinder die Richter. Hier lernen die Kinder, was Gerechtigkeit ist. Aber die wesentliche Aufgabe des Gerichts ist das Verzeihen im Sinn von: „Das haben wir geklärt. Jetzt setzen wir uns wieder zusammen.“

Erziehung ohne Humor? – Undenkbar für Korczak

Für Korczak ist das alles nur vermittelbar mit einer riesigen  Humor. Die fröhliche Pädagogik bzw. die Pädagogik mit Augenzwinkern prägt seinen Umgang mit Kindern und Erwachsenen. Zum Beispiel die Erziehungsmittel: Wie gehe ich mit einem Kind um, das nicht hört? „Ich sage nicht: ‚Hundertmal kann man es dir sagen.‘ Er erwidert sofort: ‚Überhaupt nicht hundertmal‘, und er hat recht damit. Also sage ich vielmehr: ‚Ich habe es dir am Montag, am Dienstag, am Mittwoch, am Donnerstag … und am Sonntag wiederholt‘ oder: ‚Schon im Januar, im Februar, März, April …habe ich es dir gesagt. Ich behaupte nicht, dass das gar nicht hilft, sondern nur, dass es wenig hilft, zu wenig.‘ Und ich erreiche gleichzeitig zweierlei: ‚Ich ermuntere sie zu weiteren Anstrengungen über einen längeren Zeitraum hinweg und bereichere ihren

Wortschatz.“ Er appelliert unermüdlich an die Erziehenden, eine humorvolle Grundhaltung zu entwickeln: „Erlaube den Kindern, Fehler zu machen und frohen Mutes nach Besserung zu streben. Kinder wollen lachen, rennen, übermütig sein. Erzieher, wenn für dich das Leben ein Friedhof ist, so erlaube wenigstens den Kindern, das Leben für eine Wiese zu halten.“ Korczak lässt keinen Zweifel daran, dass all diese pädagogischen Wege nicht von der Laune oder Willkür der Erziehenden abhängig sein dürfen, sondern als Rechte der Kinder institutionell verankert sein müssen. Die Grundrechte schützen das Kind, aber auch den Erwachsenen, sofern er diese als Herausforderung begreift. Dann können diese Rechte ihm helfen, diese Haltung zum Kind aufzubauen, die den Prinzipien von Achtung, Vertrauen und Liebe folgt. Dann kann das Kind sein, was es ist: „Das ist Kindheit: Zeit haben, zum Erwachsenenzu reifen, andere achten und verstehen zu lernen. Das Leben und seine Vielfalt spielerisch entdecken und die eigenen Stärken erkennen. Muße haben, sich in der Zeit zu entwickeln,die es nun einmal braucht, in Ruhe gelassen zu werden von einer Leistungsgesellschaft, die Kindern diese Ruhe nicht gönnen mag.“

Heute will ich leben!

Janusz Korczak ist mit seiner Einstellung zum heutigen Tag und seiner Betonung des Augenblicks tief in der jüdischen Lebens- und Glaubensauffassung verwurzelt. Damit ist er eng verbunden mit anderen jüdischen Zeitgenossen wie Martin Buber und Franz Rosenzweig. Ein Zitat Franz Rosenzweigs veranschaulicht das: „Die ganze Kunst des Lebens steckt wohl darin, in jedem Augenblick immer das Nächste, immer nur den Anfang zu wollen und das Ende – Gott befohlen sein lassen (…). Man muss das Nächste so tun, als gäbe es weiter gar nichts, schon das Übernächste geht uns nichts mehr an.“ In diesem Sinn hat wohl die jüdisch-christliche Prägung auch bei mir als Pfarrer ihre Spuren hinterlassen. Für mich verdichtete sich der Spruch einer amerikanischen Nonne „Today is the first day of the rest of your life“ zu dem einzigen Wörtchen „Today“ („Heute“), das in meinem Arbeitszimmer seinen Platz fand und mich täglich daran erinnert: Heute will ich leben, nicht gestern und nicht morgen. Heute!

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