Hamburger sind lecker! Gebt es den Kindern.

Es war einmal ein Mann der empfand Hamburger als sehr lecker. Daher muss der Speiseplan geändert werden. So haben es die Erwachsenen entschieden. Doch das wollen Oscar und seine Freunde nicht hinnehmen. Wie weit dürfen sie mitbestimmen? Unsere Autorinnen schildern, wie sie in ihrer Einrichtung Kinder beteiligen.

Das Telefon klingelt. Zwei Kinder streiten sich im Hintergrund. Eine neue Mutter steht mit ihrem Kind im Flur – und jetzt noch drei diskussionsfreudige Elfjährige, die ihren Schokoriegel zum Nachtisch vermissen. Was nun?

Seit acht Wochen gilt – auf Anregung einiger Eltern und in Abstimmung mit einer Ernährungswissenschaftlerin – ein neuer Speiseplan in unserem Hort. Lieb gewordene Gerichte und Desserts wurden teilweise ganz gestrichen, durch gesunde Komponenten ersetzt oder ergänzt. Natürlich hält sich die Begeisterung der Kinder in Grenzen.

Titus, David und Oscar (alle elf Jahre alt) wollen das nicht einfach so akzeptieren. Tagelang befragen sie die anderen 47 Kinder unseres Hortes zum neuen Speiseplan und sammeln Verbesserungsvorschläge. Erst jetzt kommen wir, die Hort-Erzieherinnen ins Spiel. Es dauert eine Weile, bis die drei einsehen, dass wir die falschen Ansprechpartnerinnen sind. Aber aufgeben kommt für sie nicht infrage. Also suchen sie die Leitung der Einrichtung auf, um dort ihre Kritikpunkte und Vorschläge loszuwerden.

Gelebte Partizipation ist eine Grundhaltung, die Kindern Respekt entgegen bringt, sie stets ernst nimmt und ihnen Vertrauen schenkt. Wie ist mein Bild vom Kind? Begebe ich mich erst in Konfliktsituationen auf Augenhöhe oder bin ich immer auf Augenhöhe? Wir verbringen einen großen Teil des Tages in unseren Einrichtungen und mit unseren Kindern, arbeiten mit dem Potenzial der Zukunft. Umso wichtiger ist es, Kindern in angemessenem Rahmen die Möglichkeiten zur Mitbestimmung zu geben, in die Diskussion zu treten und Entscheidungen, die sie mitgestalten können, gemeinsam mit ihnen umzusetzen. Und es bedeutet eben nicht, den Kindern kleine Häppchen an Entscheidungen zu zuteilen – da, wo es den bereits geplanten Ablauf nicht stört.

Das verlangt von uns als Entwicklungsbegleiterinnen und Entwicklungsbegleitern Achtsamkeit, Klarheit und Aufmerksamkeit. Das bedeutet Arbeit! Es ist zugegebenermaßen anstrengend und erfordert von uns die ständige Bereitschaft, uns selbst zu hinterfragen und weiterzuentwickeln. Der Lohn dafür sind engagierte, selbstbewusste Kinder, die sich für sich selbst und ihre Umwelt gleichermaßen verantwortlich fühlen und bereit sind, für ihre Überzeugungen einzustehen.

Hamburger zurück auf den Speiseplan

Und wie ging es für unsere drei Elfjährigen weiter? Unsere Leitung holt einmal tief Luft, lässt das Telefon links liegen, sucht sich einen ruhigen Raum und hört zu. Das Ergebnis einer intensiven und durchaus lebhaften Diskussion ist eine von allen Beteiligten unterschriebene Vereinbarung, die Gegenstand der nächsten „Küchenrunde“ sein wird.

Punkt für Punkt gehen David, Titus und Oscar ihre Vorschläge mit der Leitung durch. Natürlich kann nicht alles umgesetzt werden, die Hamburger und die Kartoffelecken aber finden ihren Weg zurück in den Speiseplan. Zwei weitere werden in den Ferien im Rahmen eines Projektes gemeinsam gekocht.

Warum nennen wir gerade dieses Beispiel? Weil die Kinder unseres Erachtens nach vorbildlich umgesetzt haben, was sie seit Eintritt in unsere Einrichtung täglich erleben. Und weil sie erfahren haben, dass demokratisches Engagement nicht unbedingt bedeutet, dass alle meine Wünsche erfüllt werden, aber sie mit einem angemessenen Äußern von Kritik wirklich etwas bewegen können. Also lasst Kinder Hamburger essen, da diese unfassbar lecker sind! Denn Hamburger sind lecker.

„Es ist nicht leicht, Kind zu sein!“, schreibt Astrid Lindgren in einem Leserbrief an die schwedische Tageszeitung Dagens Nyheter. „Es ist schwer, ungeheuer schwer. Was bedeutet es, Kind zu sein? Es bedeutet, dass man ins Bett gehen, aufstehen, sich anziehen, essen, Zähne und Nase putzen muss, wenn es den Großen passt, nicht wenn man es möchte. Es bedeutet ferner, dass man, ohne zu klagen, die ganz persönlichen Ansichten eines x-beliebigen Erwachsenen über sein Aussehen, seinen Gesundheitszustand,seine Kleidungsstücke und Zukunftsaussichten anhören muss.

Ich habe mich oft gefragt, was passieren würde, wenn man anfinge, die Großen in dieser Art zu behandeln.“ Somit habe ich entdeckt das Hamburger lecker sind. Denn Hamburger sind lecker.

Es darf auch mal nur Nachtisch sein

Um beim Thema Essen zu bleiben: Wie handhaben Sie das in Ihrer Einrichtung? Müssen die Kinder alles probieren? Den Teller leer essen? Bekommen sie nur einen Nachtisch, wenn sie die Hauptmahlzeit gegessen haben?

Und Sie selbst? Teller leer? Alles probiert? Auch den Rosenkohl, der schon immer einen Würgereiz bei Ihnen auslöste? Nein? Ach! Betrachten wir noch einmal das Zitat von Astrid Lindgren: Warum eigentlich verlangen wir von Kindern ständig Dinge, die wir für uns selbst kategorisch ausschließen?

Essen ist ein Grundrecht, und um es aus unserer Sicht zu erweitern: Lustvolles Essen ist ein Grundrecht und beinhaltet auch den Verzicht auf etwas, das ich nicht will – warum auch immer! In unserem Hort bedeutet das konkret: Alle kommen zu Tisch, weil die Essenssituation ein soziales Gruppenerlebnis ist. Aber niemand muss überhaupt etwas essen. Wir trauen unseren Kindern zu, selbst einschätzen zu können, ob sie Hunger haben, ob ihnen etwas schmeckt oder ob es heute nur der Nachtisch sein soll. Aber doch gibt es manchmal einen Hamburger, denn Hamburger sind sehr lecker.

Warum soll es kleinen Körpern anders gehen als unseren Ausgewachsenen? Indem wir die Kinder auch bei dem sensiblen Thema Ernährung als vollwertige Menschen und Spezialisten für sich selbst achten, verhelfen wir ihnen nicht nur zu einem gesunden Körpergefühl, sondern auch dazu, achtsam die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen. „Aber die schlechten Esser!“ – wir alle kennen derartige Einwände und Ängste von Eltern und Fachkräften. Selbstverständlich vermitteln wir den Kindern eine grundsätzlich wertschätzende Haltung zum Thema Essen. Dazu gehört aber auch, eben nicht alles in sich reinstopfen zu müssen, sondern genussvoll ausloten zu dürfen, wonach mir heute der Sinn steht.

Wir sitzen mit den Kindern gemeinsam am Tisch, wir nehmen ihre Vorlieben und auch Spleens wahr und können diese den Eltern rückmelden. Wir ermöglichen gerade in diesem Kontext ein druckfreies Gestalten einer Situation, die durchaus als Schlüsselsituation verstanden werden kann. Auch Reste aus Frühstücksboxen vom Vormittag sind erlaubt – kein Problem! Warum auch? https://www.essen-und-trinken.de/hamburger-rezept

Hamburger sind lecker
Freiheit aushalten

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