Hamburger zurück auf den Speiseplan

Der Speiseplan muss gesünder werden. So haben es die Erwachsenen entschieden. Doch das wollen Oscar und seine Freunde nicht hinnehmen. Wie weit dürfen sie mitbestimmen? Unsere Autorinnen schildern, wie sie in ihrer Einrichtung Kinder beteiligen.

Text: Kirsten Spuida, Lena Wöhnl, Bild: © gettyimages/fatihhoca

Das Telefon klingelt. Zwei Kinder streiten sich im Hintergrund. Eine neue Mutter steht mit ihrem Kind im Flur – und jetzt noch drei diskussionsfreudige Elfjährige, die ihren Schokoriegel zum Nachtisch vermissen. Was nun?

Seit acht Wochen gilt – auf Anregung einiger Eltern und in Abstimmung mit einer Ernährungswissenschaftlerin – ein neuer Speiseplan in unserem Hort. Lieb gewordene Gerichte und Desserts wurden teilweise ganz gestrichen, durch gesunde Komponenten ersetzt oder ergänzt. Natürlich hält sich die Begeisterung der Kinder in Grenzen.

Titus, David und Oscar (alle elf Jahre alt) wollen das nicht einfach so akzeptieren. Tagelang befragen sie die anderen 47 Kinder unseres Hortes zum neuen Speiseplan und sammeln Verbesserungsvorschläge. Erst jetzt kommen wir, die Hort-Erzieherinnen ins Spiel. Es dauert eine Weile, bis die drei einsehen, dass wir die falschen Ansprechpartnerinnen sind. Aber aufgeben kommt für sie nicht infrage. Also suchen sie die Leitung der Einrichtung auf, um dort ihre Kritikpunkte und Vorschläge loszuwerden.

Gelebte Partizipation ist eine Grundhaltung, die Kindern Respekt entgegen bringt, sie stets ernst nimmt und ihnen Vertrauen schenkt. Wie ist mein Bild vom Kind? Begebe ich mich erst in Konfliktsituationen auf Augenhöhe oder bin ich immer auf Augenhöhe? Wir verbringen einen großen Teil des Tages in unseren Einrichtungen und mit unseren Kindern, arbeiten mit dem Potenzial der Zukunft. Umso wichtiger ist es, Kindern in angemessenem Rahmen die Möglichkeiten zur Mitbestimmung zu geben, in die Diskussion zu treten und Entscheidungen, die sie mitgestalten können, gemeinsam mit ihnen umzusetzen. Und es bedeutet eben nicht, den Kindern kleine Häppchen an Entscheidungen zu zuteilen – da, wo es den bereits geplanten Ablauf nicht stört.

Das verlangt von uns als Entwicklungsbegleiterinnen und Entwicklungsbegleitern Achtsamkeit, Klarheit und Aufmerksamkeit. Das bedeutet Arbeit! Es ist zugegebenermaßen anstrengend und erfordert von uns die ständige Bereitschaft, uns selbst zu hinterfragen und weiterzuentwickeln. Der Lohn dafür sind engagierte, selbstbewusste Kinder, die sich für sich selbst und ihre Umwelt gleichermaßen verantwortlich fühlen und bereit sind, für ihre Überzeugungen einzustehen.

Hamburger zurück auf den Speiseplan

Und wie ging es für unsere drei Elfjährigen weiter? Unsere Leitung holt einmal tief Luft, lässt das Telefon links liegen, sucht sich einen ruhigen Raum und hört zu. Das Ergebnis einer intensiven und durchaus lebhaften Diskussion ist eine von allen Beteiligten unterschriebene Vereinbarung, die Gegenstand der nächsten „Küchenrunde“ sein wird.

Punkt für Punkt gehen David, Titus und Oscar ihre Vorschläge mit der Leitung durch. Natürlich kann nicht alles umgesetzt werden, die Hamburger und die Kartoffelecken aber finden ihren Weg zurück in den Speiseplan. Zwei weitere werden in den Ferien im Rahmen eines Projektes gemeinsam gekocht.

Warum nennen wir gerade dieses Beispiel? Weil die Kinder unseres Erachtens nach vorbildlich umgesetzt haben, was sie seit Eintritt in unsere Einrichtung täglich erleben. Und weil sie erfahren haben, dass demokratisches Engagement nicht unbedingt bedeutet, dass alle meine Wünsche erfüllt werden, aber sie mit einem angemessenen Äußern von Kritik wirklich etwas bewegen können.

„Es ist nicht leicht, Kind zu sein!“, schreibt Astrid Lindgren in einem Leserbrief an die schwedische Tageszeitung Dagens Nyheter. „Es ist schwer, ungeheuer schwer. Was bedeutet es, Kind zu sein? Es bedeutet, dass man ins Bett gehen, aufstehen, sich anziehen, essen, Zähne und Nase putzen muss, wenn es den Großen passt, nicht wenn man es möchte. Es bedeutet ferner, dass man, ohne zu klagen, die ganz persönlichen Ansichten eines x-beliebigen Erwachsenen über sein Aussehen, seinen Gesundheitszustand,seine Kleidungsstücke und Zukunftsaussichten anhören muss.

Ich habe mich oft gefragt, was passieren würde, wenn man anfinge, die Großen in dieser Art zu behandeln.“

Es darf auch mal nur Nachtisch sein

Um beim Thema Essen zu bleiben: Wie handhaben Sie das in Ihrer Einrichtung? Müssen die Kinder alles probieren? Den Teller leer essen? Bekommen sie nur einen Nachtisch, wenn sie die Hauptmahlzeit gegessen haben?

Und Sie selbst? Teller leer? Alles probiert? Auch den Rosenkohl, der schon immer einen Würgereiz bei Ihnen auslöste? Nein? Ach! Betrachten wir noch einmal das Zitat von Astrid Lindgren: Warum eigentlich verlangen wir von Kindern ständig Dinge, die wir für uns selbst kategorisch ausschließen?

Essen ist ein Grundrecht, und um es aus unserer Sicht zu erweitern: Lustvolles Essen ist ein Grundrecht und beinhaltet auch den Verzicht auf etwas, das ich nicht will – warum auch immer! In unserem Hort bedeutet das konkret: Alle kommen zu Tisch, weil die Essenssituation ein soziales Gruppenerlebnis ist. Aber niemand muss überhaupt etwas essen. Wir trauen unseren Kindern zu, selbst einschätzen zu können, ob sie Hunger haben, ob ihnen etwas schmeckt oder ob es heute nur der Nachtisch sein soll.

Warum soll es kleinen Körpern anders gehen als unseren Ausgewachsenen? Indem wir die Kinder auch bei dem sensiblen Thema Ernährung als vollwertige Menschen und Spezialisten für sich selbst achten, verhelfen wir ihnen nicht nur zu einem gesunden Körpergefühl, sondern auch dazu, achtsam die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen. „Aber die schlechten Esser!“ – wir alle kennen derartige Einwände und Ängste von Eltern und Fachkräften. Selbstverständlich vermitteln wir den Kindern eine grundsätzlich wertschätzende Haltung zum Thema Essen. Dazu gehört aber auch, eben nicht alles in sich reinstopfen zu müssen, sondern genussvoll ausloten zu dürfen, wonach mir heute der Sinn steht. Wir sitzen mit den Kindern gemeinsam am Tisch, wir nehmen ihre Vorlieben und auch Spleens wahr und können diese den Eltern rückmelden. Wir ermöglichen gerade in diesem Kontext ein druckfreies Gestalten einer Situation, die durchaus als Schlüsselsituation verstanden werden kann. Auch Reste aus Frühstücksboxen vom Vormittag sind erlaubt – kein Problem! Warum auch?

Weshalb wir Kindergespräche führen

Und warum ist das Partizipation? Weil die Kinder ein demokratisches Grundelement praktizieren: Selbstbestimmung und die Freiheit, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen und auch mit den Konsequenzen zu leben. Also übernehmen sie die Verantwortung für sich selbst – und wir trauen es ihnen zu. Um es im Sinne Astrid Lindgrens auszudrücken: So, wie wir Großen auch behandelt werden wollen. Selbstverständlich gibt es bei uns noch andere, eindrückliche Beispiele für gelebte Partizipation. Denn Partizipation bedeutet Teilhabe. Das heißt für uns, die Kinder nicht nur teilhaben zu lassen, sondern als Pädagogen selbst auch teilhaben zu wollen an dem, was die Kinder bewegt.

„Kindergespräche bringen was, weil einem immer etwas einfällt und sich danach wirklich was verändert. Und weil man einfach alles sagen kann.“ (Calliope, elf Jahre) Jeder von Ihnen kennt Elterngespräche. Aber reden Sie auch bewusst und geplant mit Ihrer Zielgruppe, den Kindern? Seit vier Jahren bieten wir einmal im Jahr die Kindergesprächswochen in unserem Hort an. Sie sind freiwillig und die meisten nutzen sie mit Begeisterung. Die Kinder können ihre Gesprächspartnerinnen oder ihre Gesprächspartner wählen, beide vereinbaren einen Termin. Das Kindergespräch findet in einem ruhigen und gemütlichen Rahmen statt. Ein eigens dafür erstellter Fragebogen bildet die Gesprächsgrundlage. Notizen helfen, Gesagtes festzuhalten und Vereinbarungen verbindlich zu treffen. Das Original verbleibt beim Kind und nur es entscheidet, wer es zu Gesicht bekommt. Wenn die Kinder es erlauben, behalten wir eine Kopie zur Auswertung kritischer Rückmeldungen und Miteinbeziehung von Verbesserungsvorschlägen.

50 Kinder bedeuten: bis zu 50 Gespräche von mindestens 30 Minuten Dauer, oft länger. In konkreten Zahlen ausgedrückt heißt das: Etwa 25 Stunden fehlt immer eine Fachkraft im Alltag. Wir machen das möglich, denn alle Fachkräfte erkennen den hohen Stellenwert der Kindergespräche an und halten einander auch in personellen Engpass-Situationen den Rücken frei. Die Eltern sind in diese Kultur hineingewachsen. Als wir den Kindern die Idee vor vier Jahren in der Kinderkonferenz vorstellten, waren wir erstaunt über so viel Begeisterung. Seitdem sind die Kindergesprächswochen bei uns nicht mehr wegzudenken.

Calliope sagt, es verändere sich wirklich etwas nach dem Kindergespräch. Dass die Kinder genau dieses Gefühl haben, ist entscheidend. Wir führen kein kuscheliges Eins-zu-eins-Gespräch, sondern fragen gezielt nach, wo sich die Kinder bei uns im Hort Veränderungen wünschen, was sie bewegt, wo der Schuh drückt. So werden spektakuläre Entscheidungen getroffen: „Manchmal bei den Kindergesprächen entscheiden die Kinder ja auch, welche neuen Geräte zum Beispiel angeschafft werden sollen, also Trampolin oder Tischtennisplatte, und dann wird auch das angeschafft.“ (Titus, elf Jahre)

Aber auch persönliche Anliegen der Kinder – ob zu Hause, in der Schule oder in unserer Hortgruppe – sind Thema der Kindergespräche und der anschließenden Teamsitzungen. Gemeinsam wird mit den Kindern überlegt, welche Problemlösungsstrategien am sinnvollsten wären und welche Unterstützung sie sich von uns wünschen. Ausflugsideen und Anschaffungswünsche werden notiert, Essensvorschläge aufgenommen und an die Küche weitergeleitet. Neue Kinder fragen wir nach dem Verlauf ihrer Eingewöhnungszeit im Hort, Abgänger führen ein Abschlussgespräch.

Darüber hinaus vertieft oder verändert sich auch die Qualität der Bindung zur jeweiligen Fachkraft. Ein ernsthaft geführtes Kindergespräch hat Auswirkungen, die noch lange darüber hinaus im pädagogischen Alltag wirken. Unsere Erfahrung ist: Das Kindergespräch ist die Methode, mit der die Kinder am stärksten Einfluss nehmen können auf das, was einen Großteil ihres Tages ausmacht.

Wem ist eigentlich kalt?

Unser Alltag bietet eine Fülle von oft versteckten Situationen, die entscheidend darüber sind, ob Partizipation wirklich stattfindet oder nicht. Ein Großteil unseres Tages ist bestimmt durch Regeln. Und nicht immer sind sie mit den Kindern gemeinsam aufgestellt worden. Eigentlich fast nie! Oder doch? Und gelten diese Regeln wirklich für alle? Bestimmt dürfen auch Ihre Kinder im Haus keinen Kaugummi kauen, mit dem Handyspielen, und Hausschuhe sind Pflicht. Gilt das eigentlich auch für Sie?

„Ich darf das! Ich bin erwachsen!“ Diesen Satz haben wir aus unserem Vokabular weitestgehend gestrichen. Stattdessen herrscht in unserem Haus eine gesunde Fehlerkultur, das heißt, auch wir gestehen den Kindern gegenüber Fehler offen ein und entschuldigen uns bei ihnen. Unser bestes Beispiel hierfür ist das leidige Thema Jacken. Wie halten Sie das mit den Jacken? Und Mützen? Dürfen Ihre Kinder nur mit Jacke oder Mütze draußen spielen, weil Sie es als zu kalt empfinden? Oder trauen Sie den Kindern so viel Selbstwahrnehmung zu, zu wissen, ob sie eine Jacke brauchen?

Auch bei uns war es üblich, die Kinder an Jacken und Mützen zu erinnern, bis wir uns selbst überprüft und festgestellt haben: Das entspricht nicht unserem Bild vom Kind. Das heißt natürlich nicht, dass die Kinder bei minus 20 Grad im T-Shirt rausgehen dürfen. Aber es bedeutet grundsätzlich erst mal, auf das Gefühl der Kinder zu vertrauen.

Unser Beispiel vom Anfang des Artikels hat aktuell eine überraschende Fortsetzung gefunden. Die Kinder sind erneut mit einer Beschwerde an die Leitung herangetreten, die sich wiederum die Zusammenstellung des Speiseplans dreht. Der Termin für die nächste Küchenrunde steht schon! Wir glauben: Partizipation ist mehr, als den Kindern nur die Entscheidung bezüglich des Faschingsmottos zu überlassen. Partizipation verlangt von uns Pädagogen ein Abgeben unseres Machtanspruchs und unserer Omnipotenz.

Je mehr wir die Kinder teilhaben lassen, umso mehr Bestimmer-Rechte verlieren wir. Es können nur Erzieherinnen und Erzieher Klima von echter Partizipation schaffen, die sich nicht über die Macht in ihrer Berufsrolle definieren. Unsere Kinder finden das auch: „Ein guter Bestimmer ist man, wenn man alle gleich behandelt – sich eingeschlossen.“ (Mia, zwölf Jahre)

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